Fachkräftemangel

Jedes zweite Startup kann Stellen nicht besetzen

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Insgesamt 53 Prozent der deutschen Startups konnte wegen des Fachkräftemangels schon mindestens einmal einen Job nicht besetzen. Es fehlen vor allem Backend-Entwickler. Das berichtet der Bitkom.
  • Entwickler in den Bereichen Backend, Javascript und Mobile fehlen
  • Gründer Hermann Sauer: "Wir benötigen länger, um den passenden Menschen zu entdecken beziehungsweise auf uns aufmerksam zu machen, aber erhalten dann ein engagiertes passendes Teil des Ganzen."

"Wir sind die Gallier und nicht die Römer und können es hinsichtlich Gehalt nicht mit dem Big Player aufnehmen." Das sagt Hermann Sauer, Geschäftsführer von Comidio. 2014 hat er sein Startup in Eltville gegründet, Comidio versteht sich als Spezialist für Internet-Sicherheit in kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie Privathaushalten. Sauer bestätigt eine Umfrage des Bitkom: Auch Startups spüren den Fachkräftemangel.

Hermann Sauer hat 2014 sein Startup Comidio gegründet. Er sagt: "Auch wir spüren den leergefegten Fachkräftemarkt."
Hermann Sauer hat 2014 sein Startup Comidio gegründet. Er sagt: "Auch wir spüren den leergefegten Fachkräftemarkt."
Foto: Hermann Sauer/Comidio

Insgesamt 53 Prozent der deutschen Gründer konnten schon mindestens einmal eine Stelle nicht besetzen, berichtet der Branchenverband. Grundlage ist eine Umfrage unter mehr als 250 Startups.

Sie beklagen in erster Linie den Mangel an Backend-Entwicklern. Weitere dreizehn Prozent sprechen allgemein von einem Fehlen an Entwicklern und Programmierern. Acht Prozent finden keine Javascript-Entwickler, sieben Prozent keine Mobile-Entwickler. Auch seien Big Data- und Data-Science-Experten schwer zu bekommen.

Bitkom-Präsident Achim Berg kommentiert: "Gerade bei Startups, die sich noch relativ leicht für einen Standort im Ausland entscheiden können, kann der Fachkräftemangel zu einem gravierenden Nachteil für den Standort Deutschland werden."

So dramatisch sieht es Comidio-Gründer Sauer nicht. Er sagt aber: "Ja, auch wir spüren den leergefegten Fachkräftemarkt." Da er potenziellen Kandidaten nicht die Gehälter eines Konzerns bieten kann, will er mit Inhalt punkten. Sein junges Unternehmen entwickelt Lösungen, die nicht nur Unternehmen, sondern beispielsweise auch Ärzte und Anwälte vor Datendiebstahl schützen soll.

Ehtische Grundsätze und die Angst vor Reputationsverlust

Damit sei Comidio als Arbeitgeber "sehr attraktiv für Menschen mit ethischen Grundsätzen und bietet gleichzeitig die Chance der technologischen Identifikation." Immerhin stellt der Berater KPMG in seinem "CEO-Outlook 2017" fest, dass deutsche Unternehmen Reputationsrisiken mittlerweile zu den drei größten Risiken für ihr Unternehmen zählen - in der Vorjahresstudie tauchte diese Risikoart noch gar nicht in den Top Ten auf.

Sauer trommelt außerdem mit den klassischen Startup-Vorteilen für sich: Man sei "wendiger als ein träger Pott", man biete "weniger Bürokratie und stattdessen mehr individuelle Freiräume und Möglichkeiten des Mitgestaltens". Er will seine Firma nun beispielsweise über Fachvorträge und Beiträge in Fachmedien bekannt machen. Sein Fazit nach rund drei Jahren Geschäftstätigkeit: "Wir benötigen länger, um den passenden Menschen zu entdecken beziehungsweise auf uns aufmerksam zu machen, aber erhalten dann ein engagiertes passendes Teil des Ganzen."

Doch der Bitkom berichtet nicht nur von Fachkräftemangel bei IT-Stellen, sondern auch in Vertrieb, Marketing und Kommunikation. Dagegen sei es weniger schwer, Positionen in Geschäftsführung und Projekt-Management zu besetzen. Berg rät Gründern, "auch international nach Kandidaten zu suchen, um nicht in der Wachstumsphase durch Personalmangel ausgebremst zu werden."

 

Christiane Puetter

Liebe/r Nutzer/in Thor, ich schlage nicht vor,
Flüchtlinge als IT-Fachkräfte einzustellen. Ihnen dürfte nicht entgangen sein,
dass - vor allem zu Anfang der Flüchtlingswelle - teils große Erwartungen an
die Migranten bestanden. Das greift die Bildergalerie auf, die dem Artikel
beigestellt ist. VG Christiane Pütter

Thor

Die ewige Märe vom Fachkräftemangel...Gut wenn man von einem heutigen IT Fachmann erwartet, dass er mobile Apps in objective C, Webapplikationen in Java, JavaScript, HTML5 und Desktop Applikationen in C#, C++, zudem noch Datenbanken wie Oracle, SQL Server, DB2, PostGreSQL und Access beherrschen soll, reisebereit ist und verhandlungssicheres Englisch in Wort und Schrift beherrscht, und überdies nach agilen Methoden wie SCRUM oder Kanban bereit ist in globalen Teams "Stehaufmännchen" zu spielen... ja dann gibt es davon nur ein paar. Das Problem ist, dass von Softwarefirmen derart viel erwartet wird, dass das kein Mensch mehr können kann ohne dabei wahnsinnig zu werden. Mensch ihr "Human Resource" Verheitzer, wann begreift ihr das ? Meines Erachtens herrscht in der Human Resource Abteilung der allergrößte Fachkräftemangel..

Stefan Frank

Trotz des allseitig beschworenen Fachkräftemangels stagnieren die Gehälter für diese Fachkräfte nach wie vor: Wenn der Markt für IT-Fachkräfte ein Markt wie jeder andere wäre, dann müsste doch das behauptete Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu einem Steigen der Gehälter führen?! Was also stimmt hier nicht?

Wenn ein Startup die Gehälter für seine Fachkräfte nicht bezahlen kann, dann wirft das kein gutes Licht auf sein Geschäftsmodell: Entweder ein Produkt ist in der Lage, aus seiner Investition in IT eine Rendite zu erwirtschaften oder eben nicht. Die Größe eines Unternehmens spielt dabei keine Rolle, tatsächlich sind die Pro-Kopf-Rendite bei kleineren, erfolgreichen Unternehmen z.T. sogar deutlich höher als Großunternehmen, die auch einen deutlich größeren Verwaltungsapparat (und die dazugehörigen Management-Gehälter) bezahlen müssen. Hier dient die Startup-Karte und das Vertrösten von Entwicklern auf einen späteren "Payday" nur dazu, die Gehälter zu drücken.

Andere Branchen, andere Berufszweige haben auch deutlich andere Gehaltsgefüge: Finanziell kann es eine gute Berufsentscheidung sein, in die klassischen Ingenieurberufe zu gehen, und dann z.B. in der Automobilbranche rascher und stabilere Gehaltszuwächse und ein Gehaltsgefüge auf einem deutlich anderen Niveau zu erreichen.

Das Gerede über den Fachkräftemangel dient daher nur dazu, den Markt zu manipulieren: Entweder das Geschäftsmodell funktioniert und das Produkt ist in der Lage, seine Entwicklung zu finanzieren, oder eben nicht, dann muss es durch nicht markt-konforme Entwickler-Gehälter subventioniert werden.

Das Gejammer der Unternehmen über den Fachkräftemangel bei gleichzeitig stagnierenden Gehältern ist dabei nur noch schwer auszuhalten.

PS: Ein ganzes Heer von IT-Vermittlern kann von diesem Ungleichgewicht sehr gut leben, hier scheint auch niemand daran interessiert zu sein, an diesem Zustand etwas zu ändern...

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