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Rückblick: Das IT-Jahr 2000 (3)

29.12.2000
Zwischen den Jahren wirft Computerwoche online wie versprochen einen ausführlichen Rückblick auf das IT-Jahr 2000. Im heutigen dritten Teil: Juni, Juli und August.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Zwischen den Jahren wirft Computerwoche online wie versprochen einen ausführlichen Rückblick auf das IT-Jahr 2000. Im heutigen dritten Teil: Juni, Juli und August.

JUNI

Novells Gewinn bricht im zweiten Quartal um 20 Prozent gegenüber dem entsprechende Vorjahreszeitraum ein. Probleme bereiten die Konkurrenz durch Windows 2000 und Schwierigkeiten mit dem Fachhandel. Eine Umstrukturierung soll für Abhilfe sorgen.

Baan findet einen Käufer. Die auf Fertigungstechnik spezialisierte Invensys Plc. kauft nach und nach alle verfügbaren Aktien des angeschlagenen ERP-Anbieters zum Preis von 2,85 Euro auf. Der britische Konzern passt gut zu Baan, erwirtschaftet er doch den Löwenanteil seiner Umsätze mit Prozessautomatisierung. Schon zuvor hatte das Unternehmen Marcam, einen ERP-Spezialisten für die Prozessindustrie gekauften. Nun soll Baan die Briten mit Know-how für Enterprise Resource Planning und Customer Relationship Management versorgen.

Content-Management kristallisiert sich auf der Fachmesse Internet World in Berlin als ein wesentlicher Trend des Jahres heraus. Wenn Anwenderunternehmen sich mit Hilfe dieser Tools bemühen, ihre Web-Seiten stetig aktuell zu halten, ist das ein Zeichen dafür, wie ernst sie E-Business nehmen. Bislang waren insbesondere mittelständische Firmen immer dem Verdacht ausgesetzt, sie würden den Internet-Trend verschlafen.

Analog zu den Application Service Providern (ASPs) bildet sich jetzt ein Markt für Storage Service Provider (SSPs), die den Kunden Speicherplatz online anbieten oder ihnen die Systeme ins Haus stellen. Das Interesse ist da, denn umfangreiche und multimedial bestücke Webseiten, die zudem ständig aktualisiert werden müssen, machen das Speichern von Daten zu einer aufwändigen Aufgabe.

Die Green Card findet Anklang. Nach anfänglicher Zurückhaltung sind inzwischen 7000 Anfragen und Bewerbungen bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung eingegangen. Mittelständische Unternehmen befürchten, jedoch, dass die Regelung vor allem Großunternehmen nutzt, die mehr Erfahrungen mit fremdländischen Mitarbeitern haben.

Der Ausstieg aus Pay-TV und AOL zwingt Bertelsmann zu einer Kurskorrektur. Die neu gegründete Bertelsmann E-Commerce Group (BeCG) bündelt die fünf Tätigkeitsbereiche E-Commerce, M-Commerce, B-Commerce (Breitbandgschäft), Risikofonds und Lenkung von Partnerschaften. Dabei stehen nach der Trennung von AOL nicht mehr der Online-Zugang, sondern die Inhalte im Vordergrund des Medienkonzerns.

Die Mannesmann AG hält die letzte Hauptversammlung ihrer 110-jährigen Firmengeschichte ab. Die Kleinaktionäre nutzen diese Gelegenheit um sowohl den Vodafone-Chef Chris Gent als auch den scheidenden Mannesmann-Vorstandsvorsitzenden Klaus Esser heftig zu kritisieren.

Zwischen Windows 2000 und Linux: Santa Cruz Operation (SCO), seit über einem Jahrzehnt Marktführer für Unix auf PC-Plattformen, steckt in der Klemme. Der Betriebssystemabsatz lässt empfindlich nach. Unix-Begeisterte greifen oft lieber zum kostenlosen Linux, gleichzeitig wollen viele Unternehmen ihre Software für Client und Server aus Gründen der Einheitlichkeit lieber von einem Hersteller kaufen. Das ist in der Regel Microsoft. Nun beugt sich SCO dem Druck des Marktes und baut Open Source-Varianten seiner Unix-Betriebssysteme auf Linux-Basis.

Der globale Online-Handel soll besteuert werden. Eine entsprechende Richtlinie der EU löst vor allem in den USA einen Sturm der Entrüstung aus. Dort gilt ein Memorandum, das jede Besteuerung via Internet ausgelieferter Dienstleistungen und Waren (Musik, Software, Bilder etc.) von der Besteuerung befreit. Dieser Mangel an Regelung wird von den Europäern als ungerechter Exportvorteil kritisiert und auch von US-Händlern, die ihre Güte nicht via Netz ausliefern können, für ungerecht gehalten. Für besonders viel Ärger sorgt die Vorschrift, wonach sich Nicht-EU-Firmen, die an Privatkunden verkaufen, einen Steuersitz in Europa suchen sollen. Die Regierungen diesseits des großen Teiches befürchten, dass sich dann alle ausländischen Firmen wegen der niedrigen Steuersätze in Luxemburg niederlassen, während sich die Amerikaner generell gegen die Besteuerung durch fremde Regierungen wehren. Angesichts dieses Konfliktpotentials gilt eine Ratifizierung der Richtlinien durch die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten in der jetzigen Form als unwahrscheinlich.

KOMMENTAR: UNVERDIENTES GLÜCK FÜR MICROSOFT

Es hätte das Jahr werden können, in dem der größte Softwarekonzern der Welt lernt, dass auch für ihn die Gesetze gelten. Seit mehr als fünf Jahren wird immer wieder gegen Microsoft ermittelt. Mehrfach hat sich die US-Kartellbehörde auf Kompromisse eingelassen und den Versprechen geglaubt das Unternehmen werde sich bessern. Um so zynischer klingt es, wenn jetzt die Hausjuristen ihre Berufung gegen das Zerschlagungsurteil damit begründen, der Richter habe unzulässigerweise einen Zusammenhang zwischen den Geschäftspraktiken des Unternehmen und den Regeln gegen den Missbrauch von Monopolen hergestellt. Anfang der neunziger Jahre, als die USA sich aus der Rezession zu befreien begannen, wurden die rauen Methoden Microsofts in Wirtschaftskreisen noch wegen ihres Erfolgs bejubelt. Doch schon bald stöhnten immer mehr Geschäftspartner und Konkurrenten unter der Dominanz aus Redmond. Ganze Softwareverbände belieferten die Gerichte mit Belastungsmaterial. Viele Verbraucher und Unternehmer hofften, dass die Verurteilung ein Fanal gegen die von Microsoft hoffähig gemachten rüden Methoden setzen würde, die immer nur den Marktführern nutzen. Doch mit der Wahl von George Bush zum US-Präsidenten ist diese Hoffnung zerstoben. Das standhaft gegen Microsoft klagende Justizministerium wird von einem Mann neu besetzt, der sich immer dagegen gewandt hat, Unternehmen juristisch zu "gängeln". Die Chancen im Berufungsverfahren stehen gut - für Microsoft. (Hermann Gfaller)

JULI

Man hat sich in unserer Branche ja schon dran gewöhnt, dass so manche groß angekündigte Revolution zum Rauschen in der Zimmerpalme verkommt: Auch beim Thema Wireless Application Protocol (WAP) schien keine Utopie gewagt genug, um die Dimension dieser zukunftsorientierten Technologie ermessen zu können. Irgendwie aber wollten Handy-Nutzer zwischen Zugspitze und Waterkant dann doch nicht so recht erkennen, welchen Technologieblitz sie da in ihren Hosentaschen spazieren führen würden, kauften sie ihn denn.

Auf der GSM-World in Cannes Anfang Juli jedenfalls nichts als lange Gesichter: Insbesondere Netzbetreiber haben gehofft, sinkende Gesprächsgebühren wieder mit Internet-Junkies wett zu machen, die auf dem Handy im WWW surfen würden. Doch die umworbene Klientel hat schnell gemerkt, dass es noch keine sinnvollen Anwendungen für die Mobiltelefone gibt, und zeigen der neuen Technologie erst mal die kalte Schulter. Man darf gespannt sein, wie es der ersten Generation von UMTS-Geräten gehen wird.

Ein Showmaster weniger findet sich in Oracles Reihen Anfang Juli mit dem Abgang von Ray Lane. Der bei der Konkurrenz gefragte Manager bekleidet als zweiter Mann hinter Larry Ellison den Posten des President und Chief Operating Officer (COO). Lane habe "immer seine eigene Show haben wollen", mäkelt Ellison. Und bei Oracle gibt es bekanntlich nur einen Entertainer - Larry himself.

Keine besonders hellseherischen Fähigkeiten brauchen die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse-Coopers, um im Juli zu prophezeien, dass mehr als ein Drittel der börsennotierten Internet-Unternehmen hierzulande die kommenden drei Jahre nicht überleben würden. Insbesondere den Softwareanbietern unter den am Nemax notierten Firmen sagen die Experten eine schwere Zukunft voraus: Nationale und internationale Konkurrenz erschwere den Vertriebsaufbau und die Erschließung neuer Märkte. Ähnliche Töne aus den USA: Laut der US-Investment-Bank Morgan Stanley werden die durchschnittlichen Bewertungen von an der Technologiebörse Nasdaq gelisteten Internet-Firmen innerhalb eines Jahres um 80 Prozent zurückgenommen.

In der US-Energiebehörde Livermore National Laboratory nimmt derweil der IBM-Multiprozessor-Supercomputer "RS/6000-SP" seine Arbeit auf, und das so schnell wie nie - 1000-mal schneller als der legendär gewordene "Deep-Blue"-Rechenknecht, der den seinerzeitigen Schachweltmeister Garri Kasparow 1997 bereits in der zweiten Partie das Fürchten lehrte: der trostlose Kniefall des Menschen vor der Maschine war dann nur noch eine Frage der Zeit. Mittlerweile geht der begnadete Figurenschieber auch gegen Menschen baden, wie sein verlorener Titelkampf gegen Vladimir Kramnik im November 2000 zeigte. Gegen den konnte er im Braingames-Finale kein einziges Spiel gewinnen.

Auf der Computer-Messe PC Expo in New York setzt sich untersessen ein Siegeszug fort, den auch diese Zeitung schon ein Jahr zuvor prognostiziert hat: Bonsai-Rechner sind ganz groß im kommen. Handhelds, Personal Digital Assistants, Smartphones und andere Mini-Rechenrastellis sollen die große Welt der Unternehmens-Daten auf Westentaschenformat zwingen nach dem Motto: von der Hosentasche in die SAP-Anwendung. Und wieder einmal scheint der Tod des PCs kurz bevor zu stehen.

Ebenfalls wenig mit Hellseherei, sondern mehr mit kühler Berechnung hatte ein Artikel in der COMPUTERWOCHE bereits Mitte Juli zu tun: Darin wird jenen Unternehmen eine weniger rosige Zukunft prognostiziert, die im August wie nicht mehr von dieser Welt um UMTS-Lizenzen bieten - und die abgesehen von den Lizenzrechten noch einmal 50 Milliarden Mark in den Ausbau für UMTS-Netze werden investieren müssen.

Eine löbliche Aktion des Automobilbauers Ford, der seinen 350.000 Mitarbeitern überall auf der Welt einen PC zur privaten Nutzung übereignen will, kontert der oberste bundesrepublikanische Kassenwart Hans Eichel mit steuerlichen Begehrlichkeiten seines Finanzministeriums. So lachten weltweit Mitarbeiter des Automobilimperiums über ihre deutschen Kollegen, die in die Röhre schauen müssen und hierzulande beginnt eine veritable Diskussion über finanzspezifische Spitzfindigkeiten wie "Nutzungsüberlassung" und "Eigentumsübertragung" an.

Unser aller Bundeskanzler Gerhard Schröder soll zu einem ähnlichen Thema, der Besteuerung von Internet-Zugängen in Firmen, im September ein Machtwort sprechen, nachdem sich Deutschland vor der Weltöffentlichkeit schon seit Juli diesen Jahres mal wieder ausgiebig als glänzend funktionierende rückwärtsgewandte Bürokratie geoutet hatte.

Gar nicht von gestern geriert sich bekanntlich das deutsche Kommunikationsgenie Telekom - zumindest PR-technisch. Allerdings gebricht es bislang an einer gewissen Weltläufigkeit. Also versucht sich Oberhaupt Ron Sommer nun schon seit Jahren im mehr oder weniger geübten Wurf über die Grenzen Deutschlands hinaus. Cable & Wireless, Global Crossing, Sprint, Worldcom, Qwest sowie SBC Communications geraten dabei ins Fadenkreuz des deutschen Carriers. Im Juli ist der US-Mobilfunkanbieter Voicestream Gegenstand Bonner Liebesbezeugungen. Allerdings stört sich der demokratische US-Senator Ernest Hollings an dem 58-prozentigen Anteil des Bundes an der Telekom. Erst nach monatelangem Antichambrieren bei US-Behörden und Bedenkenträgern aus dem Senat weicht die nordamerikanische Front gegen den deutschen Usurpator auf - dem es dann auch noch gleich gelüstet, den Mobilfunkbetreiber Powertel zu schlucken.

Das deutsche IT-Vorzeigeunternehmen Ixos AG sieht sich im Juli derweil weiter im Tal der Tränen. Bereits früher sind den beiden Firmengründern Eberhard Färber und Hans Strack-Zimmermann wegen etwas undurchsichtiger Aktientransaktionen im Vorfeld von Gewinnwarnungen die Vorteile einer halbwegs geräuschlosen Demission beigebracht worden. Beide zeigten sich lernfähig. Im Juli nun müssen der für den weltweiten Vertrieb verantwortliche Willy Söhngen (Branchen-Speak: "Der schöne Willy") und Finanzvorstand Vijay Sondhi wegen eines wieder katastrophalen Geschäftsquartals die Segel streichen. Der Fall Ixos zeigt übrigens, dass eine zu deutliche Anlehnung an das deutsche Softwareschwergewicht SAP durchaus

ungemütlich enden kann.

Nicht allzu tragisch nimmt es Microsoft, dass das US-amerikanische Transaction Processing Council (TPC) im Juli feststellt, von der Gates-Company für sein Datenbanksystem "SQL Server 2000" vorgelegte TPC-Benchmarks seien null und nichtig. Grund: Die Resultate seien "inkompatibel" zu den hauseigenen TPC-Benchmark-Regeln. Die Umstände des Rückziehers haben in der Branche allerdings einen gewissen Hautgout, weil man Intimfeind Ellison von Oracle unterstellt, eine entsprechende Beschwerde beim TPC betrieben zu haben. Im Winter wird sich Microsoft einen Spaß daraus machen, dem "Super Larry!" in großformatigen Anzeigen die wiederum spitzenmäßige TPC-Platzierung der Microsoft-Datenbank unter die Nase zu reiben.

Vorhang zu und alle Fragen offen heißt es, als Microsoft im Sommer sein Mietmodell für die Softwarepakete Office, Windows 2000, SQL Server 2000 sowie Exchange Server präsentiert. Wie aber der Verteilmodus gestaltet werden soll (etwa rein Server-basierend), welche Lizenzmodelle das Unternehmen Application Service Providern (ASPs) anbieten wird - mit solchen Details hält sich Microsoft nicht auf.

Nach Ixos gerät die Brain International AG unrühmlich in die Schlagzeilen: Die zwei Jahre zuvor beschlossene Fusion von Rembold + Holzer mit der BIW AG aus Weinstatt kommt nicht, wie es so schön heißt, zum Fliegen. Erhoffte Synergien haben sich nicht eingestellt. Die Firmenverantwortlichen entflechten das Unternehmen wieder in die Brain Automotive Solutions GmbH und die Brain Industries Solutions GmbH. Im Prinzip identische Produktausrichtungen wie bei den zwei früheren Unternehmen sind durchaus kein Zufall - und etliche Brancheninsider interpretieren das Hin und Her als plan- und ideenloses Krisen-Management.

Sagten wir schon, dass Intels Vorhersagen bezüglich der Markteinführung neuer Prozessorgenerationen keinesfalls zuverlässiger sind als Kachelmanns Wetterprognosen? Immerhin kann man sich aber darauf verlassen, dass Ankündigungen zu Produktverschiebungen zuverlässig kommen werden.

Dass SAP in New York ein eher unbefriedigendes Halbjahresergebnis offenbart, liegt wirklich nicht an den schlechten Verkäufen der Walldorfer, sondern an dem Mitarbeiterbeteiligungsmodell "Star", welches das Unternehmen auszuzehren beginnt. SAPs Internet-Befähigungsnachweis mySAP.com jedenfalls zeichne, lässt Vorstandssprecher Hasso Plattner verkünden, schon für 47 Prozent der gesamten Software-Lizenzen verantwortlich. Wie sich die mySAP-Einkünfte aber berechnen, will SAP nach wie vor nicht so exakt dartun.

In Mainhattan passiert, was nicht passieren darf: Ein Softwarefehler legt den gesamten Xetra-Handel der Deutschen Börse in Frankfurt/Main für drei Stunden lahm - genau zwei Stunden, 59 Minuten und 59 Sekunden zu lang.

Apple stellt auf der Macworld Expo in New York neue Rechner vor - vor allem den "Cube G4". Dieses Gerät als schlichten PC zu bezeichnen, würde jeden Designer beleidigen. Wie alles wirklich Edle offenbart aber auch diese digitale Schönheit Schwächen. Abgesehen von dem knieerweichend hohen Preis stellt sich der Beau als Schönling mit Kratzern heraus. Die nämlich ziehen sich immer wieder über den geleckten Acrylglaskubus. Echte Snobs, die den Cube ohnehin nie zu so etwas Degoutantem wie echter Arbeit zweckentfremden würden, sind entsetzt. Rettende Hilfe kommt von findigen deutschen Technikern: Abschmirgeln mit feinem Sandpapier und den Acrylglaswürfel dann (natürlich ohne den Rechner) bei 60 Grad in der Backröhre zwölf Stunden lang erhitzen.

IBMs Top-Mann Louis Gerstner denkt derweil laut über ein Sakrileg nach, nämlich Big Blues PC-Geschäft abzuschaffen. Anhaltende Verluste und neuerdings auch Lieferschwierigkeiten könnten ihn geneigt sein lassen, zumindest die Fertigung komplett an Drittunternehmen abzustoßen. Ein Ausstieg von IBM aus dem PC-Verkauf scheint nicht mehr unmöglich. Ausgerechnet das Unternehmen, das den PC 1984 hoffähig gemacht hatte, würde diesem den Rücken kehren. Aber es wird dann bis auf Weiteres doch nicht so heiß gegessen, wie das Gerücht gekocht wurde.

AUGUST

So langsam weicht der Hype um die grenzenlosen E-Business-Potenziale einer nüchternen Betrachtung. Das Berliner Marktforschungsunternehmen Berlecon Research analysiert 140 deutsche Online-Marktplätze. Erkenntnis: Drei von vier Online-Akteuren haben nicht das Zeug zum Überleben. 30 Millionen Mark Transaktionsvolumen pro Monat müsse ein Marktplatz mindestens umlegen, um nicht klinisch tot zu sein. 75 Prozent aller deutschen Online-Handelsplätze würden diese Latte nicht überspringen.

Nortel Networks mausert sich in diesem Jahr zum Billy the Kid der Branche. Kein Monat, in dem die Kanadier sich nicht mindestens ein anderes Unternehmen schnappen: Promatory Communications, Dimension Enterprises Inc., Xros Inc., Coretek Inc., Architel Systems Corp., Photonic Technologies und Epicon Inc. Im August schluckt Nortel mit Alteon Websystems Inc. den größten Happen. Aktien im Wert von 7,8 Milliarden Dollar wechseln den Besitzer. Summa summarum lässt sich Nortel seine Einverleibungen allein dieses Jahr rund 14 Milliarden Dollar kosten. Allerdings finanziert das Unternehmen diese Käufe fast immer via Aktientausch.

Nicht ganz nach Plan verläuft für Invensys die Übernahme von Baan. 95 Prozent aller Baan-Aktien sollten ursprünglich in den Besitz der Briten übergehen, sonst würde es nichts mit dem Geschäft. Als Invensys nach einigem Hickhack mit der Baan-Klientel nur 75 Prozent aller Aktien einsammeln kann, ist es der Technologiekonzern auch zufrieden. Allerdings muss erst noch eine Hauptversammlung der Baan-Aktionäre grünes Licht geben.

Eine ganz neue Bedeutung im Licht aktueller Ereignisse muss man einem Artikel in dieser Zeitung vom August geben: Die CW veröffentlicht, dass "HI-Tier", die zentrale Rinderdatenbank der Bundesrepublik, sich vor allem durch ihre Lücken und ihre inkonsistente Datenhaltung auszeichnet. Seit dem 26. September 1999 muss hierzulande jede Geburt und jeder Zu- und Abgang eines Rindviechs in einer Datenbank dokumentiert und zentral registriert werden. Unter anderem die monströse Datenmenge, die von den Viehhändlern innerhalb kurzer Zeit an Landeskontrollstellen zu liefern sind, sorgen für tausendfach fehlerhafte Datensätze. Schöne Aussichten im BSE-Zeitalter.

Microsoft ist bekanntlich fast immer für eine Schlagzeile gut: Doch die Meldung im August, dass die Gates-Company für Softwarelizenzen mit einem juristischen Winkelzug gleich zweimal bei Anwendern abkassiere kommt nicht besonders gut an.

Nicht ohne Unterhaltungswert ist auch die Nachricht, das auf Spracherkennung spezialisierte belgische Unternehmen Lernout & Hauspie habe seine Bilanzen durch Luftbuchungen in Südkorea optisch verhübscht. Bis zum Ende des Jahres entwickeln Wirtschaftsprüfer ein immer stärkeres Interesse an den Belgiern. In der Folge treten die Firmengründer Jo Lernout und Pol Hauspie von ihren Ämtern als Co-Chairmen und Managing Directors zurück. Hauspie verabschiedet sich aus "gesundheitlichen Gründen" gar ganz aus der Chefetage.

Die mit grandioser Geste von Kanzler Schröder eingeleitete deutsche Variante einer Green Card - befristetes Bleiberecht für ausländische IT-Spezialisten - gerät zum kapitalen Flop. Schon nach wenigen Wochen und kaum überraschend zeichnet sich ab, dass es etwa die indische Computer-Elite nicht nötig hat, sich für fünf Jahre in Deutschland zu verdingen, bloß um dann wieder hinauskomplimentiert zu werden. Stil ist eben nicht immer Glückssache.

Keine Glücks-, sondern eher eine triste Sache ist die Beteuerung des FBI, die flächendeckend auf die Server von Internet-Providern aufgespielte Software "Carnivore" werde nur auf staatsanwaltschaftliche Anordnung hin eingesetzt und dann auch nur mit genau definierten Aufgaben. Das Werkzeug mit der charmanten deutschen Übersetzung "Fleischfresser" kann jeglichen E-Mail-Verkehr von Internet-Surfern überwachen. Der Abwiegelungsversuch der Bundeskriminalpolizei der USA erinnert dabei an eine Aussage des CIA aus den 70er-Jahren. Seinerzeit wurde offenbar, dass der Geheimdienst in den Fünfzigern an Häftlingen LSD-Versuche vorgenommen hatte, ohne die Delinquenten hierüber zu informieren. Nach Jahrzehnten des Leugnens gab der CIA diese Praxis schließlich zu, nicht ohne zu versichern, heute täte man so etwas natürlich nicht mehr.

Mitte August erwischt es ein weiteres Mitglied des Neuen Marktes. Die monatelange akribische Recherche eines COMPUTERWOCHE-Redakteurs offenbart die vor den Toren Augsburgs angesiedelte Infomatec Integrated Information Systems AG als ein Unternehmen, dessen börsenrelevante und nach strengen Regeln abzufassende Adhoc-Meldungen so wahrheitsträchtig sind wie Grimms Märchen. Kaum eine Unternehmensmeldung, die der kritischen Sichtung standhält. Analysten, die das Unternehmen der beiden Gründer und Vorstände Gerhard Harlos und Alexander Häfele auf einen Aktienkurs von bis zu 53 Euro hochgejubelt hatten, verstehen die Welt nicht mehr. Der Kurs des Infomatec-Wertpapiers zerbröselt bis Ende Juli auf rund drei Euro. Harlos und Häfele machen in den Folgewochen noch einige matte Versuche, das ramponierte Renommee des schwäbischen Unternehmens zu retten - mehr als einen dauerhaften Auftritt hinter schwedischen Gardinen im November bringt ihnen das nicht.

Dass sich der Neue Markt zunehmend zum Abenteuer-Parcours entwickelt, wird auch dem bulligen Mobilcom-Chef Gerhard Schmid zunehmend klarer. Mit seinem Unternehmen übrigens indirekt auch Leidtragender der Infomatec-Posse, stellt Schmid in Aussicht, sein Unternehmen werde sich möglicherweise vom Neuen Markt verabschieden. Mit Klitschen verglichen zu werden, die mal gerade 2,5 Millionen Mark Umsatz erwirtschaften, und indirekt mit deren zweifelhaftem Leumund behaftet zu sein, passt dem ehrgeizigen Büdelsdorfer Manager schon lange nicht mehr. Im Konzert mit den Großen der Industrie am geregelten Frankfurter Markt würde sich Schmid sehr viel wohler fühlen. Eine Entscheidung soll in den kommenden zwölf Monaten fallen - aber die kernigen Aussagen werden Schmid beim Blick auf den abstürzenden Kurswert seiner Aktie in den kommenden Monaten noch verfolgen.

Von wegen Sommerloch! Kaum hat die Nachricht von den Augsburger Wirklichkeitsfriseuren die Runde gemacht, warten die Berliner Sozialämter mit einer weiteren exquisiten Lachnummer auf: In der Bundeshauptstadt entwickelt Oracle in Kooperation mit der Berliner PSI AG eine Software für rund 2700 Berliner Sozialamtsmitarbeiter. Für 150 Millionen Mark - so das vom Berliner Senat in Auftrag gegebene Projektvolumen - erhält der Magistrat immerhin eine Lösung, die bereits in statu nascendi grunderneuerungsbedürftig ist. Designfehler und ein mehr als suboptimales Projekt-Management sollen schuld sein am Software-Torso.

Im August geht eine große Ära der IT-Geschichte zu Ende: Compaq gibt bekannt, dass nach fast 23 Jahren die legendäre "Vax"-Rechnerlinie nicht mehr gebaut wird. Einstmals der Dukatenesel für die Digital Equipment Corp. (DEC), die sich Compaq 1998 einverleibte, hat die Nachfrage nach dem Evergreen zuletzt stark nachgelassen. Dessen letzter Vertreter wird am 31. Dezember 2000 vom Band laufen.

Hans Eichel, Deutschlands Finanzminister mit korrektem Bügelfalten-Image, mutiert spätestens seit der UMTS-Versteigerung zum Darling und Erfolgsgaranten in Schröders Kabinett. 100 Milliarden Mark spielt die Auktion unter sechs Bietern ein. Die Euphorie über den Geldsegen ist genauso groß wie die Begehrlichkeiten, die prompt aus Parteien und Bundesländern laut werden. Ob sich das Geldpaket nicht später als böses Danaergeschenk für den Staat erweisen wird, weil die sechs erfolgreichen Ersteigerer ihre riesige Schuldenlast von rund 16,5 Milliarden Mark steuerlich absetzen können, darüber schweigt sich Strahlemann Eichel aus.