Gebrauchte Server kaufen?

Die Vor- & Nachteile "alter" Hardware im Datacenter

05.10.2022
Von 
Bob Violino arbeitet als freier IT-Journalist für InfoWorld und Network World in den USA.
Gebrauchte Server und Netzwerk-Equipment sind günstiger und schneller verfügbar als neue Hardware fürs Rechenzentrum, erschließen Unternehmen jedoch nicht nur Vorteile.
Gebrauchte Hardware im Rechenzentrum? Das sind die Vor- und Nachteile von "altem" Equipment im Data Center.
Gebrauchte Hardware im Rechenzentrum? Das sind die Vor- und Nachteile von "altem" Equipment im Data Center.
Foto: ESB Professional - shutterstock.com

IT-Teams in Unternehmen sind stets auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, um zu sparen oder die betriebliche Effizienz zu steigern. Eine Möglichkeit: Auf gebrauchtes Equipment fürs Rechenzentrum zu setzen, statt viel Geld in brandneue Systeme zu investieren. Zumal an Resellern, die sich auf diesen Markt spezialisiert haben, kein Mangel besteht. Einige dieser Anbieter setzen dabei gezielt auf gebrauchte Server & Co. aus den Beständen der Cloud-Hyperscaler, weil die ihre Hardware in kürzeren Zyklen austauschen und das dabei ausgemusterte Equipment Hardware von "gewöhnlichen" Unternehmen meist immer noch weit überlegen ist.

Die Geschäfte solcher Anbieter von Gebraucht-Hardware fürs Rechenzentrum laufen gut, wie Corey Donovan, President beim Hardware-Anbieter Alta Technologies, auf Nachfrage und nicht ohne Stolz bestätigt: "Wir haben mehr gebrauchte IT-Geräte an Rechenzentren verkauft als je zuvor und uns gibt es bereits seit 1995. Im Vergleich zu letztem Jahr hat sich die Zahl unserer Neukunden verdoppelt."

Allerdings ist es nicht ohne Risiko, auf gebrauchte IT-Systeme im Datacenter zu setzen. Wir haben die Vor- und Nachteile gebrauchter Rechenzentrums-Hardware für Sie zusammengetragen.

Was für gebrauchte Rechenzentrums-Hardware spricht

Kosteneinsparungen

Einer der größten potenziellen Vorteile beim Kauf gebrauchter Hardware sind auch im Fall eines Rechenzentrums die Kosteneinsparungen (verglichen mit der Anschaffung von Neusystemen). "Gebrauchte Geräte können deutlich günstiger sein als neue und versprechen oft noch viele Jahre lang eine stabile, nutzbare Lebensdauer", meint Zac Smith, Vorsitzender der Open19 Foundation, und Geschäftsführer des IT-Infrastrukturanbieters Equinix Metal.

John Li, Mitbegründer und CTO des US-Finanzdienstleisters Fig Loans, geht noch einen Schritt weiter: "Gebrauchte Geräte zu kaufen, kann Sie dabei unterstützen, ein Rechenzentrum zu einem Bruchteil der Kosten aufzubauen. Wie bei jedem Gebrauchtkauf gibt es aber auch hier Risiken. Hinterfragen Sie Preise, die zu gut sind, um wahr zu sein und beziehen sie gebrauchte Rechenzentrums-Hardware nur von seriösen Verkäufern."

Zudem könnten Unternehmen auch auf gebrauchtes Datacenter-Equipment setzen, wenn sie keine hochmodernen Technologien benötigten, meint der CTO: "Die Infrastruktur, die beispielsweise von Facebook oder Google genutzt wird, geht weit über die Anforderungen eines durchschnittlichen Rechenzentrums hinaus. Es gibt viele Möglichkeiten, ältere, gebrauchte Geräte zu erwerben, die noch eine lange Lebensdauer haben."

Umwelt- und Energieaspekte

Darüber hinaus kommt der Einsatz von gebrauchter IT-Ausrüstung im Allgemeinen der Umwelt zugute. Dieser Überzeugung ist auch Peter Strahan, Gründer und CEO des Managed-Service-Anbieters Lantech: "Die Geräte könnten theoretisch auch recycelt werden, aber das erfordert einen hohen Arbeitsaufwand. Findet sich ein Verwendungszweck für veraltete Geräte, spart man viel Zeit und Geld für das Recycling und verhindert, dass die Devices auf der Mülldeponie landen."

Wie Cameron James, Executive Vice President beim IT-Dienstleister CentricsIT, weiß, schätzen viele Unternehmen die umwelttechnischen Vorteile, die sich daraus ergeben, gebrauchte Hardware wiederzuverwenden: "Der beste Weg, Elektronikmüll zu reduzieren, ist, jedes Produkt bis zu seiner maximalen Lebensdauer zu nutzen, ohne dabei Kompromisse in Sachen Leistung einzugehen. Das lässt sich leicht bewerkstelligen, denn viele gebrauchte Produkte sind 'N-1' - also nur eine Generation hinter den neuesten OEM-Produkten zurück."

Gebrauchte Geräte zu kaufen, kann für Unternehmen auch sinnvoll sein, wenn ihr Rechenzentrum nur mäßigen Stromverbrauch aufweist. "Wenn Sie viel Energie benötigen, brauchen Sie die effizientesten Geräte", erklärt Strahan. "Bei einem geringeren Strombedarf können Sie hingegen problemlos auf gebrauchte Geräte zurückgreifen, da die neuesten Geräte-Upgrades nicht unbedingt notwendig sind." Deshalb sei es für Unternehmen auch wichtig zu wissen, welche Art von Strombedarf bei ihnen vorliegt, meint der CEO: "Wenn Sie hohe Anforderungen haben, werden Sie möglicherweise Schwierigkeiten haben, die richtige Gebraucht-Hardware zu finden. Indem Sie spezifische Bereiche identifizieren, in denen die gebrauchte Hardware effektiv gewartet werden kann, können Sie fundiertere Entscheidungen darüber treffen, an welchen Stellen sich der Einsatz lohnt."

Verfügbarkeit

Ein weiterer Vorteil gebrauchter IT-Ausrüstung ist die kurzfristige Verfügbarkeit der Produkte. "Gebrauchte Geräte sind in der Regel auf Lager und sofort lieferbar - ohne Vorlaufzeiten", weiß James und fügt hinzu: "Gerade jetzt, wo die Vorlaufzeiten für neue Hardware ins Uferlose wachsen, ist eine schnelle Bereitstellung essenziell."

Die IT-Lieferkette habe in den letzten Jahren einem Albtraum geglichen - einige Kunden hätten zuletzt gar den "Jahrestag" rückständiger Bestellungen "gefeiert", gibt Donovan preis. "Bei komplexen Produkten wie den Cisco-Meraki-Switches kam es zu besonders langen Lieferverzögerungen. Unternehmen, die Geräte aufarbeiten, haben die Server und Switches tatsächlich im Regal liegen - so dass Sie Ihr Projekt morgen beginnen können."

Support

Ein weiterer Pluspunkt, wenn es um gebrauchte Hardware fürs Rechenzentrum geht: Die enorme Expansion der Drittanbieter, die sich um die Wartung von Equipment kümmern. So haben IT-Manager nach Ansicht von Donovan die freie Wahl, wenn es um den Support von Gebraucht-Equipment geht: "99 Prozent unserer Kunden haben keine Probleme damit, gebrauchte Hardware im Rahmen des OEM-Wartungsplans zu erhalten - der Rest kann sich in Sachen Support an erfahrene Drittanbieter wenden."

Was gegen gebrauchte Server im Datacenter spricht

Security-Probleme

Gebrauchte Rechenzentrumsausrüstung ist per definitionem älter. Das kann auf verschiedenen Ebenen zu Problemen führen. Etwa wenn es um Support und damit auch um Security geht, wie CTO Li erklärt: "Sie arbeiten mit einem älteren Produkt, was unweigerlich bedeutet, dass es weniger fortschrittlich ist. Wenn es noch gut funktioniert, sind Sie auf der sicheren Seite. Aber die Anbieter bieten nicht unbegrenzt Support oder Service an. Ihre Geräte erreichen den End-of-Life-Status früher als ein neues Gerät, wodurch Patches, Sicherheits- und Firmware-Updates des Herstellers reduziert werden oder komplett entfallen. Wenn Sie Ihr Rechenzentrum nicht mehr richtig absichern können, ist Ihr gesamtes Unternehmen gefährdet."

Neben verzögerten Aktualisierungen müssten Unternehmen bei gebrauchten Devices auch mit Mehrkosten für die Wartung rechnen, meint der Manager. Mit zunehmendem Alter steige die Wahrscheinlichkeit, dass Komponenten ausfallen - Ersatzteile seien dann entweder sehr teuer oder nicht mehr zu beschaffen: "Es kann sein, dass sie am Ende Dritte beauftragen müssen, um eine Notlösung zu bauen. Das kann schnell teurer werden als eine Hardware-Aufrüstung."

Li empfiehlt Unternehmen deshalb, nur mit vertrauenswürdigen Drittanbietern zusammenzuarbeiten, die Garantien bieten und ihre Geräte strengen Testverfahren unterziehen: "Auch wenn Sie vielleicht nicht die gleiche Garantieleistung wie bei neuen Geräten erwarten können, sollten Sie nicht das gesamte Risiko für fehlerhafte Geräte übernehmen. Ein guter Anbieter sollte in der Lage sein, Sie durch seine Test- und Reparaturprozesse zu führen. Sparen Sie hier auf keinen Fall an der falschen Stelle: Ein gebrauchtes System, das nicht einwandfrei funktioniert, kann Sie langfristig mehr kosten als eine Neuanschaffung."

Zusatzkosten

Ein weiterer Nachteil gebrauchter Server & Co. im Rechenzentrum: rechtlich bindende Übertragungsvereinbarungen (mit denen das Eigentum von einem Unternehmen auf ein anderes übertragen wird ) können teuer werden. David Lessin, Director of Network Operations and Research beim Beratungsunternehmen ISG, kann mittleren und großen Unternehmen den Einsatz von gebrauchtem Netzwerk-Euqipment im Datacenter deshalb im Allgemeinen nicht empfehlen: "Es gibt nur wenig Szenarien, in denen gebrauchte Geräte eine gangbare Option sind. Etwa, wenn Käufer, Verkäufer und OEM eine Übertragungsvereinbarung treffen können. Die Kosten, um eine solche auszuhandeln, können allerdings sämtliche Einsparungsbemühungen zunichtemachen."

Außerdem ließe sich die Echtheit jedes Mikroprozessors in einem Gerät, das sich bereits im Besitz des Käufers befindet, wahrscheinlich nicht mehr überprüfen, so dass viele Unternehmen gebrauchte Geräte einfach meiden sollten, so Lessin: "Die Kosten einer Sicherheitsverletzung oder eines Datenlecks übersteigen jegliche Einsparungen."

Schwarze Schafe

Ein weiterer potenzieller Fallstrick laut Donovan: Geht es um gebrauchte Hardware, gebe es auch einige "Geisterunternehmen", die weder echte Lagerbestände noch Geschäftssitz vorweisen könnten: "Solche 'Dropshipper' besitzen nur eine Website sowie ein im Ausland ansässiges Callcenter und Support-Team."

ROI-Verfehlung

Zudem sei das zweite Leben von gebrauchten Geräten angesichts des derzeitigen, rasanten technologischen Wandels nur sehr kurz - was sich auf den Return-on-Investment (ROI) auswirke, meint Lessin: "Mit Hilfe von Virtualisierung kann kommerzielle Standard-Hardware mit modernisierter Netzwerksoftware einen besseren ROI aufweisen als die auf dem Sekundärmarkt erhältlichen Geräte."

Energiehungrige Altgeräte

Außerdem sind ältere Geräte möglicherweise nicht mehr so energieeffizient. "Wenn Sie ein Rechenzentrum betreiben, ist Ihr Hauptziel Effizienz und Produktivität. Alles, was in die andere Richtung geht, ist einfach kontraintuitiv", gibt Strahan zu bedenken.

Da sich die Technologie so schnell weiterentwickle, seien selbst Geräte, die nur ein oder zwei Jahre alt sind, möglicherweise nicht mehr so effizient, was die Energie- und Kühlungskosten erheblich in die Höhe treiben könne, mahnt Li und empfiehlt: "Wenn Sie ein gebrauchtes Gerät kaufen, sollten Sie die Kosteneinsparungen sowohl am Verkaufspreis als auch an den monatlichen Wartungskosten messen."

Produktivitätseinbußen

"Mit gebrauchten Geräten können Sie zwar Geld sparen, aber auch die Produktivität verringern", konstatiert Strahan. "Bei Gebraucht-Equipment ist das Risiko eines Defekts naturgemäß höher. Das führt zu einer Verschwendung von Zeit und Ressourcen für Wartung und Service, was wiederum Ihre Einsparungen erheblich schmälert." (fm)

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel unserer US-Schwesterpublikation Network World.