Von API bis Two-Speed-IT

Glossar für die digitale Transformation

Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Wir erläutern die wichtigsten Begriffe rund ums Thema digitale Transformation.

Accelerator

Ein Accelerator ("Beschleuniger") ist eine Institution, die Gründerteams mit Wissen und Ressourcen dabei unterstützt, ihr Geschäftsmodell voranzutreiben. Dazu bieten "Accelerators" oft für einige Monate Bootcamps an, in denen die Startups ihre Geschäftsideen mit entsprechender Unterstützung zur Marktreife weiter entwickeln können. Wie die Website "Gründerszene" berichtet, schaffen es meist nur wenige Gründer, in solche Bootcamps aufgenommen zu werden. Gelingt ihnen das, können sie auf strategische und technische Unterstützung zurückgreifen, sowie Netzwerke und Coachings in verschiedenen Bereichen nutzen. Am Ende eines solchen Bootcamps stehen die Demo Days: Dort können die Gründerteams ihr Produkt oder ihre Dienstleistung vor Investoren demonstrieren.

Eine Reihe großer Konzerne hat solche Accelerator-Programme gestartet. So arbeitet Lufthansa Cargo mit dem Logistik-Tech-Accelerator-Programm von Rocketspace zusammen, um Entwickler von zukunftsweisenden Logistiklösungen für sich zu interessieren. Die Deutsche Telekom verfolgt mit hub:raum in Berlin einen ähnlichen Plan: Kreative Entwickler und Startups sollen im Verbund mit dem Expertennetzwerk und Kapital des TK-Carriers neue Ideen kreieren.

Allianz, Metro, Microsoft, Coca-Cola oder ProSiebenSat1 verfolgen ähnliche Projekte. Die Allianz unterstützt Entrepreneure beispielsweise dabei, Insurtechs auf die Beine zu stellen. Metro sucht nach Startups aus den Bereichen Gastronomie, Hotellerie und Catering, die Geschäftsabläufe und Kundenbeziehungen von Restaurants, Cafés, Hotels, Imbiss- und Catering-Betrieben digital vereinfachen und beschleunigen sollen.

Agilität

Nachdem sich die agile Software-Entwicklung in den meisten Unternehmen gegenüber klassischen Methoden (Wasserfall) durchgesetzt hat, erobern nun agile Ansätze und Methoden ganze Unternehmen und werden zum Motor der digitalen Revolution. Denn was nutzt ein agiles Software-Entwicklungs-Team, das schnell und bedarfsgerecht Ergebnisse liefert, wenn alle anderen Unternehmensbereiche nach den althergebrachten Methoden und Standards arbeiten? Die schnelle Entwicklung von qualitativ hochwertiger Software und deren ebenso zeitnahe Bereitstellung sind die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen ihre digitalisierten Produkte und Services schnell ausliefern können. Damit sind Methoden und Tools, die hierfür geeignet sind, in aller Munde.

Zu denken, dass die agile und digitale Herausforderung sich auf bestimmte Branchen beschränken würde - etwa den Handel, der eine Antwort auf die Omnichannel-Herausforderung sucht, oder die Bankenwelt, die sich den Angriffen der Fintechs ausgesetzt sieht - greift zu kurz. Gegenstände, Maschinen und auch Menschen/Kunden sind heute jederzeit und überall digital ansprechbar. Also müssen neue Funktionen und Updates schnell und individuell ausgerollt werden. Gleichzeitig hinterlassen Konsumenten immer mehr digitale Spuren im Netz, deren zeitnahe, intelligente Interpretation massive Geschäftsvorteile bedeuten kann.

Agilität wird vor allem in Startups durchgängig gelebt. Oft kommt dabei die Denk- und Handlungsweise der "Effectuation" zum Tragen. Dabei handelt es sich um die Theorie der amerikanischen Wissenschaftlerin Saras Sarasvathy, die das Verhalten erfolgreicher amerikanischer Unternehmer empirisch untersucht hat. In einer von hektischen Veränderungen geprägten, nicht vorhersehbaren Zeit stellen diese Unternehmer ihre verfügbaren Mittel, ihr Wissen und ihr Netzwerk in den Mittelpunkt ihres Tuns und leiten daraus die für sie realistischen Ziele ab. Das ist ein anderes Vorgehen als wir es von klassischen Management-Entscheidungen kennen, die von klaren Zielen, kausaler Logik und einer vorhersagbaren Zukunft ausgehen. Stattdessen sind die aktuell verfügbaren Kompetenzen, Fähigkeiten und Mittel der Ausgangspunkt.

Basierend auf den verfügbaren Ressourcen anfangen, Partner frühzeitig einbinden, Verlustrisiken klar eingrenzen und den Zufall als Chance sehen, um die eigene Zukunft besser zu gestalten - diesen Maximen folgen Unternehmen, die es mit der Digitalisierung ernst meinen. Es gilt, das Unternehmen so aufzustellen, dass es flexibel mit Veränderungen umzugehen weiß und Unberechenbarkeit aushält. Wer sich agil ausrichtet, schafft es, aus verschiedenen Handlungsoptionen schnell die beste zu identifizieren und umzusetzen.

API

Über Programmierschnittstellen (Application Programming Interfaces = APIs) können Apps und Web-Anwendungen mit anderen, von Entwicklern und Unternehmen bereitgestellten Daten und Anwendungen kommunizieren, Daten austauschen und gegebenenfalls ganze Services abrufen. Im Extremfall kann das dazu führen, dass Startups oder Unternehmen aus bereits vorhandenen Services vollständige Digitalprodukte konfigurieren - bei sehr geringem Ressourcenaufwand.

Ein oft zitiertes Beispiel ist der Fahrdienst Uber, der mit seinem disruptiven Geschäftsmodell die weltweite Taxibranche in Schwierigkeiten brachte. Statt das Rad für jede Funktion neu zu erfinden, setzte Uber etwa auf das Kartenmaterial von MapKit und GoogleMaps die Zahlungsabwicklung von Braintree, den Rechnungsversand via Mandrill und die Compute-Performance aus der Amazon-Cloud.

APIs lassen sich zu neuen Produkt konfigurieren - in Windeseile. Auf Programmableweb.com findet sich mit 16.590 APIs das derzeit wohl größte Verzeichnis für öffentlich zugängliche Programmierschnittstellen im Web. Es kann beispielsweise Anbietern von Smart-Home-Lösungen helfen, die mit ihren Apps Küchengeräte, Rolläden, Heizungsanlagen etc. verschiedener Hersteller ansprechen und steuern wollen. Mit APIs machen also auch klassische Unternehmen ihre digitalisierten Produkte zugänglich für Märkte und Plattformen.

Wichtig dafür ist eine robuste API-Management-Umgebung, da es beispielsweise gilt, die APIs abzusichern. Kein Unternehmen wird seine Backend-Systeme via APIs offenlegen, ohne an Security zu denken. Es geht um Authentifizierung und Autorisierung, um die Einhaltung von Policies und die Abwehr von Angriffen. Moderne API-Management-Umgebungen bündeln verfügbare APIs für Entwickler, bieten Analytics-, Monitoring- und Troubleshooting-Funktionen. Sie helfen, den Traffic so zu steuern, dass es zu möglichst geringen Latenzzeiten kommt. Auf Self-Service-Portalen finden Entwickler die APIs, die sie brauchen, außerdem lassen sich dort auch Geschäftsmodelle mit APIs verknüpfen. Anbieter von API-Management-Lösungen sind etwa 3scale, die Google-Tochter Apigee, Axway, CA, IBM, Informatica, MuleSoft, Tibco und andere.

Augmented Reality und Virtual Reality

Spätestens seit dem durchschlagenden Erfolg des Mobile-Games Pókemon GO ist Augmented Reality (AR) wieder in aller Munde - obwohl es entsprechende Technologien schon seit Jahren gibt. Man denke etwa an erste Google-Glass-Anwendungen oder an iOS- und Android-Apps, die für universelle Viewer wie "Junaio" von der Apple-Tochter Metaio, Layar oder Blippar entwickelt wurden. Trotzdem ist AR immer noch in einem frühen Stadium, und momentan ist trotz medialen Hypes kaum absehbar, ob sich hier ein größerer Trend entwickelt.

Allerdings gibt es schon einige Unternehmen, die mit AR-Techniken in einer Weise experimentieren, die Wettbewerber aufhorchen lassen sollte. Hyundai etwa ermöglicht Fahrern, das Cockpit ihres Autos zu erkunden, indem sie ihr Tablet mit der entsprechenden App auf die Amaturen richten und sich so Funktionen einblenden lassen.

L'Oréal lässt Kunden über seine "Make Up Genius App" vor dem Kauf Lippenstifte virtuell ausprobieren. Ein Gesichtsmapping-Algorithmus scannt das Gesicht des Nutzers und überträgt Produkte und Look darauf. Ein anderes Beispiel ist die Baumarktkette Home Depot: Mit der iOS-App "Project Color" können Heimwerker ihre Wohnung in einer anderen Farbe kennenlernen. Halten Sie die Kamera auf eine Wand und wählen eine Farbe aus, so erscheint diese Wand in perfektem Anstrich, Gegenstände wie Lampen, Regale oder Schränke werden erkannt und nicht übermalt. Sowohl bei Home Depot wie auch bei L'Oréal können Produktkäufe in der App getätigt werden.

Dass solche Apps den Wettbewerb wirklich ärgern können, zeigt das Beispiel der App "Amazon Flow": Kunden scannen die Etikette von Consumer-Produkten ein und erhalten dann Informationen auf einer Art 2D-Etikett eingeblendet - mit typischen Amazon-Informationen wie Nutzerbewertung, Preis und weiteren Produktinfos. Sie werden direkt zum Kauf aufgefordert, was besonders perfide ist, wenn der Nutzer gerade im Edeka- oder Saturn-Markt steht.

Handelt es sich bei der Augmented Reality um eine computergestützte Erweiterung dessen, wie Menschen die reale Welt wahrnehmen, so geht es bei der Virtual Reality (VR) um die täuschend echte Darstellung einer rein virtuellen interaktiven Umgebung. Der User taucht in eine neue Welt ein (Immersion), mit der er interagieren kann. In dieser Welt sieht er qualitativ hochwertige 3D-Bilder und kann sich, etwa ausgestattet mit einer VR-Brille, ohne Verzögerungen in 360 Grad umsehen.