Keine Innovation ohne Motivation

Graue Theorie im Management killt Kreativität



Joachim Skura ist Thought Leader Human Capital Management bei Oracle. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Recruiting-Bereich und hat sowohl als Unternehmensberater als auch HR-Verantwortlicher einer Großbank gearbeitet. In diesen Funktionen hat er Recruiting-Prozesse von Unternehmen optimiert, Manager evaluiert und Teamstrukturen analysiert. Die Auswirkungen der Digitalisierung und Cloud-Computing auf das Personalwesen machen derzeit die Schwerpunkte seiner Arbeit aus.
Mitarbeiter benötigen Handlungsspielraum in Geist und Tat, um Innovationen entwickeln zu können. Die Realität in Unternehmen zeigt jedoch, dass die starren, einseitig auf Produktivität ausgerichteten Managementrichtlinien die Kreativität der Mitarbeiter mehr hemmen als fördern. Die Bedeutung der Motivation wird unterschätzt.
  • Viele Unternehmen wenden neue Technologien nur auf die überholten Geschäftsmodelle an.
  • Mitarbeiter sind in Zeiten der "Knowledge Economy" immer noch die wertvollste Ressource.
  • Menschen sind produktiv und kreativ, wenn sie tun, was sie lieben.

Im Idealfall verbessern neue Technologien unsere Lebensqualität. Im medizinischen Bereich tragen zum Beispiel leistungsstarke Analyse-Tools in der Forschung zum besseren Verständnis des menschlichen Körpers und einer schnelleren Genesung bei. Auch auf dem Gebiet der Robotik entwickeln Unternehmen Exoskelette mit Sprachsteuerung, die Patienten mit Wirbelsäulenverletzungen helfen, wieder zu gehen. Sogar bei der Herstellung von Alltagsprodukten kommt innovative Technik zum Einsatz, wie beispielsweise bei Schuhen, die vollständig aus Algen hergestellt werden.

Gute Manager wissen, dass Mitarbeiter die besten Leistungen erbringen, wenn sie Freiräume zur intellektuellen Entfaltung haben.
Gute Manager wissen, dass Mitarbeiter die besten Leistungen erbringen, wenn sie Freiräume zur intellektuellen Entfaltung haben.
Foto: keport - shutterstock.com

Neue Techniken sorgen natürlich auch in der Geschäftswelt für Mehrwert, allerdings wird bisher nur ein Bruchteil ihres Potenzials genutzt. Anstatt mit Analytics, Cloud-Technologie, KI und Chatbots weiter voranzuschreiten, verwaltende Prozesse zu automatisieren und Mitarbeiter zu ermutigen, ihre Kreativität in Sachen Business einzubringen, wenden viele Unternehmen die neuen Technologien einfach nur auf die überholten Geschäftsmodelle an. Soll heißen, dass vor dem tatsächlichen und umfassenden Wandel die Steigerung der Produktivität Vorrang hat.

Kreativität benötigt Freiräume

Gute Manager wissen, dass ihre Mitarbeiter die besten Leistungen erbringen, wenn sie Freiräume zur intellektuellen Entfaltung haben und nicht, wenn sie unter dem Banner einer veralteten Managementdoktrin in ein geistiges Korsett gepresst werden - gewissermaßen lediglich gegen Key-Performance-Indikatoren (KPI) laufen. Werden die operativen Flanken zu eng gesteckt, kann nur schwerlich etwas Neues entstehen. Mit anderen Worten: Wenn Mitarbeiter ermutigt werden, Kreativität und Engagement für das Unternehmen einzubringen, schlägt sich dies auch in einer verbesserten Produktivität und Leistung nieder.

Als Gegenargument wird oftmals vorgebracht, dass Betriebe Geld erwirtschaften und ihre Anleger zufriedenstellen müssen. Trotzdem sind Mitarbeiter in Zeiten der "Knowledge Economy" immer noch die wertvollste Ressource. Wenn Unternehmen den größtmöglichen Nutzen aus ihren Investitionen ziehen möchten, indem sie Leute einstellen, bezahlen und schulen, liegt es doch auf der Hand, dass sie ihnen auch die Tools und Arbeitsumgebungen bereitstellen, die sie zur persönlichen Weiterentwicklung benötigen. Mehr noch: Die Tools sind nur Vehikel, um die individuellen Talente im Sinne der Geschäftsidee und -entwicklung optimal einzubringen. "Seinen Job zu machen" ist hingegen etwas ganz anderes: Das ist Aufgabenerfüllung, ohne konstruktiv zu hinterfragen.

Nicht jede neue Managementtheorie ist bereichernd

Inspiration ist nicht kontrollierbar. Sie setzt ein, wann sie will. Es kann passieren, dass einem Mitarbeiter unter der Dusche oder beim Laufen die zündende Idee kommt, oder, wie im Fall des Architekten und Designers Frank Gehry, beim Betrachten von zerknülltem Papier. Leider wurden herkömmliche Kontrollmechanismen nicht für ein solches freies Denken außerhalb des gewöhnlichen Arbeitsalltags entwickelt. Die Managementmodelle, die seitdem daraus hervorgegangen sind, bilden da auch keine Ausnahme.

Automotive Shift happens – sind Sie dabei?

Managementtheorien tendieren dazu, sich eher in Schlagworten zu verlieren, bisweilen sogar zu verlieben, als gravierende Änderungen zu bewirken. Dadurch ist es auch schwierig, ihre Essenz zu erfassen und in messbare Ergebnisse umzusetzen. Kürzlich wurde zum Beispiel in einem Artikel zwischen einer "heroischen Führung" und einer "postheroischen Führung" unterschieden. Nach genauerer Betrachtung stellte sich jedoch heraus, dass etwas sehr Ähnliches gemeint war wie das bekannte Konzept von Peter Drucker zu "Effektivität versus Effizienz".

In Liquid Workforce steckt viel Teamgeist

Das allerneueste gehypte Schlagwort im Personalwesen und Management ist die "Liquid Workforce". Dieser Begriff bezieht sich auf die Einstellung von Personen, die gerne im Team arbeiten, offen für neue Konzepte und Schulungen sind und ihre Fähigkeiten permanent verbessern möchten. Von außen betrachtet beschreibt dies auch nur ein effizientes Arbeitsethos, wie es schon immer von guten Mitarbeitern angewandt wurde. Wirklich neu darin ist nur, dass Unternehmen dies intern als Novum verkaufen. Der "moderne Wanderarbeiter" scheint jedoch ein fragwürdiges Konzept zu sein. Vielmehr geht es doch darum, die individuellen Talente mit dem Unternehmenszweck in Einklang zu bringen. Moderne Technologien werden hier ein Sprungbrett sein, indem wir granulare Kompetenzdatenbanken haben und sie mit den relevanten Projekten abgleichen können - ein lang gehegter Traum, der bald real werden kann.

Wert entsteht durch motivierte Mitarbeiter

Es ist kontraproduktiv, wenn Unternehmen ihren Managementansatz weiterhin wie eine Blackbox behandeln, soll heißen, wie etwas, dessen Singsang die Belegschaft einfach nachsingen muss. Das führt dazu, dass Mitarbeiter weiter eine eingeschränkte, singuläre Vision des Erfolgs verfolgen und dabei ausschließlich die Prozesse anwenden, die ihnen dafür vorgegeben wurden. Eine derartig starke Kontrolle bringt - sogar bei zündender Inspiration - so viele Hindernisse und Komplexität mit sich, dass großartige Ideen meistens im Sande verlaufen.

Es ist eigentlich gar nicht so schwer, die Balance zwischen dem experimentierfreudigen Element und dem Bedarf an einer hochproduktiven Belegschaft zu finden. Dies gilt insbesondere angesichts der unbeständigen Marktsituation. Menschen, die tun, was sie lieben, sind beides - produktiv und kreativ. Nur wie so häufig bei "eigentlich", es ist nicht immer einfach, das zu erkennen und auch umzusetzen.

Vielleicht sollte sich der Fokus im Management dorthin verlagern, wo der Wert entsteht, nämlich auf die Motivation der Mitarbeiter. Es ist ratsam, das elegante, aber kaschierende Gewand der Managementkonzepte sowie die eingängigen Slogans abzulegen, und stattdessen den Schwerpunkt auf die Unterstützung der Mitarbeiter zu richten, damit sie ihre Arbeit auf höchstem Niveau erledigen können.