Barrierefreie IT

Ein ganz normaler Arbeitstag - oder?

André Meixner ist Leiter User Centered Test bei T-Systems Multimedia Solutions. Die Hauptaufgabe seines Bereichs ist der Test von Anwendungen auf Usability und Barrierefreiheit sowie die Beratung in diesen Themengebieten.
Der moderne Arbeitsplatz hält große Chancen für Fachkräfte mit einer Behinderung bereit. Was Mitarbeiter erleben, deren Einschränkungen vom Unternehmen jedoch nicht ernst genommen werden, zeigt folgendes Szenario.

Thilo arbeitet in einem großen DAX-notierten Unternehmen als Software-Architekt - mit einer Besonderheit: Thilo ist stark sehbehindert. Daher verwendet er eine Bildschirmlese-Software (Screenreader), um sich digitale Inhalte vorlesen zu lassen.

Viele Unternehmen bieten Mitarbeitern mit körperlichen Einschränkungen ein auf sie angepasstes Arbeitsumfeld an. Andererseits können sich diese Menschen schnell ausgeschlossen fühlen, wenn die Technik nicht an ihren besonderen Bedarf angepasst ist.
Viele Unternehmen bieten Mitarbeitern mit körperlichen Einschränkungen ein auf sie angepasstes Arbeitsumfeld an. Andererseits können sich diese Menschen schnell ausgeschlossen fühlen, wenn die Technik nicht an ihren besonderen Bedarf angepasst ist.
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Freitagmorgen: Im Büro angekommen, startet Thilo sein Scrum-Tool und hört sich mit dem Screenreader das Arbeitspaket für den nächsten Sprint an. Ein dort verlinktes Dokument führt ihn in die interne Dokumentenverwaltung des Unternehmens. Das Programm empfängt ihn mit einem Hinweisdialog zur Update-Prüfung. Darum will er sich später kümmern, aber wo ist der Abbrechen-Button? Der Dialog lässt sich nicht schließen, da sich die Software nicht mit dem Screenreader auslesen lässt.

Seine Kollegin vom Nachbarplatz, ist noch nicht da, um ihn dabei zu unterstützen den Vorgang abzubrechen. Dann muss er wohl zuerst etwas Anderes machen. Er startet also die Präsentationssoftware und bereitet die Ergebnisse der letzten Woche auf. Nachdem er damit fertig ist, will er sie für seinen Kollegen in der Dokumentenverwaltung ablegen. Aber da ist immer noch dieser Update-Dialog und seine Tischnachbarin ist immer noch nicht da.

Programme, die nicht mehr sprechen wollen

Dann zu einer angenehmen Tätigkeit: der Urlaubsplanung. Thilo sucht den Link zum Intranet-Tool für die Urlaubsplanung. Nach dem Öffnen merkt Thilo, dass das Tool erneuert wurde. Die Stimme in seinen Kopfhörern bleibt stumm. Resigniert öffnet er eine Textverarbeitung und schreibt dort seine Urlaubsplanung nieder. Später will er seine Tischnachbarin bitten, sie für ihn in das HR-Tool zu übertragen.

Jetzt wird es langsam Zeit: Sein Kollege benötigt die Präsentation. Thilo schnappt sich seinen Laptop und geht ins Büro nebenan. Dort hilft ihm eine Praktikantin, den Update-Dialog der Dokumentenverwaltung von vorhin zu schließen. Jetzt kann er endlich die Präsentation freigeben und sich das Arbeitsdokument für die nächste Woche ansehen.

Jeden Freitag müssen alle Arbeitnehmer des Unternehmens ihre erbrachten Arbeitszeiten projektbezogen erfassen. Dazu hält das Intranet ein Tool bereit, das eigentlich schon seit zwei Jahren barrierefrei zugänglich sein sollte. Thilo kann es aber immer noch nicht nutzen. Deshalb dokumentiert er seine Arbeitsstunden wie jeden Freitag in einer Tabelle und schickt sie per E-Mail an seine Teamassistenz, die für ihn wöchentlich diese wiederkehrende Aufgabe übernehmen muss.

Thilo stört diese Abhängigkeit von anderen. Ständig hält er seine Kollegen von deren eigentlicher Arbeit ab.

Tools, die nicht unterstützen

13:15 Uhr: Thilo öffnet erneut die Dokumentenverwaltung, um die Präsentationsergänzungen seines Kollegen anzusehen und sich auf das Meeting vorzubereiten. Der Update-Dialog drängt sich erneut in den Vordergrund und lässt sich wieder nicht schließen. Nochmals der Weg zur Praktikantin. Als er schließlich das Dokument hochlädt, ist es bereits 13:50 Uhr. Jetzt muss er erst einmal zu einem Team-Meeting.

15:40 Uhr: Thilo ist zurück in seinem Büro und ihm fällt die Urlaubsplanung wieder ein. Er hat aber heute keine Lust mehr, einen Kollegen um Hilfe zu bitten. Hoffentlich ist seine Tischnachbarin am Montag wieder im Büro.

Die letzte E-Mail des Tages beinhaltet den Anmelde-Link zur Betriebsweihnachtsfeier. Freudig löst Thilo den Link aus und will sein Kommen anmelden. Eine Intranet-Seite erwartet ihn. Doch da sein Screenreader den Status der Checkbox "Ich werde teilnehmen" nicht auslesen kann, weiß Thilo nicht, ob sie angewählt ist oder nicht.

Nach einigem Probieren bricht er frustriert ab und verabschiedet sich erst einmal ins Wochenende. Am Montag will er die offenen Aufgaben erledigen und bei seinem Chef nachfragen, welche Möglichkeiten es gibt, in Zukunft für alle Aufgaben barrierefreie Software einzusetzen.

Herausforderungen digitaler Arbeitsplätze und Chance für Barrierefreiheit

Wie die Geschichte von Thilo zeigt, werden heute viele Aufgaben am Arbeitsplatz digital erledigt. Neben der Digitalisierung von Fachverfahren werden auch organisatorische Aufgaben, wie die Dokumentenverwaltung, Zeiterfassung oder Urlaubsbeantragung digitalisiert.

Kommunikation erfolgt nicht mehr nur per Telefon oder E-Mail, sondern wird durch Chat-Anwendungen, Web-Konferenzen und Kollaborationsmöglichkeiten zur Dokumentbearbeitung ergänzt. Die Digitalisierung bietet damit große Chancen für Menschen mit einer Behinderung, denn digitale Inhalte können vergleichsweise einfach für verschiedene Ausgabe- und Eingabeformen angepasst werden. Eine barrierefreie Software kann von jedem Arbeitnehmer selbstständig genutzt werden und schont damit Nerven und Ressourcen sowohl auf Arbeitnehmer- als auch Arbeitgeberseite.

Anforderung digitale Barrierefreiheit

Barrierefreiheit stellt für die Software-Entwicklung eine zusätzliche Anforderung dar. Genau dort wird Barrierefreiheit aber noch häufig vergessen, missverstanden oder ist den Software-Herstellern nicht bekannt. So kommt es, dass Thilo zwar prinzipiell alle Möglichkeiten hätte, als produktiver Mitarbeiter seine Arbeitsaufgaben zu erfüllen, er aber noch viel Zeit darauf verwenden muss, seine Arbeitsmittel zu bedienen.

Lesetipp: Software ohne Hürden - In 4 Schritten zu einer barrierefreien IT

Nun liegt bei der Verwendung des Begriffs "Barrierefreiheit" der schnelle Schluss nahe, dass es ausschließlich um Menschen geht, die eine Behinderung haben. Tatsächlich waren 2013 laut Statistischem Bundesamt etwa 6,8 Millionen behinderte Menschen erwerbstätig oder suchten nach einer Tätigkeit.

Wichtig ist zu wissen, dass die meisten Behinderungen im Laufe des Lebens erworben werden. Jeder Arbeitnehmer könnte also im Laufe seines Berufslebens eine Behinderung erfahren. Es geht aber nicht nur um Behinderungen, die amtlich anerkannt sind und damit in der genannten Statistik auftauchen. Mit steigendem Alter nehmen die Seh- und Hörfähigkeiten nachweislich ab und auch die Feinmotorik ist meist weniger präzise, als in jungen Jahren. Das Renteneinstiegsalter steigt und gefragte Fachkräfte sollen möglichst lange effizient arbeitsfähig sein.

Einschränkungen können auch temporär sein: Grauer Star ist behandelbar, schränkt aber zunächst die Sehkraft stark ein, ein gebrochener Arm erschwert die Mausnutzung und lässt Mitarbeiter eher auf die Tastatur zurückgreifen. Kurzum, jeder erwerbstätige Mensch mit einem Büroarbeitsplatz kann im Laufe seines Berufslebens von barrierefreier Software profitieren. Für Arbeitgeber bedeutet das, Arbeitsmittel bereitzustellen, die diesen Herausforderungen gewachsen sind.

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