Reputationsminus

Kann man Google noch vertrauen?

Kommentar  25.01.2022
Von 
Mike schreibt als Kolumnist für unsere US-Schwesterpublikation Computerworld und weitere Tech-Portale.
Die überraschende Antwort auf diese Frage lautet Ja. Zumindest, solange sie kein Wettbewerber, Werbetreibender oder Verbraucher sind.
Die Reputation von Google leidet.
Die Reputation von Google leidet.
Foto: Octus Photography - shutterstock.com

Jahrelang schien Google seinem alten Motto "Don't be evil" treu zu bleiben. Auch in Bezug auf seine Produkte schien das Unternehmen lange alles richtig zu machen. So hat sich Google einen Ruf als ethisch ausgerichtetes Unternehmen erarbeitet, das seine Konkurrenten regelmäßig in Sachen Performance übertrumpft. Die Frage ist nur: Ist dieser Ruf noch gerechtfertigt?

Unlautere Geschäftspraktiken?

Eine Koalition aus mehreren US-Bundesstaaten hat bereits 2020 eine Antitrust-Klage gegen Google eingereicht, die inzwischen in ungekürzter Form veröffentlicht wurde. Diese wirft Google unter anderem vor, Wettbewerber durch die Manipulation von Werbeauktionen gezielt kleinzuhalten.

Google nutzte so genannte "Second-Price"-Auktionen, bei denen der Höchstbietende die Auktion gewinnt, dem Publisher aber einen Betrag in Höhe des zweithöchsten Gebots zahlt. Der Vorwurf: Google soll mit diesen Auktionen betrogen haben. Angeblich erhielten Publisher nur den Betrag des dritthöchsten Gebots, während Werbetreibenden das zweithöchste Gebot in Rechnung gestellt worden sein soll. Den Differenzbetrag habe Google dann dazu verwendet, die Gebote nach oben zu treiben. Seit 2019 setzt der Suchmaschinenriese offiziell auf ein "First-Price"-Modell. Die Anklageschrift besagt allerdings, dass der Konzern immer noch eine Version seines alten Systems weiterführt - unter dem internen Codenamen "Bulbasaur".

Verschwörung mit Apple und Facebook?

Ein anderer Vorwurf der Antitrust-Klage 17 verschiedener US-Bundesstaaten: Google habe sich mit Facebook verschworen, um den Online-Anzeigenmarkt untereinander aufzuteilen und Wettbewerber auszuschließen. Dieser angebliche Plan sah vor, dass Google dem Meta-Konzern Vorzugspreise und eine Vorzugsbehandlung gewährte, um den direkten Wettbewerb mit Facebook zu vermeiden.

Alphabet und Google-CEO Sundar Pichai soll laut Anklage die Bedingungen der Vereinbarung persönlich unterzeichnet haben - ebenso wie Meta-CEO Mark Zuckerberg. Die Vereinbarung wurde bei Google intern scheinbar unter dem Namen "Jedi Blue" behandelt, eine Anspielung auf die Farbe des Facebook-Logos. Sowohl Google als auch Meta behaupten, dass ihre Vereinbarung den Wettbewerb tatsächlich verbessert hat und nicht illegal war. Laut Google ist die Klage "unzutreffend und entbehrt jeglicher, rechtlicher Grundlage". Der Prozess wird frühestens 2023 stattfinden.

Doch das ist nur einer von vielen Kartellklagen, mit denen sich Google in den USA und weltweit konfrontiert sieht. In den meisten Fällen geht es um den Vorwurf, Google habe seine marktbeherrschende Stellung missbraucht, um das eigene Unternehmen zu begünstigen und Wettbewerber auszuschließen. In einer weiteren Sammelklage steht die Behauptung im Raum, Google zahle Apple unrechtmäßig einen Anteil seiner Gewinne aus dem Suchmaschinengeschäft, damit sich der iPhone-Konzern seinerseits aus diesem Business heraushalte und die Google-Suche bevorzuge.

Freude an der Produktqualität verloren?

Google hat auch sein Smartphone-Geschäft verschlimmbessert, von den HTC-, Nexus- und Moto-X-Produktlinien bis hin zur aktuellen Pixel-Familie. Die Pixel-Smartphones wurden 2016 auf den Markt gebracht - seit 2020 wird die Version 6 ausgeliefert. Google ist dabei einer von vielen Hersteller von Android-Smartphones, die sowohl auf dem Geschäfts- als auch auf dem Privatkundenmarkt mit Apple konkurrieren.

Dennoch kämpft der Suchmaschinenriese immer noch damit, ein fehlerfreies Produkt auf die Beine zu stellen: Das Pixel 6 wurde von ärgerlichen Problemen geplagt - etwa einem unzuverlässigen Fingerabdruckscanner, Android-Auto-Disconnects, unzuverlässigen WLAN-Verbindungen und schlechter Akkuleistung. Anschließend veröffentlichte Google auch noch ein Update, das zusätzliche Bugs einführte. Die Reaktion von Tech-Influencern ließ nicht lange auf sich warten:

Eine der größten Quellen für das Misstrauen gegenüber Google ist zudem die Angewohnheit des Unternehmens, neue Services großangelegt zu lancieren, seine Nutzer davon zu überzeugen, diese Plattformen anzunehmen - und sie dann wieder abzuschalten oder - wie im Fall von Google Photos - ab einer gewissen Datenmenge kostenpflichtig zu machen. Selbst wenn es im Einzelfall gute Gründe gab, einige dieser Produkte einzustellen oder Geld dafür zu verlangen - ein solches Gebahren lässt die Nutzer zögern, einem bestimmten Google-Produkt oder -Dienst zu vertrauen oder Zeit in ihn zu investieren.

Passen Trust und Google noch zusammen?

Werbekunden, Wettbewerber und Verbraucher sollten Bedenken haben. Für Unternehmen und große Organisationen gibt es hingegen keinen Grund, Google und seinen Produkten in diesem Bereich zu misstrauen. Man könnte sogar den Eindruck bekommen, dass sich das gesamte Unternehmen langsam vom Consumer auf Unternehmen umstellt. (fm)

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel unserer US-Schwesterpublikation Computerworld.