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IT-Branche trägt Trauer - nur Rudi jubelt

30.12.2002
Wie üblich präsentieren wir Ihnen zwischen den Jahren den COMPUTERWOCHE-Rückblick auf das IT-Jahr 2002. Der heutige erste Teil behandelt die Monate Januar bis März.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - 2002 war nichts für Nervenschwache: Die Insolvenzen bewegen sich auf Rekordkurs. Was mancher Manager als Kostendämpfung ankündigt, kommt einem Kahlschlag gleich. Alles spart, alles wartet, alles hofft. Nirgends Aufbruchstimmung. Deutschland tut, was manche als seine liebste Beschäftigung ansehen - es klagt, lamentiert und stagniert. Ein Jahr geht zu Ende, das so niemand mehr erleben will.

JANUAR

Dabei ließ es sich gar nicht so schlecht an: Das Marktforschungsinstitut IDC prognostiziert noch Anfang 2002, bis Mitte des Jahres sei ein moderates Wachstum in der IT-Branche zu erwarten. Der Weg der Besserung sei beschritten, deklamieren die Szenekenner in ihren "Top 10 IT-Prognosen" für die gerade angelaufenen zwölf Monate. Die zu erwartende Entkrampfung des globalen Investitionsverhaltens werde die IT-Ausgaben in den USA um vier bis sechs, in Europa gar um sechs bis sieben Prozent ansteigen lassen. Welch Schalmeienklang zum Jahreswechsel 2001/02! Und was für ein Tal der Tränen, das auf diese Prognose folgt!

Wie unangenehm das neue Jahr wird, zeigt aber schon der Absturz von US Internetworking Inc. (USI). Das US-amerikanische Unternehmen agiert im mit hohen Erwartungen gestarteten Markt der Application-Service-Provider (ASP). USI ist nicht irgendwer, sondern der weltweit größte ASP. Anfang des Jahres muss das Unternehmen aus Annapolis, Maryland, Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-amerikanischen Konkursrechts beantragen.

Auch in Deutschland tönen zum Jahreswechsel 2001/02 erste Donnerschläge durch die IT-Welt: Das Systemhaus M+S Elektronik AG aus Niedernberg in Nordbayern, mit rund 1600 Mitarbeitern, 40 Niederlassungen und einem Jahresumsatz von mehr 500 Millionen Euro einer der großen IT-Dienstleister hierzulande, muss im Januar 2002 beim Amtsgericht Aschaffenburg Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens stellen.

Im Staat der Laptops und Lederhosen rumort es derweil auf einem Nebenkriegsschauplatz: Der Bayerische Oberste Rechnungshof (ORH) moniert die zu starke Abhängigkeit der Verwaltungs-IT im weißblauen Freistaat von den Softwareprodukten eines einzigen Herstellers. Dies komme den Steuerzahler teuer zu stehen. Bei Verwendung von Linux oder anderer Open-Source-Software wäre das nicht passiert, mäkeln die Behörden-Controller. Muss man noch erwähnen, gegen wen sich der Hieb auch richtet?

Jedenfalls hat die Diskussion um die Abkehr von Microsoft-Produkten im Januar auch die politischen Schaltzentralen in Berlin erreicht. In den Bundesverwaltungen soll nach einem Beschluss des Parlaments, der weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit getroffen wird, der Einsatz quelloffener Software gefördert werden. Was im Januar ein Streitthema ist, wird sich später zu einem regelrechten Grabenkrieg zwischen den Lagern der Microsoft-Adepten und den Vertretern der Open-Source-Bewegung auswachsen.

Da sieht eine von der COMPUTERWOCHE gemeinsam mit dem Hamburger Marktforschungsunternehmen EMC/Adecco herausgegebene Analyse zum Stellenmarkt in Deutschland viel schwärzer: Die Zahl der in 40 Tageszeitungen ausgeschriebenen IT-Jobs sinkt, so das Analyseergebnis Anfang 2002, um 37 Prozent. Leidtragende sind nicht nur die Arbeitsuchenden, sondern auch alle Zeitungen, die einen Teil ihrer Einnahmen aus Stellenan-zeigen beziehen.

Die Wellen schlagen hoch, als publik wird, dass i2 Technologies, Anbieter von Software für das Supply-Chain-Management (SCM), ein Projekt beim Großkunden Siemens in den Sand gesetzt hat. Nach fast einem Jahr Laufzeit stoppt der Konzernbereich Information and Communication Networks (ICN) ein Vorhaben für die Auftragsverfolgung mit der i2-Software "Global Logistics Monitor" (GLM).

In den USA tragen derweil seit September 2001 und verstärkt seit Anfang 2002 die Be-fürworter und Gegner der Fusion von Hewlett-Packard (HP) und Compaq einen an Bitterkeit ständig zunehmenden Kampf aus. In der Öffentlichkeit entsteht ein Bild, das die Beteiligten an Protagonisten aus TV-Schmonzetten à la "Dallas oder "Denver Clan" erinnern lässt. HP-Chefin Carleton Fiorina als eigensüchtiges, blondes Biest; Walter Hewlett, Sohn von Firmengründer William, als Nestbeschmutzer und Antipode der harten Blondine. Demnächst mehr in diesem Theater.

FEBRUAR

Eine Mesalliance mit Hautgout bringt das Finanzministerium in Schleswig-Holstein unter Minister Claus Möller (SPD) und SAP ins Zwielicht. Ausgelöst hat den Skandal ein Bericht des Landesrechnungshofs (LRH). In diesem wird der Möller-Behörde vorgeworfen, sie habe bei der Auswahl eines Mittelbewirtschaftungs- und Kostenrechnungssystems Geld verschleudert. Was sich wie ein Zungenbrecher liest, ist eine SAP-Lösung. Unter "fachlichen und finanziellen Aspekten" sei diese im Vergleich zu Konkurrenzangeboten nie im Spitzenfeld gewesen. Pikanterweise stellt sich auch noch heraus, dass eine ehemalige Mitarbeiterin der Finanzbehörde, die in die Entscheidung für das SAP-System maßgeblich involviert war, später bei dem Walldorfer Softwarehaus auf der Gehaltsliste steht. Wiewohl der Verdacht der Korruption nie bestätigt werden kann, bleibt ein "Gschmäckle", wie der Schwabe zu sagen pflegt.

Dass Terror nicht nur vergleichsweise plump mit Pumpgun, Bomben und Raketen, sondern auch perfide über das Internet ausgeübt werden kann, ist bekannt. Ins Bewusstsein rückt die lautlose Gefahr aber immer erst dann wieder, wenn es richtig knallt - oder wenn eine Studie belegt, wie virulent die Bedrohung ist: Eine Untersuchung der US-Firma Riptech bei 300 Kunden in 25 Ländern belegt, dass sich die Zahl der Hacker-Angriffe auf diese Betriebe innerhalb eines Jahres um 79 Prozent erhöht hat. Besorgnis erregend ist vor allem, dass bei 39 Prozent der Angriffe eine zielgerichtete und klare Strategie gegen diese Unternehmen zu erkennen ist. Insbesondere Energieversorger haben die Hacker ins Fadenkreuz genommen.

Eine Pleitenummer zieht Global Crossing ab: Einer der weltgrößten Betreiber von Glasfasernetzen meldet im Februar seine Zahlungsunfähigkeit und flüchtet unter den Gläubigerschutz des US-amerikanischen Konkursrechts. Die Kosten für das ausufernde Glasfasernetz, das rund 27 Länder und 200 Städte verbindet, wachsen ins Gigantische. Es scheint nicht mehr realistisch, dass Global Crossing jemals die aufgelaufenen 22,4 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten wird abtragen können. Überdies mehren sich in der Folge der Pleite auch noch Gerüchte über mutmaßliche Bilanzmanipulationen.

Neues gibt es im Februar in Sachen HP-Compaq: Die Fusionsbefürworter können sich freuen, als die Wettbewerbshüter der Europäischen Union keine Bedenken äußern und ihr Plazet zum Zusammenschluss geben. Ein nicht unwichtiger Etappensieg.

Schon vor Pisa wird Deutschland abgewatscht - allerdings nur IT-technisch: Auf dem Weltwirtschaftsforum in New York - bis dato fand es immer in Davos statt - präsentiert das Center for International Development (CID) an der Harvard University das Ergebnis eines Vergleichs verschiedener Länder. Analysiert wurde, in welchem Maß eine Gesellschaft mit IT-Ressourcen durchdrungen ist. Unter 75 begutachteten Ländern rangiert Deutschland in Sachen wirtschaftliche Bedingungen, nationale Regelungen, Infrastruktur und Bildung auf Platz 17. Was gar nicht mal so schlecht klingt, relativiert sich beim Blick auf den Länderver-gleich in Europa. Dort nämlich platzieren sich die Niederlande, Dänemark, Österreich und Großbritannien deutlich vor der Bundesrepublik. Die Grande Nation Frankreich allerdings schneidet noch schlechter ab.

Einen Strategiewechsel der nicht selbstverständlichen Art verordnet im Februar Scott McNealy seiner Firma Sun Microsystems: Seit zwei Jahrzehnten fixiert auf das hauseigene Unix-Derivat Solaris, kündigen die Kalifornier jetzt an, sie würden auch Linux auf ihren Systemen anbieten. Naja, nicht ganz: Der Seitensprung gilt lediglich den Lowend-Systemen, die Sun mit dem Kauf der Firma Cobalt geerbt hat. Deren Maschinen rechnen auch nicht mit von Sun entwickelten Sparc-Risc-Prozessoren, sondern mit Intel-CPUs.

Elsa - war ein guter Name. Elsa, der Grafik-kartenhersteller und Videoexperte aus Aachen, ist im Februar nahezu zahlungsunfähig. Gläubigerbanken streichen die Kreditlinien, ein neuer Investor stellt sich nicht vor - die Zukunft für einen der wenigen international erfolgreichen deutschen Computeranbieter sieht düster aus, die von weltweit über 500 Mitarbeitern auch.

Und auch bei Intershop, einem Überflieger der New-Economy-Szene, hat das Heulen und Zähneknirschen eingesetzt: 131,8 Millionen Euro Verlust bei Halbierung des Umsatzes auf 68,65 Millionen Euro stürzen die Jenaer in eine schwere Krise, die rund 230 der insgesamt 733 Mitarbeiter weltweit den Job kostet. Der Sturzflug fordert auch Opfer unter den Gründervätern: Wilfried Beeck, Mitgründer und jetzt Chief Operating Officer - der also das Tagesgeschäft abwickelt - sowie der Europa-Chef Michael Tsifidaris müssen ebenfalls gehen. Intershop-Vorstandsvorsitzender und Gründungskompagnon Stephan Schambach hingegen kann seinen Kopf nochmal retten.

Ende Februar werden Anbieter von mobilen Endgeräten sehr nervös. Da melden nämlich zwei Industriegiganten, sie würden ihre Kernkompetenzen nutzen, um ab sofort auch dieses Marktsegment zu beglücken. Niemand anderes als Microsoft und Intel - beide immer mal wieder wegen angeblich oder tatsächlich wettbewerbsrechtlich fragwürdiger Geschäftspraktiken vor Gericht - wollen den Markt für Pocket PCs, also Handhelds, aufrollen.

In Deutschland kündigt sich ein weiterer Absturz an, der sich später zum Skandal auswächst: Die SER Systems AG unter der Ägide von Gert Reinhardt legt im Februar eine dermaßen desaströse Bilanz vor, dass man ernsthaft um die Existenz des Anbieters von Dokumenten-Management-Systemen (DMS) fürchten muss. Einige Monate später bewahrheiten sich diese Befürchtungen.

Auch der Heyde AG regnet es ordentlich rein: Zwar kann das Unternehmen ein Umsatzplus von 4,3 Prozent auf 120 Millionen Euro verbuchen. Aber der Verlust verdoppelt sich auf knapp 50 Millionen Euro. Vorstandsvorsitzender Dirk Wittenborg nimmt wegen des schlechten Ergebnisses seinen Hut - und Analysten rechnen mit dem Schlimmsten.

Anscheinend völlig unberührt von allen wirtschaftlichen Depressionen dieser Welt zieht Dell Computer seine Bahn: Zwar gehen sowohl Umsatz als auch Gewinn bei dem Direktvertreiber von IT-Systemen zurück, aber als eines der wenigen Unternehmen in der Branche macht Dell noch Profit. Für das am 1. Februar 2002 abgelaufene vierte Geschäftsquartal und für das Gesamtjahr meldet Gründer Michael Dell Gewinne, die über den Erwartungen der Analysten liegen.

MÄRZ

Am 1. März 2002 vollzieht sich ein echter Machtwechsel in der IT: Louis Gerstner, ehemals vom Keksfabrikanten RJR Nabisco zur IBM gekommen, dankt ab und macht den Platz frei für Samuel Palmisano. In der größten Not angetreten, als das Unternehmen 1992 fünf Milliarden Dollar Verlust machte, hinterlässt Gerstner ein aufgeräumtes Haus. Der Mainframer ist umgebaut zum Serviceunternehmen, die Großrechner sind keine Monolithen mehr, die nur proprietäres Zeug reden. Dieser Wandel ist Gerstner zuzuschreiben.

Eine Ankündigung hinterlässt bei vielen sehr gemischte Gefühle: Microsoft hat Great Plains übernommen. Jetzt soll mit der zugekauften Technologie der Markt für Customer-Relationship-Management-(CRM-)Lösungen aufgerollt werden. Natürlich geben sich Konkurrenten wie Siebel oder Peoplesoft unbeeindruckt. Aber wer Microsoft kennt - und das ist jeder - weiß, dass es für CRM-Anbieter wieder etwas ungemütlicher werden könnte.

Einen dicken Fisch zieht die IBM an Land. Big Blue lässt sich als Outsourcer die Verant-wortung für die IT des Kreditkartenunternehmens American Express übergeben. Für vier Milliarden Dollar übernimmt IBM 2000 Mit-arbeiter und den gesamten IT-Betrieb. Spätestens jetzt dürften die IT-Experten der Deutschen Bank auf eine Idee gekommen sein.

Und wieder scheint ein Hoffnungsschimmer am Horizont aufzuziehen: Rechtzeitig zur Ce-BIT 2002 meldet das European Information Technology Observatory (Eito), der weltweite Markt für Information und Telekommunikation (ITK) habe 2001 nur um 4,4 Prozent zugelegt, werde aber im laufenden Jahr ein knapp zweistelliges Wachstum erleben. Leider hat sich die Erwartungshaltung im weiteren Verlauf dann drastisch reduziert.

Guter Witz von Microsoft

Einen guten Witz macht Microsofts Vorstandsvorsitzender Steve Ballmer: Sollten sich das US-Justizministerium und neun gegen den Konzern prozessierenden US-Bundesstaaten mit ihrer Anti-Trust-Klage durchsetzen, müsse die Gates-Company das Windows-Betriebssystem vom Markt nehmen. Das ist ungefähr so, als ob ein Gericht Mercedes verpflichten würde, eine Produktionsstätte in Deutschland und nicht in Frankreich aufzubauen, und der Autobauer drohte deshalb, keine PKWs mehr zu produzieren.

Eine Fusion, die ebenfalls nicht unproblematisch sein dürfte, wird Ende März bekannt gegeben. Die T-Systems-Töchter Diebold und Detecon werden zu einem Unternehmen ver-schmolzen. In den Kernkompetenzen ergänzen sie sich, in den Firmenkulturen unterscheiden sie sich aber sehr.

Auf der CeBIT 2002 ist man nach acht Tagen genauso schlau wie zuvor: Wirklich Aufschluss auf die Frage aller Fragen, ob und wenn ja, wann der Aufschwung nun kommen könnte, hat auf der weltgrößten Computermesse niemand erhalten. Die Talsohle, mutmaßen die meisten, sei zwar möglicherweise erreicht, der nachhaltige Aufschwung lasse aber noch auf sich warten. Noch Fragen?

Die Urnen voll - und alle Fragen offen: Während die CeBIT noch läuft, stimmen die Aktionäre von Compaq und HP über die Fusion der beiden Unternehmen ab. Compaqs Anteilseigner votieren klar mit Ja. Die Stimmenauszählung bei HP allerdings wird noch Wochen dauern. Das Hickhack um Sinn und Unsinn des Firmenzusammenschlusses geht derweil munter weiter.

Im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE sagt die alte und ab dem 22. September auch neue Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, die Green Card sei nach wie vor nötig, weil die Bundesrepublik noch kein Zuwanderungsgesetz habe und damit auch keine gesteuerte Zuwanderung. Wir sagen nichts dazu.

Einen für Außenstehende erheiternden Ehekrach liefern sich im Jahr 2002 die France Télécom und Mobilcom. Schon im Frühjahr wollten die Franzosen dem schillernden Unternehmensgründer Gerhard Schmid seinen Anteil abkaufen. Andererseits hat der angeblich sogar ein vertragliches Druckmittel in der Hand, um den Franzosen per Zwangsverkauf seine Anteile an dem Büdelsdorfer Unternehmen aufzuzwingen - zu einem ihm genehmen Preis, versteht sich. Auch in dieser Aufführung wird es noch mehrere Akte geben. (jm)