Startups in Gefahr

Investoren schlagen Alarm

02.06.2022
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO sowie Chefredakteur der europäischen B2B-Marken von IDG. Er kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung der Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. 
Finanzinvestoren, die ihr Geld in Startups gesteckt haben, sorgen sich wegen der Wirtschaftskrise. Ihren Portfoliounternehmen raten sie, Kosten zu senken und die Liquidität zu sichern.
Das gab es in der Wirtschaftsgeschichte schon oft: Startups denken nur an Wachstum und verbrennen zu viel Geld.
Das gab es in der Wirtschaftsgeschichte schon oft: Startups denken nur an Wachstum und verbrennen zu viel Geld.
Foto: DesignRage - shutterstock.com

Über viele Jahre hinweg haben Risikokapital-Geber aus dem Silicon Valley viel Geld in Neugründungen gesteckt, nun fürchten sie um ihre Ernte. Wie das Wall Street Journal schreibt, empfehlen die "Doyens des Risikokapitals" den Startups nun, sich für rauere Zeiten zu wappnen. Venture Capitalists wie Lightspeed Venture Partners, Craft Ventures, Sequoia Capital und Y Combinator raten den Jungunternehmern in Blogbeiträgen, Social-Media-Threads und Online-Präsentationen Maßnahmen zu ergreifen, um sich auf die "möglicherweise schärfste Wende seit mehr als einem Jahrzehnt" vorzubereiten.

Die Ratschläge bestehen in erster Linie darin, Kosten zu senken, Bargeld vorzuhalten, Neueinstellungen zurückzufahren und nicht darauf zu vertrauen, dass im Falle einer Schieflage Investoren oder Hedge-Fonds mit größeren Schecks bereitstehen werden. "Die Boomzeiten des letzten Jahrzehnts sind eindeutig vorbei", schreibt etwa Lightspeed, das unter anderem beim Social Network Snap und der Kryptobörse FTX investiert ist.

Erinnerung an die großen Börsen-Crashs

Auf der Veröffentlichungsplattform Medium.com erinnert Lightspeed an große Börsen-Crashs, etwa im Zuge der Finanzkrise (2008/2009), der geplatzten Dotcom-Blase (2000 bis 2002) und des Black-Monday-Crashs von 1987. In der gegenwärtigen Situation gebe es teils ähnliche Voraussetzungen in Form von Zinsanstieg und Spekulationsblasen, teils seien die Herausforderungen aber auch völlig neu und schwer einschätzbar. Das Unternehmen verweist auf die COVID-Krise, den Ukraine-Krieg, die Lieferkettenprobleme und einen möglichen Massenrückzug der Anleger aus ETF-Anlagen.

Viele Geldgeber seien noch relativ neu im Geschäft und hätten bislang nur einen Bullenmarkt erlebt, heißt es bei Lightspeed. Jetzt gebe es schwarze Wolken am Horizont, erstmals müssten die Investoren wirklich schwierige Gespräche mit den Startup-CEOs führen. Geldgeber, die noch vor wenigen Jahren den Markt auf den Kopf stellen wollten, müssten nun mit ansehen, wie ihre Positionen in weniger als einem Jahr um die Hälfte zusammenschrumpfen und über Jahre aufgelaufene Gewinne zunichte gemacht würden.

Dennoch sei man bei Lightspeed im Grundsatz weiter optimistisch, da der alles entscheidende Megatrend des technischen Fortschritts und der Digitalisierung intakt sei und alle Marktsegmente erfasse. Unternehmensinfrastrukturen würden in die Cloud verlagert, viele neue Technologien wie Web3, Virtual und Augmented Reality (VR/AR) oder künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung stünden immer noch am Anfang.

"Um es klar zu sagen", schreibt Lightspeed den Gründern ins Stammbuch, "der Weg, der vor uns liegt, wird hart sein. Viele CEOs werden schmerzhafte Entscheidungen treffen müssen, um ihre Schiffe durch unruhige Gewässer führen zu können." Einigen Startups würden Kompromisse abverlangt, die noch vor ein paar Monaten völlig abwegig erschienen wären.

Lightspeed empfiehlt seinen Portfoliofirmen, bei den zuletzt überzogenen Gehaltszahlungen den "Reset-Knopf" zu drücken und auch das Tempo der Neueinstellungen zu drosseln. Die gegenwärtig schwierigen Umstände böten auch Chancen. Jetzt sei es an der Zeit, auf Qualität zu achten und sich die besten Köpfe zu angeln, die vor der Krise noch als "nicht rekrutierbar" galten. CEOs müssten zudem ihre Personalausstattung insgesamt überdenken und die "Unternehmenskultur auf Leistung ausrichten".

Wichtig sei es auch, alle Unternehmensaktivitäten genau zu überprüfen und sich auf die relevanten zu konzentrieren. Mit innovativen Marketing-Kanälen experimentieren, in neue Regionen expandieren oder teure Fachkräfte für Produkterweiterungen einstellen - das könne man, wenn die Geschäfte liefen und Kapital billig zu beschaffen sei. Jetzt sei es aber wichtiger, sich auf strategisch bedeutsame Vorhaben zu konzentrieren.

Weniger Geld für Startups

Die Lightspeed-Warnungen sind beispielhaft für das, was sich derzeit in Investorenkreisen abspielt. Das Mantra, nur das Wachstum voranzutreiben und erstmal nicht auf die Erträge zu schauen, galt jahrelang für Startups - jetzt nicht mehr. Das WSJ zitiert Zahlen des Marktforschungsunternehmen CB Insights. Demnach gehen die Finanzmittel für Startups weltweit um rund 20 Prozent zurück.

Der Einbruch der Technologiebörse Nasdaq beträgt seit dem Allzeithoch im November 2021 rund 25 Prozent und der japanische Großinvestor SoftBank Group, der mehr als 100 Milliarden Dollar in Unternehmen investitiert hat, musste für sein erstes Finanzquartal einen Verlust von sage und schreibe 26,2 Milliarden Dollar melden. Hintergrund ist, dass die Bewertungen des Portfolios an Technologieunternehmen so stark gesunken ist.

Die Alarmglocken in Investorenkreisen läuten derzeit auch deshalb so schrill, weil die US-Notenbank ihre jahrelange Unterstützungspolitik beendet hat. Hatte sie früher bei Abschwüngen schnell reagiert und mithilfe von Zinssenkungen Geld in die Märkte gepumpt, um die Wirtschaft zu stützen und Liquidität bereitzustellen, musste sie nun damit beginnen, in relativ kurzer Taktung den Leitzins zu erhöhen und Geld aus dem Wirtschaftssystem abzuziehen, um die Inflation einzudämmen.

Ausgaben senken und auf Liquidität achten

Auch die Investoren von Sequoia schreiben in einem Beitrag für The Information, dass in dieser Krise keine V-förmige Erholung zu erwarten sei. Die Gesundung werde länger dauern, Unternehmen sollten ihre Ausgaben schnell kürzen und auf Liquidität achten.

Und Bill Gurley, erfolgreicher Partner bei Benchmark Capital und Kritiker der Exzesse im Markt für Risikokapital, warnte auf Twitter: "Die Kapitalkosten haben sich erheblich verändert, und falls Sie glauben, dass alles noch so ist wie früher, dann werden Sie wie Thelma und Louise eine Steilklippe hinunterstürzen."

Obwohl viele Start-ups in den letzten Jahren viel Geld eingesammelt hätten und damit oft noch jahrelang weiterarbeiten könnten, warnt auch Neeraj Agrawal, General Partner bei Battery Ventures in Boston. Er rät den Verantwortlichen in seinen Portfoliounternehmen, liquide zu bleiben. Michael Seibel, Geschäftsführer von Y Combinator, sagt in einem Youtube-Video für Startups sogar, Gründer sollten ihre Werbeausgaben gering halten, Preise erhöhen und gegebenenfalls Personal abbauen.

Generell gehen die Venture Capitalists davon aus, dass sich der Kampf um IT-Talente entspannen könnte, sobald im Technologiesektor ein Stellenabbau unumgänglich werde. Viele Startups, die noch nicht lebensfähig sind, würden ohne Zugang zu billigem Geld über kurz oder lang verschwinden.