Erfolg durch Anderssein

So können Autisten IT-Projektteams bereichern

Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 20 Jahren. Langweilig? Nein, sie entdeckt immer neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und im eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisiert.
Heterogene Teams sind erfolgreicher als homogene. Neue Perspektiven eröffnen sich etwa durch die Einbindung autistischer IT-Profis. Diese brauchen aber andere Rahmenbedingungen, wie ein Besuch beim Münchner IT-Dienstleister Auticon zeigt.

Heterogene Teams sind erfolgreicher als homogene. Neue Perspektiven eröffnen sich etwa durch die Einbindung autistischer IT-Profis. Diese brauchen aber andere Rahmenbedingungen, wie ein Besuch beim Münchner IT-Dienstleister Auticon zeigt.

In Deutschland leben 500.000 diagnostizierte Autisten. Jedes 67. Kind, das geboren wird, ist diesem Spektrum zuzurechnen. Dabei ist die Bandbreite groß, sie reicht vom frühkindlichen Autismus mit kognitiven Einschrän­kungen bis zum unauffälligeren Asperger-­Syndrom. Letzteres ist oft gepaart mit einem ausgeprägten logischen Denkvermögen, besonderen visuellen und auditiven Fähigkeiten.

Ehrliche Analyse von Fehlern

"Autisten haben ein angeborenes Qualitätsbewusstsein. Sie erkennen Fehler, ohne dass sie sie suchen müssen - egal ob in einem Schriftzug, in der Natur, in einem Datensatz, in Organisationsstrukturen oder Verhaltensmustern", erklärt Kurt Schöffer, Geschäftsführer von Auticon. "Und sie sind ehrlich: Erkennen sie einen Fehler, sagen sie das auch. Eine solch unbestechliche Analyse wissen Chief Security Officers oder Chief Risk Officers zu schätzen."

Kurt Schöffer ist 2013 über den Social Venture Fund, in dem sich Investoren für Sozialunternehmen finden, zu Auticon gekommen. Seitdem leitet er den IT-Dienstleister, der als Berater ausschließlich Autisten beschäftigt. Sein Ziel ist es, Autisten möglichst viele Jobchancen zu eröffnen. Mittlerweile hat Auticon neun Niederlassungen, darunter auch in London und Paris.
Kurt Schöffer ist 2013 über den Social Venture Fund, in dem sich Investoren für Sozialunternehmen finden, zu Auticon gekommen. Seitdem leitet er den IT-Dienstleister, der als Berater ausschließlich Autisten beschäftigt. Sein Ziel ist es, Autisten möglichst viele Jobchancen zu eröffnen. Mittlerweile hat Auticon neun Niederlassungen, darunter auch in London und Paris.
Foto: Auticon

Der Münchner IT-Dienstleister hat ein außergewöhnliches Geschäftsmodell, das den Besonderheiten seiner Mitarbeiter geschuldet ist. Als Consultants stellt Auticon ausschließlich medizinisch diagnostizierte Autisten ein, die flankiert von Jobcoaches in IT-Projekten mit den Kunden Software entwickeln, testen und Daten analysieren. Unternehmensziel ist es, möglichst viele Jobchancen für autistische Menschen zu eröffnen, die trotz hoher analytischer Fähigkeiten arbeitslos waren. Geschäftsführer Schöffer ist von der Idee überzeugt, soziale Probleme, in diesem Fall die Arbeits­losigkeit von Autisten, mit betriebswirtschaftlichen Mitteln zu lösen.

Und der Erfolg gibt ihm recht: Sechs Jahre nach Gründung beschäftigt der IT-Dienstleister 140 Mitarbeiter, darunter 90 Menschen im Autismus-Spektrum. Zu den sieben Niederlassungen in Deutschland kamen vor einem Jahr Büros in London und Paris dazu. Das Geschäftsmodell funktioniert auch, weil Auticon offen mit dem Thema Autismus umgeht, so Schöffer. "Die Kunden kommen zu uns, weil sie wissen, dass Autismus kein Systemfehler, sondern nur ein anderes Betriebs­system ist.

Unsere Consultants denken anders und bringen so Diversität in die Projekt­teams, wodurch diese erfolgreicher werden. Die Kunden engagieren uns nicht, weil wir ein Sozialunternehmen sind. Das gute Gefühl, jemandem geholfen zu haben, ist nur das Sahnehäubchen."

Auf das Anderssein der IT-Berater werden die Kunden in ausführlichen Briefings vorbereitet. Darin erfahren sie etwa, dass das Arbeitsumfeld reizarm mit wenig Hintergrundgeräuschen und flimmerfreiem Licht sein sollte. Ob ein ­Arbeiten im Großraumbüro möglich ist, hängt vom Einzelnen ab. Mitunter kann einen Berater schon das Geräusch der Computermaus auf dem Schreibtisch stören, während sein Kollege problemlos im Großraumbüro entwickelt und auch kein Problem damit hat, eine Dienstreise anzutreten.

Jobcoach als Schnittstelle zum Kunden

Eine wichtige Rolle für das Gelingen der Projektarbeit spielen die Jobcoaches von Auticon, die zugleich als Projekt-Manager im Einsatz sind. Annette Grimm ist so ein Fall: "Meine ­Arbeit ist mit einer menschlichen Schnittstelle zu vergleichen, die zwischen Kunden und unserem Consultant vermittelt. Manchmal aber auch untereinander. Das bezieht sich auf fachliche wie kommunikative Aspekte. Beispielsweise können Missverständnisse durch unklare Anweisungen entstehen, die Unmut auslösen können."

Jobcoach Annette Grimm (links) mit Auticon-Consultant Peter bei der Projektbesprechung. Der Softwareentwickler ist einer von 90 Menschen im Autismus-Spektrum, die für den IT-Dienstleister in insgesamt neun Niederlassungen arbeiten.
Jobcoach Annette Grimm (links) mit Auticon-Consultant Peter bei der Projektbesprechung. Der Softwareentwickler ist einer von 90 Menschen im Autismus-Spektrum, die für den IT-Dienstleister in insgesamt neun Niederlassungen arbeiten.
Foto: Auticon

Peter ist so ein autistischer IT-Berater. Bei Schwierigkeiten im Projekt wendet er sich an den Jobcoach und muss sich nicht direkt mit dem Kunden auseinandersetzen. Der 38-Jährige erfuhr erst vor wenigen Jahren, dass er ein Asperger-Autist ist. Nach dem Physikstudium arbeitete er als Entwickler für ein Software­haus, hatte dort aber zunehmend Probleme, mit den Kollegen und seinem Chef zu sprechen. Er suchte einen Arzt auf und fand nach der ­Diagnose zunächst keine Anstellung mehr, bis er im Februar 2015 zu Auticon kam.

Klare Ansagen helfen

"Bei Auticon ist der Druck nicht so hoch. Sie wissen um meine Fähigkeiten und lassen mir Zeit, mich entsprechend zu entwickeln", beschreibt Peter, der am liebsten in C# entwickelt und kürzlich die Webservices und die Datenbankanbindung für ein Risikoanalyse-Tool für eine Bank programmiert hat. Die Zusammen­arbeit im Dreierteam und die Abstimmung mit dem Kunden empfindet er nicht mehr als Stress, da er mit Annette Grimm einen Jobcoach an seiner Seite weiß: "Man hat einen freundlichen Ansprechpartner, der das Problem entgegennimmt und mit dem man sprechen kann."

Laut Grimm entlastet schon das Wissen um eine Anlaufstelle bei einer Vertrauensperson die Mitarbeiter: "Dann trauen sich Autisten meist mehr zu als sonst und gehen weniger in eine Vermeidungshaltung." Als Jobcoach muss Grimm erkennen, wie es dem Mitarbeiter geht, und einen Zugang zu ihm finden, auch wenn er durch Stress blockiert ist. Das erfordert Wachsamkeit, Einfühlungsvermögen und auch Ausdauer, wenn auf die ersten Fragen keine Antworten kommen. Mitunter sind auch deutliche Ansagen nötig, wie Peter einräumt: "Manchmal brauche ich eine Gebrauchsanweisung zum Handeln, etwa mit der Arbeit aufzuhören, wenn der Projektrahmen ausgeschöpft ist."

Autisten brauchen Strukturen

Klare Strukturen vorzugeben ist auch aus Sicht von Sandro Krug, Senior Manager bei PwC, eine wichtige Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit autistischen Experten. Krug hat mit Auticon-Beratern gemeinsam ein Softwareprojekt für eine Bank umgesetzt sowie in einer längerfristigen Partnerschaft mit dem Beratungshaus eine revisionssichere Testautomatisierungslösung für die Cloud entwickelt.

Seiner Erfahrung nach arbeiten Autisten hochkonzentriert und sehr schnell, sobald sie sich in die Materie eingearbeitet haben. So kann es auch mal vorkommen, dass sie eine Woche früher als geplant mit einer Aufgabe fertig sind. Um Leerlauf zu vermeiden, sollte man ihnen eine neue Aufgabe geben, rät Krug: "Offenheit ist eine wichtige Voraussetzung für Unternehmen, die mit Autisten zusammenarbeiten wollen. Sie müssen sich bewusst sein, dass sie jemanden an Bord holen, der mit dem üblichen Projektgeschehen nicht kompatibel ist und sich auch nicht für alle Tätigkeiten im Projekt eignet."

Aber wenn die autistischen Berater die Rahmenbedingungen bekommen, die sie brauchen, können sie ihre Fähigkeiten entfalten. Das stärkt wiederum ihr Selbstbewusstsein, sagt Auticon-Chef Schöffer: "Für jeden Menschen ist es wichtig, dass er gebraucht wird. Wer nach längerer Arbeitslosigkeit in den Beruf zurückfindet, spürt, dass sich sein Leben wieder normalisiert."

Autismus ...

... ist eine eine angeborene Abweichung der Informationsverarbeitung, des Denkens und des Gefühlslebens.

Neurodiversität ist ein Begriff, der Autismus nicht als Krankheit, sondern als lebenslange Form des Andersseins versteht. Folgende Kriterien müssen für eine Diagnose erfüllt sein: Beeinträchtigung sozialer Interaktion und Kommunikation sowie beschränkte, repetitive oder stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten.

Das Asperger-Syndrom, die eher unauffällige Ausprägung des Autismus wird oft erst im Erwachsenenalter festgestellt. Asperger-Autisten haben oft große kognitive Fähigkeiten und nutzen erfolgreich Kompensationsstrategien. Viele Autisten erkennen Muster in Gegenständen und Datenbeständen außergewöhnlich schnell und zuverlässig. Das qualifiziert sie etwa für die Analyse und Auswer­tung großer Datenmengen oder für Testing-Aufgaben.