Revolutionär

Wie das iPhone sein Multitouch-Display bekam

14.03.2020
Von 
Halyna Kubiv ist Content Manager bei Macwelt
Steve Jobs zählte es auf der Bühne auf: Ein Telefon, ein Internet-Browser und ein iPod in einem. Eine Neuerung hat er dann aber verschwiegen.

Klar, manche Kritiker werden berechtigt anwenden, dass Apple das Smartphone nicht erfunden hat, und werden Recht behalten: Denn Smartphones mit Internet-Funktion, Telefonfunktion und Musik Player gab es schon davor. Doch wirklich neu war beim iPhone sein Multitouch-Display, das ganz ohne Tasten auskommen konnte. Nur einen Home Button vorne gab es, das iPhone X hat selbst dieses Bedienelement dann abgeschafft.

Die größte Neuerung des iPhones war die Bedienung per Touchscreen.
Die größte Neuerung des iPhones war die Bedienung per Touchscreen.
Foto: Apple

Das Prinzip des Multitouch-Displays ist einfach – die gesamte Fläche ist mit leitfähigen Fäden durchzogen, wird ein Finger vom Nutzer draufgelegt, unterbricht der Stromfluss. Das Gerät erkennt dies dann als eine Eingabe. Neu war ebenfalls, dass das iPhone-Display mehrere Berührungen auf einmal erkennen konnte. Ab da ist die Geschichte mehr oder weniger bekannt: Waren die Smartphones davor unterschiedlich in der Form und Ausführung, nach dem ersten iPhone haben sie sich in große Displays verwandelt, sämtlichen Manipulationen wie Tippen, diverse Gesten etc. fanden direkt auf dem Bildschirm statt.

Am Anfang war der Mausarm

Doch wie kam Apple zur Multitouch-Technologie? Diese entstand nicht in Cupertino, dem Standort von Apple, sondern in Delaware, weit im Norden der USA. Einer der Urheber, Wayne Westermann, hat die Erfindung nicht im Namen der Wissenschaft und Forschung gemacht, sondern alleine, um ein Leiden zu erleichtern. Während er 1998 seine Doktorarbeit schrieb, litt er an dem Repetitive-Strain-Injury-Syndrom, bekannt auch als "Mausarm". In einem Interview gegenüber " Time" hat er sich sogar beklagt, er habe pro Tag nicht mehr als eine Seite von seiner Arbeit eintippen können, so stark waren seine Schmerzen.

In seiner Dissertation allerdings forschte er im Bereich einer tastenlosen Tastatur ohne Finger-Anschläge. Diese neue Idee hat Westermann aufgegriffen und zusammen mit seinem Professor an der Uni Delaware zu einem funktionierenden Produkt entwickelt. Nach seiner Verteidigung gründeten er und sein Miterfinder John G. Elias eine Firma, die diese tastenlose Tastatur vermarkten sollte. Passenderweise hieß die Firma Fingerworks. Die Produkte von Fingerworks waren der Konkurrenz überlegen, denn die Tastaturen erkannten mehrere Berührungen auf einmal, die Konkurrenz dagegen nur einen Finger-Tipp pro Eingabe.

Die Firma wäre abseits der Radare der großen Firmen geblieben, hätte es nicht Jeff White gegeben, einen Profiinvestor auf der Suche nach interessanten Startups. Den Stand von Fingerworks fand er auf einer Technologie-Messe in einer entlegenen Ecke der Veranstaltung. Die Tragweite der Erfindung war ihm von Anfang an bewusst: "Jungs, was macht ihr da? – Wir machen eine Tastatur, die direkt auf dem Laptop-Display funktioniert".

In einem Interview gegenüber " Technically" erinnert sich White, wie Fingerworks dann zu Apple kam: "Die Gründer sagten mir, sie suchten nach Investoren für ihre Firma. Ich erwiderte, keiner bei Verstand wird bei einer Firma einsteigen, die zwei Ingenieure und einen Vertriebler in Teilzeit beschäftigt, sie haben dringend ein Management gebraucht." Westermann und Elias hätten dann ein paar Tagen nach der Messe bei ihm angerufen und gefragt, ob White nicht das Management bei Fingerworks übernehmen würde. Er sagte zu, ohne Lohn, dafür eine Aktienbeteiligung. Nach seiner Aussage war das die beste Investition seines Lebens.

Erst Kooperation, dann Übernahme

Mit professionellen Management arbeitete Fingerworks fortan an einer gewinnbringenden Übernahme durch eine große Firma. Die besten Geschäftspartner sind diejenigen, mit denen man öfter arbeitet, so ging Fingerworks Kooperationen mit IBM, Microsoft, NEC und eben Apple ein. Bei Apple wurde zunächst die Mac-Abteilung auf die neue Erfindung aufmerksam, man wollte die Multitouch-Eingabe für die Trackpads der künftigen Macs implementieren.

Je länger Fingerworks mit Apple zusammenarbeitete, desto bekannter wurde die kleine Firma innerhalb des Unternehmens. Letztendlich wurde das Entwicklungsteam in einem geheimen Projekt auf sie aufmerksam. Man verstand, dass mit Multitouch ein komplett neues Gerät möglich sein würde, das künftige iPhone. Aus einem Lizenzgeschäft wurde schnell ein Übernahme-Deal, 2005 übernahm Apple Fingerworks endgültig. Zwei Jahre später erschien das iPhone erstmal auf der Bühne. Die beiden Gründer Wayne Westermann und John G. Elias arbeiten übrigens immer noch bei Apple und ihre Patente zu unterschiedlichen Bereichen der Toucheingabe erscheinen regelmäßig auf der Webseite des US-Amerikanischen Patentamtes. (Macwelt)