Machine Learning, Augmented Reality & Blockchain

Sechs aktuelle SAP-Trends

Gregor Stöckler ist geschäftsführender Gesellschafter von DataVard. Davor war er 15 Jahre lang in Führungs- und Linienfunktionen bei der SAP beschäftigt. Er ist Mitglied der Schmalenbachgesellschaft und Referent auf Fach- und Führungstagungen zu Business Intelligence und Datenmanagement.
Digitalisierung, HANA, Künstliche Intelligenz, Blockchain - viele Zukunfttrends wirken sich massiv auch auf die SAP-Welt aus. Lesen Sie, welche Themen bei SAP-Verantwortlichen aktuell ganz oben stehen.

Big Data und Digitalisierung sind längst keine Hype-Schlagworte mehr, sie sind in der Unternehmensrealität angekommen. Während einige Unternehmen sich bereits in der Umsetzungsphase befinden und neue digitale Geschäftsprozesse eingeführt haben, stehen manch andere noch am Anfang und loten derzeit ihre Möglichkeiten in verschiedenen Bereichen aus. Im SAP-Umfeld lässt sich viel Bewegung bei den Themen SAP HANA, Hadoop, User Experience, Co-Innovation, Machine Learning und Blockchain beobachten. Die folgenden sechs Trends werden in diesem Jahr eine große Rolle im gesamten SAP-Ökosystem spielen.

Verschiedene Trends halten das SAP-Ökosystem in Bewegung.
Verschiedene Trends halten das SAP-Ökosystem in Bewegung.
Foto: SAP

1. SAP HANA Adaption, Neuimplementierung statt Migration

Digitale Geschäftsmodelle erfordern ein agiles und flexibles System, das große Datenmengen in Hochgeschwindigkeit verarbeiten kann. Sehr viele Unternehmen beschäftigen sich daher sehr konkret mit der Migration auf SAP HANA. Die anfängliche Skepsis ist mittlerweile einem breiten Interesse gewichen, das Thema ist in der Realität angekommen. SAP-Anwenderunternehmen sind gut informiert und erkennen den betriebswirtschaftlichen Mehrwert, der sich aus einer Umstellung auf HANA ergibt, sei es nun S/4 HANA, B/4 HANA oder HANA als Datenbank.

Durch die extrem hohe Marktabdeckung von SAP nutzen Unternehmen ihre ERP-Systeme seit 20 Jahren und mehr. Dabei sind häufig heterogene und komplexe Systemlandschaften gewachsen, die erhebliche Altlasten mit sich bringen. Rund zwei Drittel der Unternehmen entschließen sich daher für eine Neuimplementierung von S/4 HANA. In diesem Zusammenhang gewinnt das Thema rechtssichere Anwendungsstilllegung an Bedeutung, denn es muss sichergestellt werden, dass der Zugriff auf das Alt-System weiterhin möglich ist.

2. SAP HANA und Hadoop

Unternehmen, die SAP HANA bereits einsetzen, beschäftigen sich vor allem mit den Themen Betriebsoptimierung und Datenmanagement. Technologisch vielversprechend ist eine Kombination von SAP HANA mit Apache Hadoop, denn sie vereint die Vorteile der "Enterprise-Ready" Hochgeschwindigkeits-Verarbeitung mit einer skalierbaren und vielseitig einsetzbaren Data-Discovery- und Speicherlösung, die vor allem durch ein sehr attraktives Kosten/Nutzen-Verhältnis glänzt.

Die Einsatzfelder von Hadoop gehen jedoch weit über die Nutzung als Datenablage für SAP HANA hinaus. Durch die gezielte Weiterentwicklung der Sicherheits- und Betriebsfunktionen wurden wichtige Lücken geschlossen um Hadoop Enterpise-ready zu machen. Viele Unternehmen haben daher ihre berechtigte Skepsis beiseitegelegt und sind in ersten Pilotprojekten auf Tuchfühlung mit der Open Source Technologie gegangen.

So mausert sich Hadoop zum Enterprise Data Hub, der bestehende Speicherlösungen und Datenbanken ablöst und als großer Data Lake eine zentrale Ablage sowohl strukturierter als auch unstrukturierter Unternehmensdaten bietet. Das reicht von der Ablösung bestehender Dokumenten-Management-Lösungen bis zu innovativen Anwendungsfällen, die Sensordaten im Rahmen von Industrie-4.0-Projekten speichern.

3. User Experience: Den Endanwender im Fokus

Spannende Innovationen, die sich direkt auf den Arbeitsalltag der Mitarbeiter auswirken, gibt es im Bereich User Experience. SAP hat vor allem mit Screen Personas, Lumira und Fiori einen großen Schritt in Richtung User Experience getan. In diesem Themenfeld wird sich auch künftig viel bewegen, es birgt ein riesiges innovatives Potenzial für Endanwender.

Viele Unternehmen wollen beispielsweise die Auftragserfassung oder Servicemeldungen über mobile Endgeräte anbieten. Servicetechniker und Außendienstmitarbeiter haben so die Möglichkeit, Daten ohne großen Eingabeaufwand direkt vor Ort und in Echtzeit zu erfassen. Mittels der HANA Cloud Plattform lassen sich zudem digitale persönliche Assistenten wie Apple Siri, Google Now, Microsoft Cortana oder Amazon Alexa mit dem SAP Backend verbinden und eröffnen so völlig neue Möglichkeiten, mit dem System zu interagieren.

Dabei muss nicht die gesamte Auftragserfassung neu aufgesetzt werden, sondern lediglich die Art, wie der Nutzer damit interagiert. Der Effekt ist groß und steht einem verhältnismäßig geringen Aufwand gegenüber. Ein Beispiel: Digitale Assistenten können bei der Leaderfassung auf Messen unterstützen. Aussteller erhalten so wesentlich mehr Informationen im Freitext zu jedem Gespräch, die dabei helfen, Interessenten schneller und mit hoher Qualität zu kontaktieren.

Die Interaktion mit dem System verändert sich auch im Hinblick auf Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR). Informationen aus dem System können über eine transparente AR-Brille in das Sichtfeld eingeblendet werden, der Mitarbeiter hat dabei die Hände frei und kann effizienter arbeiten. Anwendungsfälle gibt es beispielsweise in Logistik, Lagerwesen oder Wartung, wo bereits Effizienzsteigerungen von bis zu 30 Prozent erreicht wurden.

Vielversprechend ist auch der Bereich Echtzeitrouting, wie ein Pilotprojekt mit dem Online-Kartendienst HERE zeigt. Servicetechniker erhalten auf Basis von Echtzeit-Verkehrsdaten, Fahrzeuginformationen sowie der Priorität von Kundenmeldungen die optimale Route. Zusätzlich werden konfigurierbare Parameter wie kürzester Weg, Wichtigkeit der Kundenmeldungen, Priorität der Kunden abgeglichen und fortlaufend aktualisiert.

4. Know-how-Transfer durch Co-Innovationen

Ein weiterer Trend lässt sich im Bereich Innovation beobachten. Immer mehr Unternehmen gehen Innovation ganzheitlich an und gründen interne Innovationsteams, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dabei nutzen sie verstärkt Co-Innovationen mit dem Ziel, ihr Know-how in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Partnern und Forschungseinrichtungen zu erweitern.

Co-Innovation Labs bieten die Möglichkeit, in gemischten Teams aus Experten verschiedener Unternehmensbereiche, Mitarbeitern und Studenten ausgewählter Forschungseinrichtungen zusammenzuarbeiten. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten widmen sich die Teilnehmer einem festgesetzten Problem und profitieren dabei gegenseitig von fachbereichs- und organisationsübergreifenden Synergieeffekten und können schnell und pragmatisch Know-how aufbauen.

5. Machine Learning: Künstliche Intelligenz für Vorhersagen nutzen

Die Flut an Daten schwillt weiter an. Daten sind das Öl unseres Zeitalters, wenn wir sie richtig priorisieren, kombinieren und nutzenorientiert analysieren. Ohne maschinelle Hilfe ist das unmöglich geworden. Mithilfe selbstlernender Algorithmen können enorme Datenmengen nach Mustern, Korrelationen und Auffälligkeiten durchsucht werden. Kombiniert mit dem Wissen von Experten und der Reaktion von Benutzern entsteht so ein sich-selbst-optimierendes System zur Datenanalyse.

Einige Unternehmen nutzen diese Intelligenz bereits heute. Beispielsweise lässt sich Machine Learning zur Optimierung des IT-Betriebs einsetzen. Dafür werden Systemslogs aus SAP Systemen, der Datenbank, Netzwerkkomponenten und dem Hadoop Cluster genutzt. Mehrere intelligente Agenten ermitteln Zusammenhänge und Einflüsse von Nutzerverhalten auf die Performance. Machine Learning hält aber auch bereits Einzug im Onlinehandel, um beispielsweise zu ermitteln, warum ein Kunde das Angebot der Konkurrenz vorgezogen hat oder welche Produkte in Echtzeit noch angeboten werden (next best offer).

6. Blockchain im SAP-Kontext

Die Blockchainist derzeit nicht nur in der Finanzwelt ein Hype-Thema und entwickelt sich mehr und mehr zu einem wichtigen Trend, obwohl im Vergleich zu den anderen fünf Themen eine breite Adaption noch drei bis fünf Jahre in der Zukunft liegt. Viele IT-Unternehmen entwickeln aktuell Software-und Service-Angebote auf Basis dieser Technologie.

Eine Blockchain bezeichnet eine erweiterbare Liste von Datensätzen, deren Integrität dadurch gesichert ist, dass die verschlüsselte Prüfsumme (Hash) eines Datensatzes im nachfolgenden gespeichert wird. Entwickelt wurde das Modell im Rahmen der Kryptowährung Bitcoin, als dezentralisiertes und webbasiertes Buchhaltungssystem aller Transaktionen. Da die gesamte Liste der Transaktionen auf mehreren hundert Rechnern als Kopie verteilt ist und eine Verifikation über alle Kopien hinweg einen Konsensus ermittelt, ist das System faktisch nicht manipulierbar.

Diese Eigenschaften machen die Blockchain auch im SAP-Kontext für viele Anwendungsfälle interessant: Smart Contracts, die Verwaltung digitaler Rechte, Patente, Marken. Ein Pilotprojekt befasst sich beispielsweise damit, die Unveränderbarkeit und Vollständigkeit von SAP-Archiven gemäß HGB, AO und GoBS per Blockchain zu dokumentieren. Die Blockchain eignet sich auch, um demokratisch validiertes Vertrauen aufzubauen, das ist besonders im internationalen Umfeld hilfreich (zum Beispiel Lieferungen, Zolldokumentation, Verträge). Ihre Einfachheit ist die Triebkraft dieser Innovation, so dass in diesem Umfeld noch viele spannende Anwendungsfälle zu erwarten sind.