Im Team von Experten lernen

Schneller Wissenstransfer mit agilen Methoden

03.12.2018
Von 
Constantin Gonzalez ist Principal Solutions Architect bei AWS Deutschland.
Unternehmen benötigen in der digitalen Transformation Mitarbeiter, die über entsprechende Skills verfügen. Da solche Experten extern aufgrund des Fachkräftemangels nur schwer zu finden sind, bietet sich nur eine Lösung an: die eigenen Spezialisten ihr Know-how in Teamarbeit weitergeben zu lassen. Welche Methoden es dafür gibt, lesen Sie hier.
  • Betriebe haben Probleme, das gesammelte Know-how in die Tiefe der Unternehmensstruktur zu tragen.
  • Das Programmieren im Paar ist mittlerweile eine gängige Methode und als agiles Verfahren sehr effizient.
  • Unternehmen sollten sich mit verschiedenen Systemen der Wissensvermittlung im IT-Umfeld beschäftigen.

Unternehmen, die die digitale Transformation vorantreiben, brauchen dafür Mitarbeiter mit den entsprechenden Skills. Wie in allen großen Veränderungsprozessen müssen Firmen dabei eine wichtige, strategische Entscheidung treffen: ob sie die Belegschaft durch externe Spezialisten erweitern oder das bestehende Team durch Training auf die kommenden Herausforderungen vorbereiten. Letzteres bietet viele Vorteile, weil die Mitarbeiter das Unternehmen, seine spezielle Firmenkultur sowie die daraus entstehenden Herausforderungen bereits kennen. Insbesondere wenn es um umfangreichere Transformationen geht, die Kernprozesse und alte Gewohnheiten auf den Kopf stellen, spielt dieser Faktor eine große Rolle. Davon abgesehen kostet es viel Zeit und Geld, neue Leute einzustellen und möglichst schnell einzuarbeiten. Zudem ist es, da Spezialisten im IT-Bereich stark gefragt sind, derzeit schwer, die richtigen Leute zu finden und einzustellen.

Die Weitergabe von Know-how und damit Weiterbildung der Mitarbeiter kann in Unternehmen sehr agil in kleinen Paarungen oder durch Expertenteams an Lernteams erfolgen.
Die Weitergabe von Know-how und damit Weiterbildung der Mitarbeiter kann in Unternehmen sehr agil in kleinen Paarungen oder durch Expertenteams an Lernteams erfolgen.
Foto: Branislav Nenin - shutterstock.com

Es lohnt sich also gleich in mehrfacher Hinsicht, die vorhandenen Mitarbeiter in neuen IT-Fähigkeiten zu schulen, die für das Gelingen der Transformation nötig sind. Cloud-Anbieter wie AWS bieten dazu eine Vielzahl an Kursen an. Ein entscheidender Punkt ist allerdings, die neu erworbenen Kompetenzen der jeweiligen Angestellten möglichst effizient im Unternehmen zu skalieren. In Sachen "Grundausbildung" haben viele Firmen dafür ihre Hausaufgaben hervorragend gemacht: Sie besitzen womöglich ein Cloud Center of Excellence, sehr gute, mit DevOps-Skills ausgebildete Teammitglieder, ein automatisiertes Deployment sowie definierte Prozesse für die Bereitstellung der Infrastruktur und die kontinuierliche Integration. Große Schwierigkeiten bereitet es jedoch, das dabei gesammelte Know-how in die Tiefe der Unternehmensstruktur zu tragen. Gute Gründe also, sich mit aktuellen Methoden des Wissenstransfers beim Programmieren zu beschäftigen.

Neue Paarungen für mehr Know-how

Ein in der Praxis bewährter Ansatz ist das "Kopplungsmodell". Es kann sowohl innerhalb eines Unternehmens als auch bei der Zusammenarbeit mit einem Auftragnehmer eingesetzt werden. Dabei verbindet sich ein größeres Team, das sich in bestimmten Bereichen fortbilden möchte, mit einem anderen Team, das die Fähigkeiten bereits hat. Die so zusammengesetzte Gruppe arbeitet anschließend gemeinsam an einem konkreten Projekt. Jedes Mitglied des Lernteams arbeitet dabei mit einem Mitglied des Expertenteams zusammen. Das Programmieren im Paar ist mittlerweile eine gängige Methode und als agiles Verfahren sehr effizient. Auf den ersten Blick erweckt die Methode den Anschein, wenig effizient zu sein, aber Teams, die diese Paarprogrammierung praktizieren, geben in der Regel an, dass sich die Produktivität tatsächlich erhöht. Die Nacharbeit für die Fehlerbehebung reduziert sich, und dass Ideen von gleich zwei Programmierern in den Code einfließen, führt zu einem besseren, saubereren Design. Im Prinzip kommt also ein ähnliches Verfahren wie bei Peer Code Reviews zum Einsatz. Die gelten seit jeher als gute Möglichkeit, hochwertigen Code zu produzieren.

Lernen mit der Dojo-Methode

Ein zweiter Ansatz ist die Dojo-Methode, die von der Firma Target in den USA entwickelt wurde. Bei dieser Variante des Paarungsmodells gibt es ein Center of Excellence, kurz Dojo, das ein Team nach dem anderen bei der Weiterentwicklung ihrer Methoden unterstützt. Das kann in Form von Programmierübungen für Zweier-Teams geschehen, oder aber das Dojo bildet das Team für die Arbeit mit den neuesten verfügbaren Tools aus. Das hilft beim Lösen von aktuellen Problemen oder liefert neue Ideen für künftige Projekte.

Ein weiteres Dojo-Verfahren ist die "30-Tage-Challenge". Dabei arbeiten Dojo-Experten mit anderen Teams einen Monat lang an einem Projekt zusammen. Um den Prozess noch weiter abzukürzen, können kürzere Sprints über zwei Tage eingelegt werden. Durch das hohe Tempo organisieren sich Teams sehr schnell, teilen die Arbeit effizient auf, erzielen erste Erfolge und verinnerlichen dadurch neue Gewohnheiten, die sie nach der Challenge in weitere Projekte einbringen können.

Von Wasserfall-Projekten zu agilen Methoden

Ein dritter Ansatz ist die Mitose-Technik. Sobald ein einzelnes Team eine Reihe von neuen Fähigkeiten erworben hat, wird es in zwei Hälften geteilt. Jede dieser Gruppen schließt sich anschließend mit weniger erfahrenen Praktikern zusammen, um ein neues Team zu bilden. Jeweils die Hälfte einer Gruppe kann also ihr Expertenwissen an die neuen Kollegen weitergeben. Firmen wie AutoScout24 haben diese Technik erfolgreich genutzt, um den Sprung von Wasserfall-Projekten, monolithischer Architektur und On-Premises-Infrastruktur in die Welt der agilen Methoden, Microservices-Architekturen und in die Cloud zu meistern.

Eine letzte Variante trägt den lustigen Namen "promiskuitive Paarungstechnik". Hier steht weniger das Team im Vordergrund, sondern der Einzelne. Auch dieser Ansatz basiert auf der Programmierung zu zweit. Allerdings wird der Partner dabei häufiger gewechselt. So kommen mit jedem weiteren Kollegen neue Ideen und Arbeitsmethoden ins Spiel. Eine grundlegende Annahme dabei ist, dass ein solcher Wissenstransfer in der Regel innerhalb kürzester Zeit stattfindet, weshalb es relativ effizient ist, bereits nach kurzer Zeit erneut neue Paarungen einzugehen.

Teamarbeit statt zentrale Policy

Was all diese Methoden verbindet, ist ihr organischer Charakter. Es gibt kein zentrales Dogma, dass den Mitarbeitern über Policies durch alle Hierarchieebenen aufgedrängt wird. Stattdessen können erfahrene Praktiker ihr Wissen an die Kollegen weitergeben und es so im Unternehmen verbreiten. Dieser Aspekt ist sehr wichtig, denn viele top-down-gesteuerte Weiterbildungsprozesse führen zu ineffizienten Lerntechniken.

Fazit

Unternehmen sollten sich mit verschiedenen Systemen der Wissensvermittlung im IT-Umfeld beschäftigen und eigene Experimente anstellen - vom Programmieren im Zweier-Team bis zu komplexeren Methoden. In jedem Fall führt ein solches Vorgehen dazu, dass sich gute Ideen und Methoden mit hoher Geschwindigkeit von Mitarbeiter zu Mitarbeiter verbreiten. Besonders mit Blick auf die digitale Transformation ist dieser Ansatz am effizientesten.