Computer lösen keine Bildungsprobleme

18.09.2002
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Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 20 Jahren. Langweilig? Nein, sie entdeckt immer neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und im eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisiert.

„Wir adressieren mit dem Thin-Client-Projekt rund 48000 allgemein- und berufsbildende Schulen, 800000 Lehrer und zwölf Millionen Schüler in Deutschland.“ Ute Hesenius, Sun-Vertriebsleiterin Forschung und Lehre für Deutschland und Österreich, zeichnet ein positives Bild. Sie hat hochgerechnet, was in die Schulen investiert werden müsste, wenn die heutigen Vorstellungen von Computern in jedem Lehrer- und Klassenzimmer realisiert würden. Für diese Anschaffungen wäre bis 2005 ein Investitionsvolumen von fünf Milliarden Euro notwendig. Selbst wenn nur ein Bruchteil davon investiert würde und Sun im Gespräch bliebe, hätte sich das Engagement bereits gelohnt.

Es kommt auf die Lehrer an

Quelle: European Commission
Quelle: European Commission

Ob sich die Investitionen für die Schüler in jedem Fall auszahlen, ist allerdings fraglich. „Es kommt auf den einzelnen Lehrer an.“ Diese Binsenweisheit trifft besonders auf den sinnvollen Einsatz der neuen Medien im Unterricht zu. Ein mögliches Nadelöhr bleibt die Lehrerfortbildung. Selbst wenn die Schulrechner die neueste Software und eine schnelle Internet-Anbindung bieten, müssen die Pädagogen damit umgehen können.

Intel startete im Jahr 2000 mit Microsoft eine weltweite Kampagne zur Lehrerweiterbildung. Die deutsche Version erarbeitete die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen in enger Zusammenarbeit mit den Kultusministerien der Länder. Mit dem Programm „Intel - Lehren für die Zukunft“ wurden bisher bundesweit 130000 Lehrkräfte fortgebildet, die ihr Know-how an Kollegen weitergeben sollen. „Die Lehrer lernen, Word zu bedienen, eine Powerpoint-Präsentation zu erstellen und das im Unterricht einzusetzen“, sagt Christian Lenz, Bereichsleiter Neue Medien am Institut für Lehrerfortbildung in Hamburg.

Gegen eine Schutzgebühr von 25 Euro erhalten die Lehrkräfte ein Handbuch und das komplette Microsoft Office-Paket. „Das Intel-Programm bietet keine Antworten auf didaktische Fragen, sondern vermittelt nur Anwen- derkenntnisse“, kritisiert Dieter Spanhel, Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Nürnberg-Erlangen. „Damit kann man allenfalls neue Kunden für die eigenen Produkte gewinnen.“ Auch für Lenz beschränkt sich das vermittelte Wissen auf Anwenderkenntnisse. Das Beherrschen der Technik führe nicht automatisch dazu, dass Lehrer sie auch fachdidaktisch einsetzen. „Die jetzige Unterrichtsform steht auf dem Prüfstand,“ ergänzt Lenz. Politiker und Unternehmer sprechen gern von der geforderten Medienkompetenz bei Schülern und Studierenden, doch in der Lehrerausbildung stehen diese Anforderungen selten auf dem Stundenplan. Fehlende didaktische Konzepte und neu aufbereitete Inhalte stellen die größte Hürde dar.

Medienkompetenz notwendig

Gehören multimediale Unterrichtsformen nicht zu den Steckenpferden eines Professors, lernen die angehenden Lehrer keine neuen didaktischen Konzepte kennen. „Eine fundierte medienpädagogische Lehrerausbildung fehlt“, so Spanhel. Wilfried Henricks, Erziehungswissenschaftler an der TU Berlin, fordert: „Lehrpläne müssen geändert und überarbeitet werden. Wir brauchen viel mehr Lernsoftware.“

Während etwa das Bayerische Kultusministerium auf die Intel-Initiative setzt und stolz auf seine 160000 Rechnerarbeitsplätze in den Schulen verweist, findet die didaktische Qualifizierung in der Lehrerausbildung nur vereinzelt statt. „Im Referendariat bildet der Einsatz von Computern im Unterricht einen festen Bestandteil der Ausbildung,“ erklärt Peter Brendel vom Bayerischen Kultusministerium. „Außerdem erwarten wir von unseren Lehrkräften, dass sie sich selbst fortbilden.“

Für Erziehungswissenschaftler Spanhel sind diese Beteuerungen fromme Wünsche: „Offiziell gibt es überhaupt nichts. Die Lehrkräfte werden allein gelassen. Bayern hat rund 30 Millionen Euro für die Computerausstattung ausgegeben. Ich habe Frau Hohlmaier vorgeschlagen, mir davon 2,5 Millionen Euro für ein neues Institut für Medienkompetenz zu geben und ein Konzept beigefügt. Die Ministerin hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, meinen Brief zu beantworten. Das Kultusministerium möchte hier keinen Euro investieren.“

Brauchen Kinder Computer?

In den Augen des amerikanischen Autors Clifford Stoll sind Investitionen in Computer überflüssig, weil sie nichts in der Schule zu suchen haben. In seinem Buch „Logout“ plädiert er provokant für computerfreie Klassenzimmer, da bunte Bilder weder die intellektuellen Fähigkeiten noch die Konzentration der Kinder fördern. Sie verschlingen Unsummen, die sich sinnvoller in Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien investieren ließen. Viele Pädagogen hierzulande befürworten einen dosierten Medieneinsatz. „Sie können Internet und neue Lernformen in der Schule nicht aussperren,“ argumentiert Hendricks „Der PC gehört längst zum Alltag der Kinder.“