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Vor zehn Jahren: Windows 95 revolutionierte den Softwaremarkt

22.08.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Für manche Experten war das neue Windows 95, das Microsoft vor zehn Jahren auf den Markt brachte, nur das überfällige Update eines altertümlichen Produkts. Schließlich hatte Microsoft-Chef Bill Gates schon 1983 angekündigt, das kryptische MS-DOS-System der ersten PC-Generation mit durch ein modernes, grafisch orientiertes "Windows" abzulösen. Während Microsoft nur in winzigen Schritten vorankam, hatte Apple mit dem Macintosh in der Zwischenzeit längst gezeigt, wie man einfach zu bedienende Computersysteme bauen kann.

Zwölf Jahre später nach etlichen mehr oder weniger erfolgreichen Zwischenversionen von Windows war es bei Microsoft dann auch so weit: Begleitet von einem bis heute unerreichten Marketing-Tamtam präsentierte Bill Gates am 24. August 1995 das System, mit dem Microsoft in den kommenden Jahren seine führende Position in der PC-Industrie uneinholbar ausbauen würde.

"Die halbe Welt steht kopf", wunderte sich damals das Computer-Fachblatt "c't". "Ob im Funk, Fernsehen oder in der Zeitung, niemand kann den angeblichen Vorzügen von Windows 95 entgehen." Zwölf Millionen US-Dollar soll Microsoft allein für die Nutzung des Songs "Start Me Up" von den Rolling Stones ausgegeben haben. Zur Präsentation der Software vor 2500 Gästen wurde TV-Star Jay Leno auf den Microsoft-Campus in Redmond eingeflogen. In Großbritannien kaufte Microsoft zum Launch von Windows 95 die komplette Ausgabe der ehrwürdigen Londoner "Times".

Am 24. August 1995 um 00.00 Uhr öffneten in den USA viele Computerläden ihre Türen, um in "Midnight-Madness"-Events die ersten Packungen mit den Windows-95-Disketten und CDs zu verkaufen. Das Lokal-TV in Seattle zeigte einen jungen Mann, der in einem CompUSA-Store die neue System-Software erstanden hatte, obwohl er gar keinen PC besaß. "Ich musste das einfach kaufen. Es ist so hip", sagte er dem verdutzen Live-Reporter ins Mikrofon. Das Windows-95-Fieber war ansteckend: Allein in den ersten sieben Wochen verkaufte Microsoft sieben Millionen Exemplare. Heute laufen rund 95 Prozent aller Personal Computer unter Windows.

Steve Ballmer, der seit Januar 2000 den Microsoft-Konzern als CEO führt, erinnert sich an die Stimmung vor zehn Jahren: "Alle waren vollauf und restlos begeistert. Vom Internet war noch keine Rede. Alles drehte sich um die Client-Seite", sagte Ballmer in einem aktuellen Interview dem US-Fachdienst "Cnet". "Dieses Betriebssystem hatte für Hardware- und Softwareentwickler gleichermaßen etwas zu bieten. Es kamen mehrere Ereignisse zusammen und machten die Produkteinführung viel spektakulärer als das Produkt selbst."

Mit Windows 95 gab Microsoft zum einen der Hardware-Industrie wichtige Impulse, denn die gestiegen Anforderungen der Systemsoftware an die Personal Computer kurbelten den Absatz der Chip- und PC- Hersteller an. Gleichzeitig ermunterte Microsoft die Entwickler in der Software-Industrie, 32-Bit-Programme für Windows zu entwickeln. Das Microsoft-System brachte nämlich nicht nur eine neue dokumentenorientierte grafische Oberfläche mit, sondern bot auch erstmals Spiele- und Multimediaschnittstellen. Damit konnte der PC nicht nur als Büromaschine, sondern auch zum Spielen genutzt werden.

Ein wichtigen Trend verpassten Bill Gates und seine Mannschaft 1995 aber völlig: Windows 95 wurde noch ohne jede Internet-Funktion ausgeliefert. Der Microsoft-Mitbegründer glaubte damals noch, mit dem proprietären Online-Dienst MSN dem Web Paroli bieten zu können. Erst als Netscape mit seinem Browser den Markt überrannte, wachte Gates auf und rang in einem schmutzigen Kampf den neuen Konkurrenten nieder. Als zweites großes Manko von Windows 95 erwies sich das löchrige Sicherheitskonzept, das Microsoft auch in den späteren Windows-Versionen nicht entscheidend in den Griff bekam. (dpa/tc)