Münchner Startup Cobe

Chief Happiness Officer gesucht

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Der Chief Happiness Officer des User Experience-Spezialisten Cobe wurde abgeworben. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltet sich schwierig. Grundsätzlich kann auch eine fähige Team-Assistentin in diese Rolle hineinwachsen.
  • Die Aufgaben eines Chief Happiness Officer kreisen um Mitarbeiterbindung, Motivation und Firmenkultur
  • Die Cobe-Geschäftsführer sehen sich vor allem in Netzwerken um
  • Drei Mitarbeiter, die gerne fotografieren, durften ihre Werke eine Woche lang in den Firmenräumen ausstellen
Zum hippen Münchener Unternehmen Cobe gehört ein Chief Happiness Officer, finden seine Chefs.
Zum hippen Münchener Unternehmen Cobe gehört ein Chief Happiness Officer, finden seine Chefs.
Foto: Cobe

Junge Männer in engen Hochwasserhosen und mit kecken Hüten auf dem bärtigen Kopf, junge Frauen, die vom letzten Pitch in ihrer Agentur erzählen und dabei asiatische Nudeln aus Pappkartons angeln. An den Wänden großformatige Fotos von Berglandschaften und Großstädten. Der große schmale Raum des Münchner Startups Cobe, einem Spezialisten für User Experience Identity (UXI), ist an diesem Abend im März voll. Drei Cobe-Mitarbeiter stellen ihre Bilder aus. Normalerweise zeigen sie diese auf Instagram. Heute bekommen sie eine richtige Vernissage in den Räumen ihres Arbeitgebers. Für die drei jungen Männer ein Hauch Künstlerleben, für Cobe ein Weg der Mitarbeiterbindung.

Mitarbeiterbindung, Motivation, individuelle Belohnungsprogramme - dafür war bei Cobe mit Johannes Deck rund anderthalb Jahre lang eigens ein Chief Happiness Officer zuständig. Bis ihn ein Schweizer Luxushotel abgeworben hat. Seitdem versuchen Felix van de Sand und die anderen beiden Geschäftsführer, die Stelle neu zu besetzen. "Solange wir keinen Ersatz haben, ist das Thema Chefsache", erklärt van de Sand.

Cobe-Geschäftsführer Felix van de Sand macht die Mitarbeiterbindung zur Chefsache.
Cobe-Geschäftsführer Felix van de Sand macht die Mitarbeiterbindung zur Chefsache.
Foto: Cobe/Felix van de Sand

Wer nun meint, ein Chief Happiness Officer in einem Münchener Startup mit Kunden wie Adidas und Vodafone sei ein gutgelaunter Animateur, der irrt. Deck hat in dieser Position Maßstäbe gesetzt, bescheinigt van de Sand dem Abtrünnigen. Dazu gehörte zum Beispiel eine gemeinsame 20-minütige Meditation jeden Morgen. Oder, dass potenzielle neue Mitarbeiter abends zum gemeinsamen Kochen eingeladen wurden. Bevor man den Vertrag unterschreibt, soll so weit wie möglich geprüft werden, ob der Kandidat von der Mentalität her ins Team passt.

Gute Kultur statt dickes Gehalt

Das Motiv der drei Cobe-Chefs umreißt van de Sand so: Über hohe Gehälter kann seine junge Firma, die mittlerweile rund 30 Leute zählt, nicht mit den Dickschiffen konkurrieren. Cobe gestaltet und entwickelt digitale Produkte für Konzerne wie die Hypovereinsbank oder BSH (Bosch Siemens Hausgeräte). Laut van de Sand bezieht sein Unternehmen dabei neuropsychologische Erkenntnisse über das menschliche Nutzungsverhalten mit ein, daher die Selbstdarstellung als User Experience-Spezialist. Cobe braucht also Mitarbeiter, die nicht nur Code schreiben, sondern auch nach Methoden des Design Thinking arbeiten und offen für Neues sind. Weil man nicht die großen Gehälter bezahlen kann, lockt man mit guter Firmenkultur.

Dafür soll neben Meditation gemeinsamer Sport sorgen. Kickt ein Mitarbeiter privat in einem Fußballverein, fährt man als Schlachtenbummler zu seinen Turnieren. "Das geschieht aber nicht Top-down, sondern ist eine Initiative des Teams", betont van de Sand. Und jetzt im Frühjahr trifft sich die Belegschaft wieder regelmäßig zum Outdoor-Training.

Gegen hohe Fluktuation und Burnout: Was macht eigentlich ein Chief Happiness Officer?

Außerdem pflegt Cobe eine Feedback-Kultur. Die Mitarbeiter bewerten sich gegenseitig. Ziel ist, für jeden einen persönlichen Entwicklungsplan aufzustellen. Auch das war ein Ansatz von Johannes Deck, den van de Sand weiterverfolgt. Und er beteiligt alle Kollegen, vom Azubi bis zum Director, monetär am Unternehmenserfolg.

Profil eines Chief Happiness Officer ist kaum zu definieren

Wäre der vormalige Chief Happiness Officer nicht dagewesen, würden "sehr viele positive Impulse fehlen, die nur jemand bringen kann, der von einer vollkommen anderen Perspektive auf das Tagesgeschäft schaut", sagt van de Sand. Übrigens war Deck weder Psychologe noch Zen-Meister. Sondern gelernter Einzelhandelskaufmann mit einer erfolgreichen, aber zu arbeitsintensiven Karriere im Lebensmittelhandel.

Einen neuen Chief Happiness Officer zu finden, gestaltet sich schwierig. Van de Sand und die anderen beiden Geschäftsführer sehen sich vor allem in Netzwerken wie Facebook um. Vorübergehend war Decks Position sogar wieder besetzt - eher ein Zufallstreffer. Eine junge Frau war als Team Assistentin eingestellt worden. Es zeigte sich, dass sie ausgebildete Yoga-Lehrerin ist, damit übernahm sie die morgendlichen Meditationen. Und dann wuchs sie immer besser in diese Rolle hinein. Ihr Beispiel, wie auch das von Vorgänger Deck, zeigen, dass das Profil einer solchen Stelle kaum zu definieren ist. Weit wichtiger als die formale Ausbildung sind Soft Skills wie Empathie und Kommunikationsfähigkeit.

In den Räumen von Cobe diskutierten die Fotokünstler Dominik Martin und Benedikt Matern mit der Galeristin Rosali Wiesheu und dem Marketing-Spezialisten André Gebel (Coma) über Kunst und Social Media. Pamela Zotz moderierte (von links).
In den Räumen von Cobe diskutierten die Fotokünstler Dominik Martin und Benedikt Matern mit der Galeristin Rosali Wiesheu und dem Marketing-Spezialisten André Gebel (Coma) über Kunst und Social Media. Pamela Zotz moderierte (von links).
Foto: Cobe

Das privates Glück der Interims-Chief Happiness Officer erforderte dann allerdings andere Prioritäten: die junge Frau ist derzeit im Mutterschutz. Bis Decks Nachfolge steht, sehen sich die Chefs selbst gefragt. Ungefragt entstand die Idee zur Vernissage im März: die drei Fotokünstler unter den Kollegen gingen von sich aus auf die Chefs zu. Eine Woche lang durften sie ihre Bilder im oberen Büroraum ausstellen.

Eine externe Kommunikationsagentur organisierte dann im Auftrag von Cobe die Vernissage. Für die nötige Lokalprominenz sorgte Rosalie Wiesheu. Die Tochter des vormaligen bayerischen Wirtschaftsministers Otto Wiesheu hat Kunstgeschichte studiert und betreibt in München eine eigene Galerie. Mit den Foto-Künstlern diskutierte sie an diesem Abend lebhaft über "Social MediArt", viele Gäste mischten sich ein und stellten Fragen. Das Staunen und das Glück über so viel Interesse war den Cobe-Kollegen anzusehen.