Stolperfalle ins neue Berufsleben

Vorsicht vor verlockenden Abfindungen!

06.04.2021
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
Im Zuge der COVID-19-Pandemie winken Firmen mit Abfindungen, um Stellen abzubauen. Doch das Liebäugeln mit einem neuen Traumjob sollte gut überlegt sein.
Abfindungen können ein willkommener Geldsegen sein, wenn man von einem Berufswechsel oder neuem Arbeitgeber träumt. Der Schritt in eine neue berufliche Zukunft sollte aber gut geplant sein und nicht unter Zeitdruck erfolgen.
Abfindungen können ein willkommener Geldsegen sein, wenn man von einem Berufswechsel oder neuem Arbeitgeber träumt. Der Schritt in eine neue berufliche Zukunft sollte aber gut geplant sein und nicht unter Zeitdruck erfolgen.
Foto: ArtFamily - shutterstock.com

Während die öffentliche Aufmerksamkeit seit einer Weile durch die aktuelle Corona-Pandemie gebannt ist, findet in vielen großen Unternehmen Personalabbau wieder in größerem Ausmaß statt. Verlockende Abfindungs- und Weiterbildungsangebote - meist zeitlich befristet - sollen dann den Abschied versüßen. Diplom-Psychologin Madeleine Leitner rät jedoch zur Vorsicht: "Viele Betroffene denken, sie könnten sich nach dem Ende der Pandemie vielleicht sogar in einem neuen Beruf verwirklichen. Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht."

Zahllose Bücher und TV-Serien beschäftigen sich mit dem Thema Selbstverwirklichung. Sie spiegeln eine Wirklichkeit vor, die bei den Interessenten Sehnsüchte weckt. Und dann gibt es plötzlich ein attraktives Abfindungsangebot und die Möglichkeit, über eine bezahlte Weiterbildung endlich den inzwischen vielleicht sogar verhassten Job an den Nagel zu hängen.

Berufswunsch trifft Realität

Wie Leitner immer wieder feststellt, kann dies ganz schnell zu unüberlegten Fehlentscheidungen führen. "Die allermeisten Menschen müssen von ihrer Tätigkeit leben. Darum hat eine solche Entscheidung immer eine enorme Tragweite und sollte mit sehr viel Bedacht gefällt werden", rät sie. Bevor man daher einfach auf Verdacht kündigt oder irgendeine Ausbildung absolviert, sollte man besser mit System vorgehen. Im allerersten Schritt sollte man seine Träume unbedingt einem ausgiebigen Realitäts-Check unterziehen.

Aber Vorsicht: "Naturbedingt beraten hier weder die Personalabteilung noch Anbieter von Ausbildungen neutral. Die einen sollen schließlich den Abgang möglichst schmackhaft machen und die anderen verdienen immer gut an der Weiterbildung, ob sinnvoll oder nicht." So gibt es seit vielen Jahren Statistiken, die belegen, dass das scheinbar so attraktive Berufsbild des "Coachs" für die überwältigende Mehrheit bestenfalls als Nebenjob geeignet ist.

Traumjob - aber nur von außen?

Ihren Klienten empfiehlt die Psychologin in solchen Situationen daher, sich zunächst besser mit einigen Praktikern zu unterhalten. Das sind Personen, die bereits in dem vermeintlichen Traumjob arbeiten. Oft sieht deren tägliche Arbeitsrealität nämlich ganz anders aus, als man es sich als Außenstehender vorstellt. Außerdem erfährt man so durch diese Gespräche wichtige Details über den Einstieg in das neue Arbeitsumfeld, die Verdienstmöglichkeiten, Arbeitszeiten und Aufstiegschancen. Aufgrund dieser Informationen werden sich manche der zunächst verlockenden Ideen einfach in Luft auflösen, während andere auch eine positive Bestätigung finden.

Für die realistische Einschätzung der eigenen Situation sollte man auch das Gespräch mit ehemaligen Kollegen suchen, die bereits bei einer früheren Abfindungswelle ein Angebot angenommen haben und beispielsweise folgende Fragen stellen:

  • Wie ist es Ihnen ergangen?

  • Hat Ihnen die Weiterbildung etwas gebracht?

  • Bereuen sie Ihre Entscheidung oder sind sie immer noch froh darüber?

"Bei allen, zugegebenermaßen oft verlockenden, Träumen sollte man daher unbedingt vor einer Kündigung auch eine gut realisierbare Alternative in der Hinterhand haben", so Leitner. Die besten Chancen, beruflich wieder Fuß zu fassen, hat man natürlich bei der bisherigen (oft ungeliebten) Tätigkeit.

Unzufriedenheits-Überschätzung

Bei den meisten Ratsuchenden stellte sich durch die Standortbestimmung mit der Psychologin allerdings heraus, dass der bisherige Job meist wesentlich besser abschnitt, als sie selbst vermutet hätten. Diese typische Überschätzung der Unzufriedenheit lässt sich ganz einfach mit den Erkenntnissen der Wahrnehmungspsychologie erklären.

Menschen gewöhnen sich sehr schnell an die positiven Dinge und betrachten diese dann als selbstverständlich. All das, was sie stört, nehmen sie aber besonders stark wahr. Mancher Klient wusste seinen bisher ungeliebten Job wieder zu schätzen. Und gerade in großen Unternehmen finden Mitarbeiter zum Beispiel oft Gehälter und Arbeitsbedingungen vor, von denen andere nur träumen. Leitners Rat: "Darum denken Sie bei einer so wichtigen Entscheidung wie einer Kündigung immer daran: Sie haben auch etwas sehr Elementares zu verlieren." (pg)