Top 100 - Collaboration Software

Junge Wilde und etablierte Alte

30.09.2013
Von 
Bernd Reder ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Netzwerke, IT und Telekommunikation in München.
Die Auswahl an Werkzeugen, die das Zusammenarbeiten und Kommunizieren in Teams verbessern, wird bunter. Die Anbieter von Unified-Communications-Software und Videokonferenzsystemen bekommen neue Konkurrenz, etwa durch Social-Networking-Dienste und Collaboration-Services aus der Cloud.

Der Markt für Collaboration-Produkte ist im Umbruch. Die Grenzen zwischen traditionellen Enterprise-Anwendungen, Collaboration-Produkten und Lösungen für Enterprise Social Networking werden zunehmend transparent. Hinzu kommt, dass Mitarbeiter Collaboration-Tools nutzen, die in vielen Fällen eher für den Privatgebrauch oder den semiprofessionellen Einsatz ausgelegt sind. Dazu gehören beispielweise die Videokonferenz-Software Facetime von Apple oder File-Sharing- und Online-Speicherdienste wie Dropbox oder Microsoft Skydrive.

Laut der Investment-Firma Redwood Capital, die im Juni 2013 den Markt für Enterprise Collaboration und Social Software analysierte, lassen sich Produkte für die firmenweite Kommunikation und Zusammenarbeit in drei Kategorien unterteilen. Die erste umfasst traditionelle „Enterprise Applications“. Dazu zählen Software für das Kundenbeziehungs-Management (Customer-Relationship-Management = CRM), Audio-, Video- und Web-Konferenzsysteme sowie Produkte das gemeinsame Bearbeiten von Dokumenten. Hinzu kommen Lösungen für Unified Communications and Collaboration (UCC). Zu den Anbietern zählen Cisco Systems, IBM, Microsoft, Google, der UCC- und Videokonferenzspezialist Avaya, Oracle, Salesforce.com und Polycom. Aus deutschen Landen ist Siemens Enterprise Communications zu nennen.

Daneben haben sich Enterprise-Collaboration-Produkte etabliert. Sie werden vorzugsweise als Dienst angeboten, etwa über eine Cloud oder als Managed Service. Anwender können mit Hilfe von Diensten wie Box.com, Huddle oder Alfresco Dokumente online speichern, austauschen und gemeinsam bearbeiten. Nicht zu übersehen ist, dass sich etliche dieser Dienste an Microsofts Sharepoint orientieren.

Anwender setzen auf bekannte Technologien

Die dritte Ebene bilden Social-Networking- beziehungsweise Social-Collaboration-Tools. Zu dieser Kategorie zählen beispielsweise Jive, Chatter von Salesforce.com oder Yammer, das Microsoft für 1,2 Milliarden Dollar übernahm. Mit solchen Produkten lassen sich unternehmensinterne soziale Netzwerke aufbauen. Allerdings haben diese Lösungen oft noch nicht den Reifegrad erreicht, den externe Social-Networking-Plattformen wie etwa Facebook bieten. Eine Entwicklung im Bereich Collaboration-Tools zielt daher darauf ab, vorhandene UCC-Dienste und Plattformen für das gemeinsame Bearbeiten von Informationen mit solchen externen Services zu kombinieren.

Allerdings stoßen Social-Collaboration-Tools bei Anwendern in Deutschland noch auf Skepsis. Laut einer Studie der Marktforschungs- und Beratungsgesellschaft Pierre Audoin Consultants (PAC) von 2012 zum Status von UCC in Deutschland setzen deutsche Unternehmen bei Werkzeugen für die Kommunikation und Zusammenarbeit vor allem auf Web- und Audio-Conferencing-Systeme.

Im vergangenen Jahr waren in 59 Prozent aller Unternehmen Audiokonferenzsysteme im Einsatz. Jeweils mehr als 40 Prozent setzten Web- und Videokonferenz-Lösungen ein. Noch eine untergeordnete Rolle spielten dagegen virtuelle Projekträume (Common Workspaces, 22 Prozent) sowie Social-Media-Lösungen (20 Prozent). Auch bislang eher stiefmütterlich behandelte Instant-Messaging- und Präsenz-Management-Produkte finden laut PAC in Deutschland mittlerweile stärkere Beachtung.

Generell ist zu beobachten, dass die Nachfrage nach Collaboration- und UCC-Applikationen, die eine Echtzeitkommunikation ermöglichen, steigt. Das ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen:

  • Unternehmen sind „dezentraler“ organisiert, sprich unterhalten verstärkt Standorte in Schlüsselmärkten.

  • Auch mittelständische Firmen, nicht nur Großkonzerne, greifen auf die Dienste von Partnerunternehmen zurück. Das erhöht den Kommunikationsaufwand.

  • Die Zahl der Mitarbeiter, die von unterwegs oder dem Home Office aus mit Kollegen in der Firmenzentrale oder an anderen Standorten Informationen austauschen, wächst kontinuierlich.

PAC geht davon aus, dass bis 2014 vor allem Web- und Videokonferenzsysteme zu Lasten von Audio Conferencing an Bedeutung gewinnen. Zudem wollen 20 Prozent der Firmen Präsenz-Management-Lösungen implementieren.

Herausforderung: Mobile Endgeräte einbinden

Eine der größten Herausforderungen für die Anbieter von Enterprise-Collaboration-Software besteht darin, dass sie ihre Produkte für den mobilen Einsatz fit machen müssen. Mitarbeiter wollen auch von unterwegs aus miteinander kommunizieren und auf Informationen zugreifen. Sie nutzen dazu Notebooks und Smartphones, in zunehmendem Maße jedoch auch Tablet-Rechner unter Betriebssystemen wie iOS (Apple), Windows 8 (Microsoft) oder Android (Google).

Ein weiterer Trend, so Berit Bettina Schubert, Leiterin Marketing und Kommunikation bei Siemens Enterprise Communications, ist der Einsatz privat genutzter Tools im Bereich Enterprise Collaboration – von Videokonferenz-Software wie Facetime und Skype bis hin zu Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Google+.

Sicherheit hat hohe Priorität

Zu den Faktoren, die sich negativ auf die Akzeptanz von Social-Collaboration-Tools auswirken, zählen laut PAC Sicherheitsbedenken. An die 72 Prozent der Fachbereichsverantwortlichen von Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern haben demnach Sorge, dass durch die Verwendung von Social-Collaboration- Tools die Datensicherheit leiden, und 56 Prozent fürchten, dass internes Know-how abfließen könnte. Damit stehen deutsche Fachbereichsleiter Social Collaboration deutlich skeptischer gegenüber als ihre Kollegen in Frankreich und Großbritannien.

Generell ist laut PAC zu beobachten, dass zumindest zum jetzigen Zeitpunkt die Nachfrage nach integrierten Enterprise- Collaboration-Suites in Deutschland wenig ausgeprägt ist. Statt einer „All-in-one“-Lösung setzen IT- und Fachabteilungen lieber auf einen Mix unterschiedlicher Tools diverser Anbieter. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Unternehmen bereits angeschaffte Werkzeuge noch nicht durch eine neue Lösung ersetzen wollen.

Viele Collaboration-Projekte noch nicht abgeschlossen

Insgesamt nutzen laut PAC derzeit etwa 60 Prozent der deutschen Unternehmen Lösungen zur Integration von Anwendungen für die Kommunikation und Zusammenarbeit. Allerdings haben nur zwölf Prozent UCC- und Collaboration- Projekte komplett abgeschlossen. Das deutet darauf hin, dass entsprechende Lösungen in mehreren Schritten implementiert werden. Diese Vorgehensweise ist vor allem in größeren und mittelständischen Unternehmen zu finden.

Dagegen sind kleinere Betriebe laut PAC bei der vollständigen Umsetzung solcher Projekte vergleichsweise weit fortgeschritten. Das ist nach Einschätzung der Beratungsfirma allerdings darauf zurückzuführen, dass dort weniger Mitarbeiter und Niederlassungen in eine UCC- und Enterprise-Collaboration-Infrastruktur einzubinden sind. (mhr)