CeBIT-Chef Oliver Frese im Interview

"Die vier Plattformen waren ein bisschen holzschnittartig"

15.07.2013
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.

"CeBIT live ist nicht mehr Bestandteil der Messe"

CW: Gaming-Weltmeisterschaften, Musik, Unterhaltung - das fällt künftig flach?

Frese: CeBIT live ist nicht mehr Bestandteil der Messe. Das bedeutet aber nicht, dass ein Gaming-Event oder ein Corporate-Event nicht weiterhin parallel zur CeBIT stattfinden kann. Unser Messegelände ist groß genug und modular nutzbar mit separaten Eingängen. Wenn es Partner gibt, die parallel zur CeBIT einen solchen Event umsetzen wollen, stehen wir gern bereit. Es wird aber nicht unter dem Label der CeBIT laufen!

CW: Die Besucher werden sich also nicht mischen…

Frese: Das Ticketing wird in dem Fall getrennt behandelt: ein Einlasssystem für die CeBIT, und ein separates System für Parallelveranstaltungen.

CW: Die CeBIT hatte in den letzten Jahren immer ein Leitthema, "Shareconomy" in diesem Jahr, "Managing Trust" im vergangenen. Stellen Sie diese Vorgehensweise auch in Frage?

Frese: Eine Weltleitmesse wie die CeBIT benötigt ein Topthema, davon bin ich fest überzeugt. Es gibt die Richtung vor und ist eine Art Agenda-Setting. Es zieht sich wie ein roter Faden durch Foren, Kongresse, Vorträge und die Ausstellungsbereiche der Hersteller.

CW: Wann werden Sie es bekanntgeben?

Frese: Voraussichtlich im Spätsommer. Wir sind noch mit unseren Partnern und Ausstellern in der Diskussion.

CW: Sie haben acht Themengebiete genannt, an denen sich die CeBIT 2014 orientieren soll. Da finden sich vorwiegend Evergreens wie ERP, ECM oder Data Center. Warum tauchen hier die jungen, zukunftsgerichteten Themen wie Big Data, Cloud Computing, Social Enterprise etc. nicht auf?

Frese: Es ist ein Unterschied, ob man von einem branchenübergreifenden Megatrend spricht, der sich wie ein Netz über die Veranstaltung zieht, Cloud Computing beispielsweise oder Big Data, oder ob man eine klare thematische Zuordnung finden muss, in der Aussteller sich zurecht finden können. Zu Big Data hat vermutlich fast jeder Aussteller etwas zu sagen. Wir brauchen aber Themen, wo sich die Aussteller auf dem Messegelände verorten und sagen: Das ist mein Themenfeld, dort bin ich auch im Produktgruppen-Verzeichnis. Wir brauchen auf einer Messe wie der CeBIT eine Themenklarheit, die sich auch in der Hallenbelegung widerspiegelt.

CW: Der CeBIT fiel es zuletzt schwer, als weltgrößte ITK-Messe auch die mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, die sie haben müsste. Ein Mobile World Congress in Barcelona erzeugt deutlich mehr Schlagzeilen.

Frese: Unsere internationalen Medienanalysen sprechen eine ganz andere Sprache. Die Medienresonanz der CeBIT und ihrer Aussteller steigt in den vergangenen Jahren stetig. Ich bin überzeugt davon, dass wir auch mit der neuen Ausrichtung eine starke öffentliche Wahrnehmung erreichen werden. Sehen Sie, unsere Aussteller bieten Lösungen an für Industrien, Branchen und Verwaltungen. Viele Anwendungen haben einen sehr engen Anknüpfungspunkt an die Themen des Alltags. So gibt es auf der CeBIT eine einzigartige Themenvielfalt, die in dieser Form andere Veranstaltungen nicht bieten.

CW: Ist die zeitliche Nähe zum Mobile World Congress nicht ein Ärgernis für Sie?

Frese: Wir schauen auf unsere Stärken. Wir haben ein deutliches Alleinstellungsmerkmal durch die Größe, die Themenvielfalt, die Internationalität, aber eben auch durch die hochrangigen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und IT-Industrie. Das ist ein riesiges Pfund, das wir weiter ausbauen werden.

CW: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auf der Eröffnungsfeier der letztjährigen CeBIT scherzhaft gesagt, man könne angesichts des Industrie-4.0-Trends, der Industrie und IT zusammenführt, eigentlich auch die CeBIT wieder in die Hannover Messe Industrie integrieren. Ist das nicht ein guter Vorschlag?

Frese: Wie Sie richtig sagen: scherzhaft. Für uns stellt sich diese Frage nicht. Die CeBIT ist die weltgrößte IT-Messe, die Hannover Messe die weltweit wichtigste Industriemesse. Beide Veranstaltungen sind schon aufgrund ihrer Größe nicht auf einem Messegelände abbildbar. Darüber hinaus sprechen beide Veranstaltungen unterschiedliche Zielgruppen an. Auf der Hannover Messe adressieren wir den für industrielle Produktion Verantwortlichen, auf der CeBIT den IT-Entscheider und die Entscheider aus den Unternehmen, die IT einsetzen. Denn: Immer häufiger entscheidet der Personalverantwortliche, der Vertriebschef oder das Controlling über den Einsatz von IT-Lösungen.

Aber es gibt Überschneidungen der beiden Messen, und diese treten angesichts der technischen Entwicklung stärker zu Tage als bislang. Es wird künftig für einige Unternehmen gute Gründe geben, beide Veranstaltungen zu besuchen. Wir haben Aussteller auf der CeBIT, die auch auf der Hannover Messe vertreten sind, und wir haben Unternehmen auf der Hannover Messe, die mit ihren inzwischen ausgegründeten Systemhäusern auf der CeBIT präsent sind. Was also auf jeden Fall richtig ist: Das Boom-Thema Industrie 4.0 hat in Hannover seine Messeheimat.

CW: Die CeBIT hat ihren Konferenzbereich in den letzten Jahren ständig vergrößert. Man fühlt sich auf den Global Conferences ein bisschen wie bei einem Tennisturnier in New York: Menschen kommen und gehen in die Vorträge, machen Lärm, alles ist ein bisschen beliebig. Wie sehen Sie das?

Frese: Die CeBIT Global Conferences haben sich prima etabliert und sind von der Veranstaltung nicht mehr wegzudenken. Das ist sowohl eine Anforderung unserer Aussteller als auch der Besucher. Sie wollen - salopp gesagt - schlauer nach Hause gehen als sie gekommen sind. Es geht um Wissenstransfer. Wir werden die zahlreichen Foren, Kongresse und Veranstaltungen der Global Conference noch enger verzahnen und besser miteinander vernetzen. Wir justieren zurzeit das Konzept, so dass wir es in einigen Wochen präsentieren können.

CW: Im Zeitalter von Mobile Computing und Consumerization spielt der Spaßfaktor in der IT eine wichtige Rolle. Man möchte Geräte sehen, anfassen, ausprobieren. Müssten Sie auf der CeBIT auch für das Fachpublikum, das Sie adressieren, nicht mehr Anreize schaffen?

Frese: Es ist das Kerngeschäft des Messemachens, Veranstaltungen und ihre Themen zu emotionalisieren. Natürlich möchten die Besucher etwas erleben. Und das ist jedes Jahr aufs Neue eine Herausforderung. Deshalb werden wir zusammen mit unseren Ausstellern die CeBIT so attraktiv wie möglich gestalten. Endgeräte und Anwendungen werden ausreichend gezeigt werden, und es wird jede Menge Mitmach-Aktionen geben. Unsere Aussteller wissen, dass sie dort am erfolgreichsten sind, wo sie sich gut inszenieren. Das ist ein wichtiger Teil ihres Wettbewerbs. Ich versichere Ihnen: Die Neuausrichtung in 100-Prozent-Business wird allen richtig Spaß machen.

CW: Wie adressiert die CeBIT künftig CIOs?

Frese: Diese Zielgruppe wird für uns immer wichtiger. Wir denken darüber nach, wie wir unsere starken Formate House of CIOs, den Executive-Club und den Executive-Dialog am Eröffnungstag noch stärker machen können.

CW: Wird es mehr internationale CIOs auf der Messe geben?

Frese: Ja. Wir haben auch eine Sales Unit, die auf den internationalen Märkten unterwegs ist und in den relevanten Ländern Kooperationen mit den wichtigsten Multiplikatoren schließt. Das sind zum Beispiel CIO-Verbände, Handelskammern und Ähnliches. Um diese Zielgruppen zu erreichen, agieren wir mit gezielten Maßnahmen, nicht mit der Gießkanne. (mhr)