Industrie 4.0: Ein Familienbetrieb tauft Bohrer

Datenmatrix steuert die Prozesse

18.08.2017
Von Detlef Flach
Mit der Digitalisierung im deutschen Mittelstand hapert es laut Studien. Häufig sehen die Geschäftsführer keinen Mehrwert. Unser Beispiel zeigt, wie selbst kleine Digitalisierungsprojekte Prozesse und Workflows revolutionieren.
Dank Digitalisierung konnte das Familienunternehmen Neumüller seine Prozesse optimieren.
Dank Digitalisierung konnte das Familienunternehmen Neumüller seine Prozesse optimieren.
Foto: Josef Neumüller Werkzeugschleiferei GmbH

Ein familiäres Team mit 20 Mitarbeitern, ein Standort im tiefsten Niederbayern, der bayerische Gemütlichkeit verspricht - das klingt so beschaulich, das man hier kaum nach Praxisbeispielen in Sachen Digitalisierung und Industrie 4.0 suchen würde. Doch die dort angesiedelte Werkzeugschleiferei Neumüller ist ein solches Beispiel. Sie auf ein behagliches Familienunternehmen zu reduzieren. wäre ein Fehler: Neumüller ist ein Hightech-Unternehmen, das Bohrer in allen gängigen Geometrien und Zwischenabmessungen herstellt oder diese im Kundenauftrag schleift. Dabei "kommunizieren" die Produkte mit dem installierten ERP-System.

Digitalisierung im Familienbetrieb

In Deutschland gibt es nahezu 2.000 Unternehmen, die sich mit Schleiftechnik beschäftigen, große und kleinere. Die Herausforderungen sind dabei vielfältig: komplexe Produkte mit kurzfristigen Lieferterminen, Unmengen von Rabattstaffeln und Zuschlägen, kleine Stückzahlen bis hin zu auftragsbezogenen Einzelfertigungen. All das muss auch Neumüller meistern. Und zwar so effizient wie möglich. Deshalb digitalisiert die Werkzeugschleiferei bereits seit Jahren ihre Fertigung und verbindet die Maschinenebene mit ihrem ERP-System.

Datamatrix als Kernstück der Digitalisierung

Kernstück der Digitalisierung ist ein Datamatrix-Code.
Kernstück der Digitalisierung ist ein Datamatrix-Code.
Foto: Josef Neumüller Werkzeugschleiferei GmbH

Kernstück dieser Digitalisierung ist ein Datamatrix-Code. Hinter diesem Code verbirgt sich eine 19-stellige Identifikationsnummer. Den Code selbst bringt die Schleiferei dauerhaft per Laser auf jedem Werkzeug-Schaft an. "Taufe" nennt Geschäftsführer Josef Neumüller das, weil jedes Teil fortan fix mit seiner ID-Nummer verbunden und somit leicht zu identifizieren ist. Per Scan wird sie direkt im ERP-System mit der Artikel- oder Zeichnungsnummer verknüpft. Auf diesem Weg steuert Neumüller den kompletten Durchlauf der Werkzeuge durch das Unternehmen - papierlos, effizient und transparent.

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Besonders hilfreich ist der Datamatrix-Code, um die organisatorisch manchmal durchaus anspruchsvollen Nachschleifungen zu bewältigen. Denn oft kommen die Bohrer oder Fräser der Kunden in einer simplen Holzkiste im Wareneingang an - unsortiert, 200 Stück oder mehr in einer Lieferung sind keine Seltenheit. Hier hilft der Code, denn dahinter sind bei Bestandskunden bereits alle Preise, Zuschläge, Rabatte, Bonuspunkte und Aktivitäten in Form der ID-Nummer hinterlegt. Anhand der Nummer lässt sich daher auf Knopfdruck ein neuer Auftrag generieren und mit den hinterlegten (Stamm-)Daten im proALPHA-ERP-System verknüpfen. War das Werkzeug schon mal zu exakt der gleichen Bearbeitung in der Schleiferei, sieht dies der Mitarbeiter in der Auftragsannahme. Zeitsparend kann er einen identischen Folgeauftrag einfach per Klick erstellen. Bei Neukunden dient die ID-Nummer dazu, Werkzeuge von vornherein für ein Angebot und einen eventuellen Folgeauftrag eindeutig zu kennzeichnen.

Da jedes einzelne Werkzeug eines Auftrags zudem eine fortlaufende Nummer erhält, weiß Neumüller auch, wie viele der beispielsweise insgesamt 200 Bohrer der Firma Huber schon nachgeschliffen sind. Die Schleifmaschine meldet dies in akustischer Form: Jeder Piep-Ton bedeutet, dass ein (weiterer) Bohrer fertig bearbeitet ist. Danach übermittelt der Werker per Scanner die Produktdaten an die ERP-Software. Diese ist somit genau über den Ist-Zustand informiert. Erkundigt sich ein Kunde nach seinem Auftrag, weiß der Mitarbeiter im Büro, wie weit dieser gediehen ist und wann er fertig sein wird. Diese Informationen musste sich früher - zu Zeiten der Papierlaufkarten - ein Mitarbeiter mühsam in der Produktion zusammensuchen. Bevor er den Auftragsstatus überhaupt abfragen konnte, musste er dabei meist erst einmal herausfinden, an welcher Maschine der Auftrag bearbeitet wurde. Kurzum: Früher war der Status der Werkzeuge unklar. Auch kamen Fehler häufiger vor und ließen sich oft nicht nachvollziehen. Kundenspezifische Wünsche blieben in der Eile unberücksichtigt. Es gab schlicht keine Prozesssicherheit.

Einbindung externer Partner

Jedes Werkstück erhält einen eindeutigen Code, so dass per ERP-Software jederzeit der Status ersichtlich ist.
Jedes Werkstück erhält einen eindeutigen Code, so dass per ERP-Software jederzeit der Status ersichtlich ist.
Foto: Josef Neumüller Werkzeugschleiferei GmbH

Prozesssicherheit ist bei Neumüller mittlerweile gegeben. Selbst wenn die Schleiferei Werkzeuge nach dem Schleifen zu einem externen Beschichter schickt, weiß sie genau, welche Teile von welchem Kunden gerade dort sind, welche wie beschichtet werden müssen, wann die Teile zurückkommen und die Schleiferei diese wieder in den eigenen Fertigungsprozess integrieren oder kommissionieren kann. Der entsprechende Lieferschein mit allen notwendigen Angaben wie etwa der Beschichtungsart wird dabei von der ERP-Software automatisch generiert. Hierfür liest ein Mitarbeiter vor dem Versand den Datamatrix-Code im Bestellkopf aus und das ERP-System legt automatisch eine Bestellposition an. Werkzeuge gleicher Schichtart fasst die Schleiferei zusammen, damit der Beschichter pro Schichtart nur einen Transportbeleg hat. Vor dem Versand wird die Bestellung nochmals auf Plausibilität geprüft: Soll ein bestimmtes Werkzeug überhaupt beschichtet werden? Und wurde das Werkzeug auch wirklich nachgeschärft?

"Egal, ob wir an einer Schleifmaschine nur einen Kundenauftrag oder im Sinne einer optimalen Maschinenauslastung gleich mehrere Aufträge bearbeiten, durch die ID-Nummer wissen wir immer, was an jedem einzelnen Werkzeug wie zu tun ist und wie wir dies durchlaufzeitenoptimiert schaffen", erklärt Josef Neumüller, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens.

Reklamationen verfolgen

Der Datamatrix-Code sichert bei Neumüller zudem das Reklamations-Management. Beanstandet beispielsweise ein Kunde bei seinen Schneidwerkzeugen eine fehlerhafte Beschichtung, kann Neumüller die Charge dank der ID-Nummer rückverfolgen, das fehlerhafte Werkzeug eindeutig identifizieren und beim externen Beschichter entsprechend reklamieren. Somit weiß auch der externe Dienstleister genau, um welchen Auftrag der Firma Neumüller es sich handelt und wann dieser abgearbeitet wurde. Anhand dieser Angaben kann er die Ursache für den reklamierten Fehler ermitteln, zum Beispiel, dass eine falsche Legierung benutzt wurde oder zu dem Zeitpunkt eine Maschine fehlerhaft arbeitete. Durch die effektive Reklamationsbearbeitung und gezielte Ermittlung der Mängelursache spart Neumüller heute Zeit und Geld. Denn Reklamationen, die der Beschichter früher als unbegründet ablehnte, nimmt er heute aufgrund der lückenlosen Nachverfolgbarkeit anstandslos entgegen. Die "Ablehnquote" ging dank des Datamatrix-Codes um rund 30 Prozent zurück.

Die ID-Nummer hilft Neumüller auch, selbst Fehler zu vermeiden. Da sich dank ERP-System einem Werkzeug auch Zeichnungen, Notizen oder Handzettel zuordnen lassen, hat die Schleiferei bei Eingabe der ID-Nummer dies alles sofort parat. Kleine Änderungen oder nachträgliche Anpassungen haben die Mitarbeiter so heute "auf dem Schirm". "Will der Kunde exakt das gleiche Werkzeug von damals haben, bekommt er es", erklärt Neumüller weiter, "ohne langwieriges Abstimmen, ohne Suchen - und fehlerfrei." Passiert dem Unternehmen dennoch einmal ein Lapsus und ein Werkzeug entspricht nicht den Kundenwünschen, dann kann die Ursache schnell ermittelt und der Fehler abgestellt werden.