Gesundheit

Macht die moderne Arbeitswelt krank?

25.03.2013
Von 
Bernhard Kuntz ist Inhaber der Marketing- und PR-Agentur Die PRofilBerater sowie freier Journalist in Darmstadt.

Schnell an der Belastungsgrenze

Sabine Prohaska, Coach: "Viele Berufstätige sind heute verletzbarer, weil ihnen ein privates Unterstützungssystem fehlt."
Sabine Prohaska, Coach: "Viele Berufstätige sind heute verletzbarer, weil ihnen ein privates Unterstützungssystem fehlt."
Foto: seminar consult prohaska

Das sieht auch Sabine Prohaska so, deren Beratungsunternehmen eine Weiterbildung für Nicht-Mediziner und -Psychologen anbietet, die beruflich oft mit psychisch belasteten Arbeitnehmern zu tun haben. Sie ist überzeugt: Viele Berufstätige sind heute sehr verletzbar - auch weil ihnen ein privates Unterstützungssystem fehlt. So lange im Leben alles glatt läuft, ist das meist kein Problem. Doch wehe, die Liebesbeziehung oder Ehe zerbricht, und die Person fällt in ein emotionales Loch. Oder sie erkrankt. Oder der Lebenspartner oder ein Elternteil wird zum Betreuungsfall. Dann geraten viele Berufstätige schnell an ihre Belastungsgrenze. Oder sie stehen, weil sie versuchen, die vielfältigen Anforderungen doch unter einen Hut zu bringen, unter einer so großen Anspannung, dass die körperliche und seelische Erschöpfung droht. Kommen dann noch berufliche Sorgen hinzu, wird die persönliche Krise akut.

Individuelle Unterstützung ist nötig

Bei fast allen Burnout-Gefährdeten und -Geschädigten "hat die Überlastung auch private oder persönliche Gründe", betont denn auch Präventionsexperte Schönberger und nennt mehrere Beispiele. Eine Controllerin bei einem Mobilfunkunternehmen leidet seit Jahren unter Schlafstörungen, auch weil sie nicht den gewünschten Lebenspartner findet. Oder der Vertriebs-Manager und Vater zweier Kinder, der meist nur am Wochenende zu Hause ist, weshalb es in seiner Ehe kriselt. Oder die Lehrerin, deren Mutter einen Schlaganfall erlitt und nun einer intensiven Pflege bedarf. Oder der Investmentbanker, der aus Karrieregründen in London arbeitet, sich aber in der Großstadt nicht zu Hause fühlt und in seinem Beruf keine Erfüllung findet. Bei all diesen Betroffenen hat die Überforderung sowohl berufliche als auch auch private Ursachen.

Diesen Zusammenhang haben viele Unternehmen erkannt. Deshalb bieten sie ihren Mitarbeitern ein immer breiteres Spektrum an Unterstützungsmaßnahmen an, um ihr Leben in Balance zu halten. Und viele machen sich auch gezielt Gedanken, wie sie ihre Mitarbeiter entlasten können - zum Beispiel, wenn ein Elternteil zum Betreuungs- oder Pflegefall wird. So existiert bei Schwäbisch Hall eine betriebliche Regelung, dass Mitarbeiter in solchen Situationen eine Auszeit von zwei Jahren und länger nehmen können.

Widerstandskraft stärken

Im Weiterbildungsprogramm stehen neben den bei Großunternehmen üblichen Stress-Management-Seminaren auch zahlreiche Angebote, die darauf abzielen, die Resilienz, also Widerstandskraft, der Mitarbeiter zu stärken - und diese dafür zu sensibilisieren, wann ein "Gefordert-sein" in ein "Überfordert-sein" umschlägt.

Fakt ist also: Zumindest in den meisten Großunternehmen tut sich etwas. Sie entwickeln stets ausgefeiltere Unterstützungs- und Präventionsprogramme, auch weil sie wissen: In den kommenden Jahren wird es für uns - aufgrund des Fachkräftemangels - immer schwieriger werden, qualifizierte Arbeitskräfte, die ausfallen, zu ersetzen. Die Nutznießer dieser Unterstützungsmaßnahmen sind denn auch weitgehend die gut und sehr gut qualifizierten Mitarbeiter, die die Unternehmen zu ihren Kernmannschaften zählen.