Aktionäre klagen

Hat Oracle zu viel für Netsuite gezahlt?

19.07.2022
Von 
Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Was hat sich Oracle-Chef Larry Ellison nur dabei gedacht, als er 2016 sagenhafte 9,3 Milliarden Dollar für Netsuite bezahlt hat? Aktionärsvertreter haben gegen ihn und CEO Safra Catz Anklage erhoben.
US-Richter werden den Kauf von Netsuite durch Oracle noch einmal ganz genau unter die Lupe nehmen.
US-Richter werden den Kauf von Netsuite durch Oracle noch einmal ganz genau unter die Lupe nehmen.
Foto: Andrey Burmakin - shutterstock.com

Showdown in Georgetown. Das Verfahren vor dem Chancery Court im US-Bundesstaat Delaware gegen die Oracle-Führung wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten im Zuge der 9,3 Milliarden Dollar teuren Übernahme von Netsuite im Jahr 2016 nimmt Fahrt auf. In der Woche vom 18. bis 22. Juli sind mehrere Anhörungen im Prozess angesetzt. Aktionäre werfen dem Softwarekonzern vor, zu viel für den Cloud-ERP-Anbieter gezahlt und damit die Anteilseigner geschädigt zu haben. Anwälte der Kläger beschuldigen zudem Oracle-Gründer Larry Ellison, "unerlaubter Manipulationen" im Zuge der Übernahme vorgenommen zu haben.

Tatsächlich hatte Ellison von Anfang an bei Netsuite seine Finger im Spiel. Kurz nach der Gründung 1998 investierte der damalige Oracle-CEO über sein Venture-Capital-Unternehmen Tako Ventures 125 Millionen Dollar in das Cloud-Startup. 2007 ging Netsuite an die Börse. Kurz vor der Übernahme durch Oracle gehörten Ellison knapp 40 Prozent der Netsuite-Aktien. Ohne die Zustimmung des Oracle-Gründers lief beim Cloud-Spezialisten gar nichts. In einem Bericht an die US-amerikanische Finanzaufsicht aus dem Jahr 2015 hieß es: "Ellison ist in der Lage, die Kontrolle über die Genehmigung wichtiger Unternehmenstransaktionen auszuüben, einschließlich eines Kontrollwechsels oder einer Liquidation."

Hat Ellison den Oracle-Vorstand unter Druck gesetzt?

Angesichts des offensichtlichen Interessenskonfliktes stand die Akquisition schon 2016 unter Beobachtung der Finanzbehörden und diverser Prüfungskomitees. Die Übernahme selbst verlief dann entsprechend holprig. Einige Netsuite-Aktionäre verweigerten zunächst ihre Zustimmung. Erst nach einer Fristverlängerung konnte Oracle die Übernahme Anfang November abschließen.

Doch der Ärger ging weiter. Oracle-Aktionäre verklagten den Konzern, weil aus ihrer Sicht zu viel für Netsuite bezahlt wurde. Ellison habe die Vorstandsmitglieder von Oracle dazu gedrängt, den Kauf zu einem angeblich überhöhten Preis zu genehmigen, um sich auf Kosten der Aktionäre zu bereichern, so der Vorwurf der Kläger. Die Aktionärsklagen wurden später beim Hauptkläger Firemen's Retirement System aus St. Louis gebündelt.

Der Netsuite-Deal und die Hintergründe

Henley und Hurd aus dem Schneider

Versuche Oracles, die Klage abweisen zu lassen, scheiterten. Lediglich der Kreis der Beschuldigten wurde kleiner. Im Juni 2020 wies Richter Sam Glasscock III Klagen gegen NetSuite-CEO Zachary Nelson und Mitbegründer Evan Goldberg ab, wonach diese für die Vertuschung von Informationen über ihre Geschäfte mit Ellison und Oracle CEO-Safra Catz verantwortlich gewesen sein sollen. Hätte der Oracle-Vorstand diese Informationen gehabt, wäre der NetSuite-Deal möglicherweise verhindert worden, sagen die Kläger.

Erst im Juni erklärte Glasscock zudem, dass gegen Jeffrey Henley, Vice Chairman von Oracle, und Paula Hurd, Ehefrau des 2019 verstorbenen Oracle-Co-CEO Mark Hurd, nicht weiter ermittelt werde. Der Vorwurf, die Interessen der Anteilseigner nicht ausreichend geschützt zu haben, sei nicht haltbar.

Gericht konzentriert sich auf Ellison und Catz

Dagegen kann laut Glasscock Oracle-Vorstand Renée James, Mitglied des Sonderausschusses, der den Netsuite-Deal 2016 geprüft hat, wegen Verletzung der Treuepflicht angeklagt werden. James habe nicht unabhängig von Ellison agiert, argumentiert das Gericht und kündigte Ermittlungen an. Anträge, die Klagen gegen Ellison und Catz abzuweisen, hatte der Richter bereits vor drei Jahren abgelehnt. Ellison und die anderen Führungskräfte und Vorstandsmitglieder von Oracle haben die Anschuldigungen stets bestritten.

Oracle-Gründer Larry Ellison wird dem Gericht einige unangenehme Fragen beantworten müssen, warum Oracle so viel Geld für Netsuite gezahlt hat.
Oracle-Gründer Larry Ellison wird dem Gericht einige unangenehme Fragen beantworten müssen, warum Oracle so viel Geld für Netsuite gezahlt hat.
Foto: Oracle

Vertreter der Klägerpartei blicken dem Verfahren zuversichtlich entgegen. Die jüngsten Entscheidungen seien ein wichtiger Schritt gewesen, um zu bestimmen, wer letztendlich für den überhöhten Preis von Netsuite verantwortlich gemacht werden kann, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters Randall Baron von Robbins Geller Rudman & Dowd, den Hauptrechtsbeistand des Oracle-Anteilseigners Firemen's Retirement System of St. Louis.