Great Resignation

Viele Entwickler klagen über hohe Belastung

14.04.2022
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Scott Carey ist Redakteur bei unser IDG-Schwesterpublikation Computerworld in Großbritannien. Der IT-Journalist mit dem Schwerpunkt auf Unternehmensanwendungen moderiert auch Branchenveranstaltungen. Besonders interessieren ihn die großen IT-Player und Cloud-Service-Anbieter. Er hat ein Diplom in Journalistik an der Universität Cardiff in Wales erworben. In seiner Freizeit treibt er Sport, reist viel und beschäftigt sich intensiv mit der Medienlandschaft in Großbritannien.
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO sowie Chefredakteur der europäischen B2B-Marken von IDG. Er kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung der Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. 
Viele Software-Entwickler sind den hohen Anforderungen und der Komplexität ihrer Aufgaben nicht mehr gewachsen. Die grassierende „Great Resignation“ erreicht zunehmend auch die Devs.
Inzwischen zeigen auch viele Entwickler ihren Chefs die Rote Karte. Sie fühlen sich inhaltlich überfordert und zeitlich unter Druck gesetzt.
Inzwischen zeigen auch viele Entwickler ihren Chefs die Rote Karte. Sie fühlen sich inhaltlich überfordert und zeitlich unter Druck gesetzt.
Foto: Ariya J - shutterstock.com

In der Pandemie hat sich die Einstellung vieler Kopfarbeiter zu ihren Jobs dramatisch verändert. Die Great Resignation - manchmal ist auch von "Big Quit" oder "Great Reshuffle" die Rede - hat zunächst in den USA, zunehmend aber auch in anderen Ländern, darunter Deutschland, um sich gegriffen. Als Erster beobachtete der amerikanische Wissenschaftler Anthony Klotz von der Mays Business School an der Texas A&M University das Phänomen: Mitarbeiter begannen im Laufe des Jahres 2020 immer häufiger ihre Jobs zu kündigen, obwohl das Land Corona-bedingt in einer Wirtschaftskrise steckte und ein sicherer Arbeitsplatz keine Selbstverständlichkeit mehr war.

Das hatte zum einen praktische Gründe. So gaben viele weibliche Beschäftigte ihre Jobs auf, weil sie sich in der Covid-Krise mehrfach belastet sahen: Zusätzlich zu ihrer Arbeit kümmerten sie sich in Zeiten von Homeschooling um ihre Kinder, teilweise auch um pflegebedürftige Angehörige. Die Männer hielten oft an ihren meist besser bezahlten Jobs fest. Hinzu kam, dass viele Menschen in bestimmten Branchen, vor allem in Restaurant- und Hotelbetrieben, in denen pandemiebedingt nicht mehr viel ging, das Handtuch warfen. Auch im überlasteten Gesundheitswesen stiegen die Kündigungsraten.

Zu diesen rationalen Kündigungsgründen kamen emotionale Motive. Gerade unter jungen Beschäftigten wuchs in den Home-Offices die Unzufriedenheit mit der beruflichen Perspektive - nach dem Motto: Habe ich von meinem Leben nicht mehr zu erwarten als jahrelang in den eigenen vier Wänden vor einem PC zu sitzen? Viele begannen über ihre Lebensziele und ihre Work-Life-Balance nachzudenken. Hinzu kam, dass auch in den USA etliche Beschäftigte an COVID-19 erkrankten und teilweise selbst oder im Familienkreis mit Langzeitfolgen zu kämpfen hatten.

Entwickler leiden unter den gestiegenen Anforderungen

Eine aktuelle Studie der Salesforce-Tochter Mulesoft zeigt nun, dass die Great Resignation noch nicht vorbei ist und sich inzwischen auch etliche Software-Entwickler dem Trend angeschlossen haben. Zusätzlich zu den genannten Gründen kommt hier der enorme Druck: Viele Developers können mit den gestiegenen Anforderungen nicht mehr Schritt halten. Die drei wichtigsten Faktoren, die zu Stress unter ihnen führen, sind laut der Umfrage

  • die gestiegene Arbeitsbelastung und der hohe Druck, der durch immer mehr Wünsche und Anforderungen seitens anderer Teams im Unternehmen entsteht (39 Prozent),

  • die hohe Veränderungsgeschwindigkeit durch die Digitale Transformation (37 Prozent) und

  • die Notwendigkeit, ständig Fähigkeiten hinzuzulernen, um neuen Technologieentwicklungen und Methoden gewachsen zu sein (35 Prozent).

Mehr als drei Viertel der Unternehmen geben an, dass ihre Entwickler durch zu komplexe Software-Architekturen ausgebremst würden. Infolgedessen sehen 91 Prozent der Unternehmen die Notwendigkeit, mehr Aufgaben zu automatisieren, um die Belastungen zu verringern.

Wissensdefizite und Überarbeitung treiben deutsche Entwickler am häufigsten in den Burnout.
Wissensdefizite und Überarbeitung treiben deutsche Entwickler am häufigsten in den Burnout.
Foto: Salesforce

"Schon vor der Pandemie war die Nachfrage nach digitalen Lösungen größer als das was die Softwareentwickler liefern konnten. Jetzt schießt sie regelrecht durch die Decke", sagt Matt McLarty, CTO bei Mulesoft. Im Zuge der Great Resignation verstärke sich der Abwanderungstrend weiter, weshalb die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot immer größer werde.

Kalifornien will die 32-Stunden-Woche

Angesichts der negativen Entwicklungen am Arbeitsmarkt hat nun die kalifornische Abgeordnete Cristina Garcia einen ungewöhnlichen Gesetzentwurf für den amerikanischen Sonnenstaat eingebracht. Er sieht vor, dass die offizielle Wochenarbeitszeit für Mitarbeitende in den rund 2.600 kalifornischen Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten auf 32 Stunden festlegt werden soll. Wie der US-Sender CBS News berichtet, müssten die Arbeitgeber in Kalifornien einen um 50 Prozent erhöhten Lohn zahlen, wenn zusätzliche Arbeitsstunden anfallen.

"Nach zwei Jahren Pandemie haben über 47 Millionen Arbeitnehmer in den USA ihren Arbeitsplatz verlassen, um sich nach besseren Möglichkeiten umzusehen", konstatiert Garcia. "Diese Menschen senden die klare Botschaft aus, dass sie eine bessere Work-Life-Balance wollen. Sie wünschen sich mehr emotionale und mentale Gesundheit - und dies wäre ein Beitrag zu dieser Diskussion."

Ob das Gesetz Wirklichkeit wird, ist ungewiss. Die kalifornische Handelskammer bezeichnete es bereits als einen "Jobkiller", da es das Einstellen neuer Mitarbeiter verteuern und zu einem Rückgang der Arbeitsplätze in Kalifornien führen würde. Andererseits beschäftigen sich immer mehr Länder weltweit mit den Möglichkeiten einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich, das erfolgreiche Beispiel von Island ist wohl am bekanntesten.

In Großbritannien beginnt im Juni 2022 ein sechsmonatiger Versuch unter wissenschaftlicher Aufsicht, an dem 60 Unternehmen teilnehmen werden. Die Beschäftigten dürfen dort ihre Arbeitszeit auf vier Tage in der Woche konzentrieren und täglich bis zu 9,5 Stunden arbeiten. In diesem Szenario geht es also nicht darum, dass die Beschäftigten ihre Arbeitszeit reduzieren, sondern dass sie diese konzentrieren, um nur vier Tage pro Woche Arbeiten zu müssen. In Belgien hatten sich die Arbeitnehmer dieses Recht kürzlich sogar erstritten: Die Menschen können dort entscheiden, ob sie ihre Arbeitszeit auf vier oder fünf Tage in der Woche verteilen möchten. (hv)