Experten diskutieren Nachhaltigkeit

IT-Revolution oder doch nur Marketing?

02.12.2022
Von 
Richard Ruf ist Autor und Texter in München. Im Fokus seiner Arbeit bei der Agentur "Medienstürmer" liegen vor allem die Themen Modern Work, Projektmanagement, Office-Kollaboration und Open Source.
Die Nachhaltigkeitsdebatte macht angesichts der aktuellen Weltlage auch vor der IT nicht Halt. Ist der grüne Trend nur ein PR-Instrument oder steckt tatsächlich mehr dahinter?
Die grüne IT-Revolution - nur ein Marketing-Gag? Unsere Expertenrunde liefert Antworten.
Die grüne IT-Revolution - nur ein Marketing-Gag? Unsere Expertenrunde liefert Antworten.
Foto: Firn - shutterstock.com

Man tut den meisten deutschen Unternehmen sicherlich kein Unrecht, wenn man behauptet, dass die Themen Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in den vergangenen Jahrzehnten nicht ganz oben auf der Agenda standen. Doch die immer hitziger geführte Klimadebatte, die Energiekrise und die gesteigerte Sensibilisierung der Verbraucher hinsichtlich fairer und nachhaltiger Konsumgüter sorgen dafür, dass mehr und mehr Unternehmen dem Thema höhere Priorität einräumen.

Diese Entwicklung bekommen nicht zuletzt auch IT-Abteilungen zu spüren - schließlich ist deren ökologischer Fußabdruck alles andere als gering, wie das Forschungsprojekt "Green Cloud Computing" im Auftrag des Umweltbundesamtes herausfand. Der in der Vergangenheit zuweilen etwas hohl klingende Begriff der "Green IT" erhält in diesem Zuge wieder enormen Auftrieb. Doch was ist dran an der "grünen Revolution" der IT - handelt es sich bei den Bestrebungen der Unternehmen nur um Lippenbekenntnisse oder sehen wir ein echtes Umdenken am Markt? Kann IT auch andere Bereiche bei Einsparungen unterstützen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Expertenrunde beim Foundry-Roundtable zum Thema "Erfolgsfaktoren IT & Innovation: Lösungen für Energieeffizienz und Nachhaltigkeit".

ESG ist gekommen, um zu bleiben

In einem Punkt sind sich die Experten einig: noch nie waren die ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) so prägend für Business-Entscheidungen über alle Branchen hinweg wie heute - und daran wird sich auch in Zukunft wenig ändern. Das liegt bereits an der Gemengelage aus der aktuellen geopolitischen Situation, gesetzlichen Bestimmungen wie dem neuen Lieferkettengesetz und höheren Ansprüchen der Endverbraucher. Während die Energiekrise schon aus rein finanziellen Gründen zu Einsparungen führt, die ökologisch relevant sind, müssen sich Unternehmen heute sowohl juristisch als auch vor dem Verbraucher mehr denn je hinsichtlich der Erfüllung der ESG-Kriterien rechtfertigen. "Die Kennzahlen, an denen Board-Member gemessen werden, verändern sich gerade", konstatiert dazu Armin Kuppek, Managing Partner von DXC Technology. "Wir sehen gerade einen klaren Shift von klassischen Business-KPIs hin zu mehr ESG. Viele Produkte lassen sich heute schon nur dann verkaufen, wenn sie klar und nachweisbar 'grün' sind."

Auch Karsten Kümmerlein, Lead GoToMarket bei Skaylink, sieht die steigende Bedeutung von ESG für Unternehmen. Das Vorweisen bestimmter Zertifikate sei mittlerweile Grundvoraussetzung für jede Ausschreibung. Dies heiße jedoch nicht zwingend, dass das Thema nun überall höchste Priorität habe: "Um realistisch zu bleiben: Askese wird nicht der nächste deutsche Exportschlager werden. Es geht in den allermeisten Fällen nicht um Verzicht, sondern darum, bestehende Standards durch mehr Nachhaltigkeit zu erhalten." Die Unternehmen stünden eben noch vor ganz anderen Herausforderungen. Nichtsdestotrotz stelle ESG-Compliance in der Zusammenarbeit die erste Hürde dar, an denen man als Dienstleister gemessen wird.

Zustimmung erhält er dabei von Matthias Gromann, Business Line Manager Enterprise IT bei FNT Software: "Wir sehen, dass jetzt die Erkenntnis einsetzt, dass es besonders zwischen Nachhaltigkeit und der Kostenseite eine starke Korrelation gibt." Auf einmal seien echte wirtschaftliche Incentives erkennbar, da Green-IT plötzlich auch eine Kostenoptimierung darstelle.

Green IT - nach wie vor primär krisengetrieben

Doch hätte es ohne die aktuelle Krisenlage dieses Umdenken, sofern man von einem solchen sprechen kann, überhaupt gegeben? Uta Müller-Werth, Sales Manager der All for One Group SE, ist sich da nicht so sicher. In den letzten zehn Jahren habe niemand ernsthaft gefragt, wie "grün" sein Rechenzentrum gewesen sei. Man sehe jetzt viele Bewegungen in die Cloud, doch dies verschiebe die CO2-Emissionen einfach von einem Punkt zum nächsten. "Die meisten Entwicklungen, die wir heute sehen, sind primär kostengetrieben - vor allem durch die aktuellen Krisen", erklärt Müller-Werth. "Aber natürlich macht das Thema Cloud die Auslagerung wesentlich einfacher. Zudem finden wir am Markt mittlerweile viele interessante Startups, die aus CO2 Energie gewinnen wollen."

Ähnlich sieht das Alexander Lapp, Head of Sales & Business Development von matrix technology: "Die äußeren Bedingungen haben überhaupt erst zu der Wahrnehmung geführt, dass es ein echtes Problem gibt. Diese Herausforderungen spüren die meisten Unternehmen gerade zum ersten Mal." Auch er bestätigt, dass das Thema Nachhaltigkeit in der IT in der Vergangenheit kaum angefragt wurde, oftmals eher als Bestandteil diverser Greenwashing-Kampagnen. Er wünscht sich mehr Gestaltungsdrang von Unternehmen. "Es ist etwas schade, dass der aktuelle Bedarf vor allem durch die Ressourcenknappheit bedingt ist und weniger aus einem Zukunftsgedanken heraus entsteht." Dies führe nicht selten dazu, dass ESG in Unternehmen oft anhand einfacher Kennzahlen betrachtet werde, die aber der eigentlichen Komplexität der Thematik nicht gerecht würden.

Für Sascha Giese, Head Geek im International Technical Product Marketing bei SolarWinds braucht es auch ein Umdenken direkt in den IT-Abteilungen. Auch gängige Praxis müsse regelmäßig auf den Prüfstand, um neue Wege zu effektiven Energieeinsparungen zu finden. Besonders große Puffer in der Ressourcenauslastung führten zu einem enormen Energieverbrauch. Das Vorhalten von CPU-Reserven für etwaige Peaks sei zwar einerseits verständlich, schließlich müssten IT-Mitarbeiter für die hohe Stabilität und Verfügbarkeit der Infrastruktur sorgen. "Anders als noch vor einigen Jahren muss es aber nichts Schlechtes mehr sein, wenn die CPU-Auslastung regelmäßig bei 80-90 Prozent liegt. Es gibt mittlerweile in Rechenzentren zahlreiche AI-basierte Orchestrierungslösungen, welche die Stabilität auch in so einem Fall gewährleisten können", erklärt Giese. In vielen Fällen ließen sich mit solchen Methoden verhältnismäßig einfach Energie und somit auch Kosten einsparen.

Angebot bleibt hinter der Nachfrage zurück

Demnach sind die richtigen Ansätze für Green IT nicht immer die offensichtlichsten - zumal nicht alle Unternehmen die gleichen Voraussetzungen für nachhaltige Lösungen haben. So gibt Ulrich Mauch, Principal Consultant bei der microfin Unternehmensberatung zu bedenken, dass es im Markt bei den Kunden durchaus das Interesse gäbe, die Anforderungen und Ziele beispielsweise für das eigene Rechenzentrum oder auch das Sourcing zu erfüllen. "Aber besonders für Unternehmen, die strengen gesetzlichen Regularien bei der Auswahl ihrer Rechenzentren unterliegen, bleibt das Angebot weit hinter der Nachfrage zurück, wenn man zusätzlich spezifische Nachhaltigkeitsanforderungen ansetzt."

Auch Jürgen Hindler, Senior Manager Sales Development & Strategy im Supply Chain Management von Oracle, plädiert dafür, die Themen ESG und Nachhaltigkeit komplexer zu fassen. Mit einzelnen, punktuellen Maßnahmen sei es nicht getan; vielmehr müsse sich die gesamte Unternehmensphilosophie auf ESG einstellen. Allein das Lieferkettengesetz betreffe in den kommenden Jahren mehr und mehr Unternehmen, und während dieses sich auf nationaler Ebene momentan auf die Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Supply Chain beschränke, werde die europäische Entsprechung des Gesetzes auch Nachhaltigkeit hinsichtlich der Ressourcenverwendung beinhalten. "Das heißt: Unternehmen müssen sich bereits jetzt fragen, wie sie ihr Sourcing künftig aufstellen wollen. Das muss zu einer neuen Philosophie führen", betont Hindler.

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Zum Thema Erfolgsfaktoren IT und Innovation führt die COMPUTERWOCHE derzeit eine Multi-Client-Studie unter IT-Entscheidern durch. Haben Sie Fragen zu dieser Studie oder wollen Sie Partner werden, helfen Ihnen Regina Hermann (rhermann@idg.de, Telefon: 089 36086 161) und Manuela Rädler (mraedler@idg.de, Telefon: 089 36086 271) gerne weiter. Informationen zur Studie finden Sie auch hier zum Download (PDF).

IT als ESG-Enabler für andere Unternehmensbereiche

Spätestens hier stellt sich die Frage, inwieweit die IT nicht nur selbst nachhaltiger werden kann, sondern ob sie in anderen Bereichen auch als Enabler für ESG-Compliance dient. Für Oracle-Mann Hindler ist klar: "Ohne IT geht es nicht." Gerade im Sourcing genüge es nicht, einfach neue Regeln und Verträge mit Lieferanten aufzusetzen. Vielmehr müssten sämtliche Prozesse kontinuierlich überwacht werden, um sicher sagen zu können, dass sämtliche Supplier auch wirklich den Kriterien entsprechen, die gesetzlich vorgeschrieben werden. "Viele Unternehmen haben 500 bis mehrere Tausend Lieferanten, das lässt sich manuell nicht mehr überwachen. Hier ist eine funktionierende IT-Plattform notwendig, die zum Beispiel auch das Screening mithilfe von künstlicher Intelligenz übernimmt."

Es geht also auch in diesem Bereich um die zuverlässige Auswertung großer Datenmengen, um die richtigen Schlüsse ziehen zu können. Dies gilt nicht zuletzt auch für die Entwicklung und Prüfung von Zukunftsszenarien, wie Armin Kuppek von DXC Technology erklärt. Mit Digital Twins könnten Unternehmen datengestützt berechnen, wie sich verschiedene Strategien und Maßnahmen auf den eigenen ökologischen Footprint auswirken. Jedoch: "Wenn wir riesige Datenmengen ohne kritische Prüfung sammeln und zwischen verschiedenen Bereichen hin- und herschicken, füllt das nur unsere Rechenzentren - das ist nicht nur energietechnisch kontraproduktiv", so Kuppek. Es sei daher entscheidend, relevante Daten von weniger wichtigen Informationen zu trennen.

Daher sehen die Experten auch für die Zukunft einen großen Trend in Richtung Internet of Things. In vielen Bereichen können zunehmend intelligentere IoT-Komponenten bei der Datensammlung, Analyse und der Aussteuerung dabei unterstützen, möglichst im Rahmen der ESG-Kriterien zu agieren. Auch entstünden größere Business-Cases für weitere Technologien wie beispielsweise 3D-Printing, wenn Standorte nicht mehr vollumfänglich auf Komponentenlieferungen von A nach B angewiesen seien, sondern viele Bauteile auch selbst herstellen könnten.

Die Verantwortung liegt auch bei jedem Einzelnen

Die IT muss somit nicht nur selbst nachhaltiger agieren, sondern kann auch entscheidenden Support in anderen Bereichen bieten, damit diese künftig grüner und sozialer werden. Trotzdem entlässt die Expertenrunde die Fachabteilungen und die einzelnen Mitarbeiter nicht aus der Verantwortung. "Die Unternehmen sind wir alle, die Menschen dahinter", hebt Uta Müller-Werth von der All for One Group SE hervor. "Es liegt an jedem einzelnen von uns, auch das eigene Unternehmen zu hinterfragen und nach neuen Wegen zu suchen, im eigenen Berufsalltag auf Nachhaltigkeit zu achten."

Dahingehend liefert FNT-Vertreter Matthias Gromann zum Abschluss einen optimistisch stimmenden Eindruck und spricht davon, dass viele Teams durchaus eine große Eigenmotivation entwickelt hätten. "Die Bereitschaft, über völlig neue Konzepte nachzudenken, ist so groß wie lange nicht mehr", sagt er. Zwar hätten wirtschaftliche Zwänge den Stein erst ins Rollen bringen müssen. "Aber wenn die Prozesse erstmal laufen, dann spürt man fast schon eine Art Freude, im Sinne der Nachhaltigkeit das Maximum herauszuholen."

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