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Beleidigte Leberwurst: Ballmer droht mit Windows-Entzug

05.03.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - In der Diskussion um eine gütliche Einigung im Washingtoner Kartellprozess greift Microsoft-Chef Steve Ballmer zum Äußersten: Sollten sich die klagenden US-Bundesstaaten mit ihren Forderungen durchsetzen, müsse der Hersteller das Windows-Betriebssystem in seinen aktuellen Ausprägungen 2000 und XP vom Markt nehmen.

Ballmer formulierte seine Drohung bereits im Februar; eine Videoaufzeichnung seiner Stellungnahme musste Microsoft auf Anordnung der Washingtoner Bezirksrichterin Colleen Kollar-Kotelly veröffentlichen. Der CEO (Chief Executive Officer) bezieht sich darin auf die Vorschläge der klagenden US-Bundesstaaten, die den bisher vorliegenden Einigungsentwurf ablehnen. Microsoft könne die Forderungen nur erfüllen, wenn es das Produkt vom Markt nehme, so Ballmer. "Wenn man Windows nicht ausliefern kann, ist das ganze Spiel vorbei."

Hintergrund ist die Argumentation der Klägerparteien, der Softwaremulti sei durchaus in der Lage, eine Windows-Version ohne damit verbundene Programme (im Prozess als "Middleware" bezeichnet) wie Instant Messaging, Multimedia-Player oder Browser, anzubieten. Mit der Produktkopplung dränge Microsoft Konkurrenten aus dem Markt.

Der Softwarekonzern hatte demgegenüber stets behauptet, eine Abtrennung solcher Anwendungen sei wegen technischer Abhängigkeiten nicht oder nur mit unzumutbarem Aufwand zu schaffen. In den nun publik gewordenen Einlassungen erklärt Ballmer, die Forderungen der Kläger würden zu "4000 bis 8000" unterschiedlichen Windows-Varianten führen, die Microsoft testen und verwalten müsste.

Nach den Erwartungen von Prozessbeobachtern werden die Kläger diesen Punkt im Laufe des weiteren Verfahrens erneut aufgreifen. Microsoft biete einigen Unternehmenskunden schon jetzt Windows-Versionen ohne die fraglichen Zusatzprogramme an, könnte die Argumentation lauten. Diese Kunden passten das Betriebssystem in Eigenregie an ihre Bedürfnisse an.

Nach der anhaltenden Kritik der verbliebenen neun klagenden US-Bundesstaaten machte der Hersteller erst kürzlich weitere Zugeständnisse (Computerwoche online berichtete). Richterin Kollar-Kotelly will erst nach weiteren Anhörungen über die Rechtswirksamkeit des modifizierten Vergleichsentwurfs entscheiden. In einem getrennten Verfahren läuft der Kartellprozess gegen Microsoft ebenfalls unter ihrem Vorsitz weiter.