IoT und Big Data beim Einkauf nutzen

Predictive Procurement wird real

Dr. Marcell Vollmer ist Chief Digital Officer bei SAP Ariba. Er unterstützt Unternehmen bei der Digitalisierung der Geschäftsabläufe und der Supply Chain. Der Autor sammelte auf über 25 Jahre Erfahrungen in internationalen Unternehmen.
Unterstützt durch das Internet der Dinge (IoT) können Unternehmen die Zukunft vorhersehen und zu ihrem Vorteil gestalten.

Die physische und die digitale Welt sind offiziell miteinander kollidiert. Früher haben wir die Morgenzeitung an die Haustür geliefert bekommen und beim Frühstück mit einer Tasse Kaffee gelesen. Mittlerweile werden die Nachrichten, die uns interessieren, top aktuell automatisch an unsere mobilen Geräte wie Smartphone oder Tablet gesendet, damit wir sie auf dem Weg zur Arbeit in Bus und Bahn überfliegen können - mit einem Coffee-to-go, den wir via mobiler App geordert haben, in der Hand.

Mit Hilfe von Big Data und IoT kann der Einkauf heute strategischer und vorausschauender agieren und so einen breiten Unternehmensmehrwert liefern, der weit über Einsparungen und Effizienz hinausgeht.
Mit Hilfe von Big Data und IoT kann der Einkauf heute strategischer und vorausschauender agieren und so einen breiten Unternehmensmehrwert liefern, der weit über Einsparungen und Effizienz hinausgeht.
Foto: Lightspring - shutterstock.com

Wir können Einsichten und Informationen aus allen unseren digitalen Interaktionen sammeln, die es uns ermöglichen aus der Vergangenheit zu lernen, von der Gegenwart zu profitieren und einen effektiven Kurs für die Zukunft zu zeigen - alles in Echtzeit.

Echtzeit jedoch ist nicht mehr genug. Es ist bereits viel zu spät, nur zu wissen, dass es in einem wichtigen Produktionsstandort gerade brennt und die Aufträge dort unerledigt bleiben werden. Ebenso, wenn man herausfindet, dass ein Großkunde gerade ein Geschäft an einen Konkurrenten vergeben hat.

Unternehmen müssen nicht nur ein klares Bild der Gegenwart vor Augen haben, sondern auch in die Zukunft schauen um in der Lage zu sein, Risiken und Trends auf dem Markt vorherzusehen und diese so pro-aktiv zu ihrem Vorteil gestalten zu können.

Das ganze Bild sehen - mit Business-Netzwerken

Business-Netzwerke sind - wie ihre sozialen Pendants - eine schnelle und einfache Möglichkeit für Unternehmen, sich zu verbinden und zusammenzuarbeiten. Das ist für sich genommen schon eine enorme Leistung. Darüber hinaus liegt die große Stärke von Netzwerken aber darin, was in ihnen vor sich geht und der großen Mengen an Daten, die sie erzeugen. Unternehmen, die diese Daten effizient managen, können daraus ein ganz neues Maß an Transparenz für ihre Geschäfte gewinnen.

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So haben diese Vorgänge bei Einkauf und Beschaffung Einzug gehalten und verändern deren uns bisher bekannte Funktionen nachhaltig. Der Einkauf ist komplex und besteht aus vielen beweglichen Elementen - von Sourcing und Fertigung bis hin zu Transport und Logistik. Ein kompliziertes Netz von Systemen, Prozessen und Beziehungen, die sowohl intern als auch extern koordiniert und verwaltet werden müssen - um sicherzustellen, dass Waren und Dienstleistungen innerhalb ihres Kosten- und Zeitrahmens geliefert werden.

Mit Hilfe von Big Data und IoT kann der Einkauf heute strategischer und vorausschauender agieren und so einen breiten Unternehmensmehrwert liefern, der weit über Einsparungen und Effizienz hinausgeht. Dazu ein paar Beispiele:

  • Bei Cisco wurden historische Daten und Erwähnungen in den sozialen Medien für Kunden, die sowohl eine "Kaufneigung" als auch eine hohe "Kaufbereitschaft" aufwiesen, durchforstet. Diese Einsichten konnten Vertriebsmitarbeiter von Cisco in einen Umsatz von 4,2 Milliarden Dollar verwandeln.

  • Das Mount Sinai-Krankenhaus in New York ließ Hunderte von Simulationen laufen, um die ersten acht bis zwölf Stunden ihrer Patienten im Krankenhaus zu optimieren. Mit seiner so verbesserten Auslastung hat das Krankenhaus erreicht, dass finanziell 100 neue Betten hinzukamen - ohne tatsächlich ein wirkliches Bett hinzuzufügen.

  • Die Universal Music Group (vormals EMI Music) konnte unbekannte Künstler mit einem starken Marktpotential identifizieren und sie auf dem Weg zu den Nummer-Eins-Hits begleiten. Dafür suchte das Unternehmen nach Mustern in Daten, die durch Aktionen von ihren unter Vertrag stehenden Künstlern und den entsprechenden Reaktionen aus verschiedenen Kundensegmenten entstanden waren.

Digitalisierung: Mit IoT die Risiken in der Supply Chain minimieren

Die Chemieindustrie ist ein gutes Beispiel für die Art und Weise, wie die Digitalisierung des Einkaufs abläuft. Ausgelöst durch Fusionen und Veräußerungen, Verlagerungen von Marktdynamiken und nichtlinearen Lieferketten befindet sich diese Branche in einer großen Transformationsphase. Branchenführer wie BASF reagieren darauf mit einer digitalen Strategie, die es ihnen ermöglicht, die Geschäftsprozesse über die vier Wände des Unternehmens hinaus zu erweitern und ihre Lieferantenmanagement-, Beschaffungs- und Supply-Chain-Prozesse zu konsolidieren.

Typischerweise bestehen Lieferketten in der Chemiebranche aus vielen ineinandergreifenden Elementen. Gerät eines dieser Elemente ins Stottern - beispielsweise kommt ein Zulieferer in einen finanziellen Engpass oder eine Fertigungsanlage steht aufgrund von Wartungsproblemen oder Materiallieferengpässen still - kann das beim Unternehmen zu Verlusten in Millionenhöhe führen.

Mit Hilfe eines Business-Netzwerks ist BASF in der Lage, die Performance seiner Lieferanten pro-aktiv zu im Auge zu behalten. Das Unternehmen wird automatisch auf potenzielle Risiken in der Lieferkette hingewiesen. Denn Risikomanagement und insbesondere Supplier Risk Management haben sich zu einer der Top-Prioritäten in Unternehmen entwickelt.

Treiber dieses Ansatzes sind:

  • die fortschreitende Globalisierung

  • geschäftsschädigende Lieferanten (Zwangsarbeit, Qualitätsmängel, etc.)

  • und damit verbunden die allgemeine Notwenigkeit, Lieferanten und deren Strukturen und Arbeitsweisen besser zu kennen.

Transparenz in dieses meist undurchschaubare Konstrukt von Lieferanten und Drittanbietern bringen Unternehmen nur mit einem Netzwerk. Es dient dabei nicht nur dazu, Menschen und Prozesse miteinander zu verbinden. Der Mehrwert liegt in dem, was sie beinhalten: alle Interaktionen, Transaktionen und Kommentare und die riesigen Mengen unstrukturierter Daten, die sie erzeugen.

Mit Business-Netzwerken wird eine tiefgehende Transparenz über die Kompetenzen, Leistungen sowie sozialen und umweltverträglichen Praktiken der Handelspartner erreicht. So können Unternehmen unter anderem das Risiko von Zwangs- und Kinderarbeit bei Lieferanten erkennen - denn nur wer seine Lieferkette kennt, hat die Chance, Zwangsarbeit zu identifizieren.

Dank des technologischen Fortschritts gibt es viele Möglichkeiten, Gutes zu tun. Unternehmen können sich dafür Unterstützung von Außen holen: Die weltweit erste Software, die das Risiko von Zwangsarbeit innerhalb der Lieferkette erkennt, bietet Made In A Free World (MIAFW) an. Sie verknüpft Daten aus dem Global Slavery Directory und ermöglicht es Unternehmen Risiko-Hotspots zu lokalisieren. Daraus erstellen Unternehmen maßgeschneiderte Plänen zur Risikominimierung.

Samasource wiederum ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das moderne Technologie und digitale Netzwerke nutzt, um faire Arbeitsbedingungen in seiner globalen Supply Chain zu fördern. Eine sogenannte Impact-Sourcing-Praxis ist dabei im Einsatz, um Menschen am unteren Ende der Supply-Chain-Pyramide zu helfen, sich selbst aus der Armut zu befreien. Samasource erreicht das durch das Angebot von Schulungen und der Möglichkeit einen existenzsichernden Lohn zu verdienen sowie die Verbesserung ihrer Lebensqualität.