Digitalisierung

Der Mittelstand kommt zu langsam voran



Christopher Grätz ist Co-Founder und CEO der kapilendo AG, einem Full-Service-Anbieter für Crowdfinanzierung, der den gesamten Finanzierungszyklus von Crowdinvesting bis Crowdlending abdeckt. Zuvor war der ausgebildete Bankkaufmann Management Consultant bei der KPMG AG und hat deutsche und internationale Großbanken sowie DAX-30 Industrieunternehmen beraten.
Kleine und mittelständische Unternehmen sollten ihre Anstrengungen zur Digitalisierung dringend verstärken.
Kommen größere Betriebe bei der Digitalisierung rascher voran?
Kommen größere Betriebe bei der Digitalisierung rascher voran?
Foto: Kamolchanok Suttinon - shutterstock.com

Laut einer Bitkom-Studie haben inzwischen vier von fünf Unternehmen eine Strategie für Digitalisierung. Doch nur ein Viertel der befragten Firmen investiert tatsächlich in digitale Geschäftsmodelle. Hemmnisse sind neben hierarchischen Strukturen mit langen Entscheidungswegen auch fehlendes Budget oder die Angst vor Kontrollverlust. Vor allem Mittelständler schaffen es nicht, den digitalen Wandel in ihren Unternehmen voranzutreiben.

An der Digitalisierung führt kein Weg vorbei

Kleine und mittelständische Unternehmen spürten bislang kaum Druck, digital zu werden. Oft sind die Mitarbeiterzahlen so gering, dass Personalführung und Arbeitsabläufe auch ohne innovative Technik möglich sind. Immer häufiger kommt der Druck nun von außen: Wenn Kunden und Lieferanten digital arbeiten oder diese Arbeitsweise sogar voraussetzen, müssen KMU nachziehen.

Mit Scannen und auf dem Laufwerk ablegen ist die mittelständische Arbeitswelt noch nicht digitalisiert. Digitalisierung bedeutet, Abläufe im Unternehmen mithilfe künstlicher Intelligenz und Automatisierung effizienter zu gestalten. Für kleine und mittelgroße Betriebe heißt digitaler Wandel, abteilungsweise - vom Einkauf über die Buchhaltung und den Personalbereich bis hin zur Kundenbetreuung - zu prüfen, welche Arbeit sich wie digitalisieren lässt.

Das kann etwa das Schaffen einer Plattform sein, auf der mehrere Unternehmen gemeinsam ihre Produkte anbieten. Oder die Investition in neue Maschinen, die Daten digital übernehmen und alle folgenden Schritte selbstständig ausführen können. Im Kundensupport hilft ein CRM, außerdem könnten Chatbots für wiederkehrende Anfragen eingesetzt werden. Auch entsprechend qualifiziertes Fachpersonal einzustellen, gehört zu den Digitalisierungs-Maßnahmen.

Mittelstand hinkt digital noch hinterher

Nur 19 Prozent der Unternehmen mit 20 bis 99 Mitarbeitern und lediglich ein Viertel der Firmen mit 100 bis 499 Mitarbeitern geben in der Bitkom-Studie an, dass sie in die Digitalisierung investieren werden. Bei Betrieben ab 500 Beschäftigten ist der Anteil mit 57 Prozent wesentlich höher. Fast drei Viertel der Arbeitgeber, die 2000 oder mehr Leute beschäftigen, sehen sich gar als digitale Vorreiter. Verpassen kleine und mittelständische Unternehmen die digitale Transformation oder gehen sie das Thema zu spät an, werden sie folglich früher oder später vom Markt gedrängt. Der deutsche Mittelstand sollte seine Anstrengungen zur Digitalisierung deshalb dringend verstärken.

Wo bislang kaum oder nur wenig Digitalisierung stattgefunden hat, liegt es nahe, nur "das Nötigste" in digitaler Form einzusetzen. Bei diesem Verfahren besteht jedoch die Gefahr, dass nach und nach ein Stückwerk entsteht, bei dem die einzelnen Komponenten nicht mehr ineinandergreifen. Besser ist es, von vornherein ein Gesamtkonzept zu planen, das dann Schritt für Schritt realisiert wird.

Mittelständler brauchen also eine Digitalstrategie, die für das ganze Unternehmen gilt und das Schaffen neuer, digitaler Geschäftsmodelle in den Fokus rückt. Dazu müssen sowohl Zeit, als auch Geld zur Verfügung stehen.

Digitalisierung als Problemlöser

Der Mittelstand könnte die digitale Revolution einleiten, wenn er seine Stärken optimal ausspielen würde. Viele mittelständische Unternehmen wissen gar nicht, auf welchem Datenschatz sie sitzen. Digitalisierung ermöglicht, wertvolles Wissen zu heben und zu sichern. Doch bei vielen Betrieben steht der digitale Wandel aufgrund voller Auftragsbücher und Problemen bei der Mitarbeiter-Suche auf der Prioritätenliste noch zu weit hinten. Dabei könnte Digitalisierung nicht nur helfen, neue Kunden zu gewinnen, sondern auch vorhandene Aufträge schneller zu realisieren.
Ebenso ließen sich neue Mitarbeiter und Auszubildende einfacher finden. Zum einen, weil sich mit digitalen Geschäftsmodellen die Reichweite erhöht. Zum anderen, weil sich die Arbeitgebermarke stärkt, wenn Angestellte von innovativer Technik am Arbeitsplatz profitieren.