Frauen in der IT

„In Wirklichkeit bin ich ein Nerd“

Katja Gaesing arbeitet als freie Autorin und Kommunikationsberaterin in München.
Familie und Umfeld müssen es vorleben, dass ein IT-Beruf ein ganz normaler Job auch für Frauen ist, und in der Berufswelt muss es ein hohes Maß an Flexibilität geben, damit Frauen in Softwarehäusern arbeiten – davon ist Ilijana Vavan, Managing Director Europa und General Manager DACH bei Kaspersky Lab, überzeugt.

Sie sind seit über 20 Jahren in verschiedenen Top-Management-Positionen erfolgreich. Anderen Frauen scheint der Einstieg in die IT-Berufswelt schwer zu fallen. Woran liegt das?

Im Interview mit der COMPUTERWOCHE gibt Iliana Vavan einen Einblick in ihren neuen Job bei Kaspersky.
Im Interview mit der COMPUTERWOCHE gibt Iliana Vavan einen Einblick in ihren neuen Job bei Kaspersky.
Foto: Kaspersky

Ilijana Vavan: Ich denke der Grundstein für das, was man mag oder werden möchte, wird schon früh in der Kindheit gelegt. Kultur und Erziehung machen einen erheblichen Unterschied aus. Meiner Wahrnehmung nach ist es schon so, dass in westeuropäischen Ländern eher geschlechterspezifisch erzogen wird als im ehemaligen Jugoslawien, in dem ich aufgewachsen bin.

Damals (im ehemaligen Jugoslawien) gab es also keine typischen Männer- und Frauen-Jobs?

Ilijana Vavan: Sicherlich gab es auch Berufe, die tendenziell eher von Männern als von Frauen ausgeübt wurden, aber tatsächlich wurden Frauen von der damaligen Regierung dabei unterstützt, technische Berufe zu ergreifen. So wie es mir von meiner Familie und meinem Umfeld vorgelebt wurde, kam ich gar nicht auf die Idee, dass Frauen grundsätzlich oder auch nur tendenziell andere Berufe erlernen oder ausüben als Männer. Es war für Frauen selbstverständlich, technische Berufe zu erlernen und technische Studiengänge zu belegen. Dass dieses Selbstverständnis nicht in allen europäischen Ländern existiert, habe ich erst festgestellt, als ich mein Studium der Computerwissenschaften, das ich in Jugoslawien angefangen hatte, in Holland fortsetzte.

Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Ilijana Vavan: Ganz einfach: In Sarajevo lag der Frauenanteil in meinem Studiengang bei 70 Prozent, in Holland waren wir von 100 Studierenden ganze sieben Frauen.

In Deutschland hofft man dem Thema mit einer staatlich verordneten Quote zu Leibe zu rücken. Was halten Sie von derartigen Initiativen?

Ilijana Vavan: Grundsätzlich denke ich, dass alles, was erzwungen ist, nicht gut ist. In diesem Fall wage ich aber die Vermutung, dass diese Initiative dazu führen wird, dass es schneller normal sein wird, Frauen in Führungspositionen vertreten zu sehen, als es ohne die Geschlechterquote der Fall wäre.

Warum tut sich Deutschland so schwer damit?

IT-Sicherheit beginnt im Kopf

Ilijana Vavan: Deutschland steht damit nicht alleine da, anderen westeuropäischen Ländern geht es meiner Erfahrung nach genauso. Grundsätzlich möchte ich behaupten, dass Frauen, die heutzutage beruflich weit kommen, meistens fünfmal stärker und - mit Verlaub - besser sein müssen, um die gleiche Position zu erreichen wie ein Mann. Und dann verdienen sie meist weniger, aber das ist ein anderes Thema.

Gibt es Besonderheiten der IT-Branche, die es jungen Frauen aus ihrer Sicht noch attraktiver machen könnte, sich für eine IT-Karriere zu entscheiden?

Ilijana Vavan: Aus meiner Erfahrung sind besonders Softwarefirmen innovativer und offener, wenn es darum geht, moderne Arbeitszeitkonzepte zu leben. Flexible Arbeitszeiten oder noch besser Vertrauensarbeitszeit ist ein riesiger Motivationsfaktor und schafft ein wesentlich familienfreundlicheres Arbeitsklima. Ich selbst habe einen 15-jährigen Sohn, und abgesehen davon, dass er mir geholfen hat, eine unglaublich effizient arbeitende Maschine zu werden, um möglichst viel Zeit mit ihm zu verbringen, hat mir die Möglichkeit, flexibel von überall aus zu arbeiten, es sehr einfach gemacht, meinen doch recht zeitintensiven Job mit meiner Familie zu vereinbaren.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, um in der IT-Branche erfolgreich zu sein?

Ilijana Vavan: Das ist schwer für andere zu beantworten, aber wenn ich nur an meinen eigenen Weg denke, kam mir zugute, dass ich schon als Kind alles liebte, was sich bewegte und blinkte, sprich irgendwie Technik in sich hatte. Für mich war schon früh klar, dass ich Informatik studieren wollte. Bei meinem ersten Job nach dem Studium war es dann mehr oder weniger ein Zufall, dass mein damaliger Chef erkannte, wie gut ich technische Inhalte für den Laien verständlich rüberbringen konnte, und so begann meine Karriere im Grunde mit Pre-Sales.

Sie wollten ursprünglich gar nicht ins Management?

Ilijana Vavan: Ich wollte schon weiterkommen auf der Karriereleiter, aber als Programmiererin. Ich bin ja in Wirklichkeit ein Nerd.

Hatten Sie auch mal mit Vorurteilen zu kämpfen?

Ilijana Vavan: Ja natürlich, oft! Aber da muss man einfach nur schlagfertig sein. Ein ehemaliger Chef stellte mir doch mal tatsächlich die Frage, ob ich nicht fände, dass ich mich als Mutter eines Sohnes lieber auf den als auf meine Karriere konzentrieren sollte. Und ich habe ihm geantwortet, du hast doch auch einen Sohn und eine Karriere. Damit war das Thema erledigt.

Was bringt die Digitalisierung der Berufswelt von morgen?

Ilijana Vavan: Ich finde das spannend. Der Einzug von künstlicher Intelligenz in alle Lebens- und Arbeitsbereiche wird in Zukunft natürlich Arbeitsplätze ersetzen, aber gleichzeitig auch andere schaffen. Eine ähnliche Entwicklung hatten wir im Zeitalter der industriellen Revolution, die hat auch erst mal den Menschen Angst bereitet. Oder denken Sie daran, mit wie viel Skepsis die Menschen viele Jahre dem Internet begegnet sind. Mit der zunehmenden Automatisierung und Integration von künstlicher Intelligenz in die industrielle Produktion werden auch mehr Fach - und Führungspersönlichkeiten benötigt, die über eine hohe emotionale Kompetenz verfügen - weil es immer Bereiche geben wird, die niemals von Algorithmen ersetzt werden können. Und dafür sind Frauen doch wie geschaffen.

Sie besetzen bei Kaspersky Lab seit Anfang 2018 als Managing Director Europe eine verantwortungsvolle Position. Sehen Sie Ihre Position von KI-Technologie gefährdet?

Ilijana Vavan: Genau mein Job ist es, der meiner Meinung nach bleiben wird. Erfolg oder Nicht-Erfolg ist davon abhängig, ob das Team funktioniert, das ich leite, und ob ich jeden einzelnen motivieren kann. Dazu braucht es Fingerspitzengefühl und das zu ersetzen - davon ist KI weit entfernt.

Sie waren von 2010 bis 2012 schon einmal für Kaspersky tätig. Jetzt kommen Sie ausgerechnet in einer Zeit zurück, die aufgrund einiger politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen nicht ganz so einfach für die Firma ist. Warum?

Ilijana Vavan: Die Antwort darauf ist relativ leicht: Ich dachte mir - jetzt erst recht; einfach kann ja jeder. Es liegt natürlich auch am Unternehmen selbst: Ich schätze meinen Chef Eugene Kaspersky und die internationale Unternehmenskultur, die er geschaffen hat, sehr. Für mich ist Eugene ein "Crazy Genius", ein Visionär mit Herz. Das findet man auch nicht so oft. Seine Gedanken gehen immer in zig Richtungen, und er bewegt so Vieles - auch völlig abseits des Geschäfts. Wer kommt schon auf die Idee, eine Polarexpedition zu unterstützen, die für die Gleichberechtigung der Frauen steht? Kaspersky Lab wurde von Eugene und seiner damaligen Frau Natalja gegründet - das alleine sagt auch schon viel über das Unternehmen aus.

Wie sieht denn Ihr zuhause aus? Findet Smart Life in Ihrem Leben statt?

Ilijana Vavan: Ja natürlich, ich bin ganz gut vernetzt zuhause, liebe neue Devices und wie alles miteinander kommuniziert. Am liebsten würde ich selbst Geräte smarter machen wie man so schön sagt, aber dann müsste ich natürlich erstmal die aktuellen Programmiersprachen lernen und dazu habe ich momentan leider keine Zeit. Also freue ich mich, wenn ich den Staubsauger-Roboter mit meinem Smart Phone steuern kann.