Inflation 2022

Eine Herausforderung für CIOs

06.07.2022
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO sowie Chefredakteur der europäischen B2B-Marken von IDG. Er kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung der Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. 
Die Weltwirtschaft droht in eine Rezession abzugleiten. Vor allem die steigenden Inflationsraten beschäftigen die Unternehmen - und damit auch ihre CIOs, die sich entsprechend vorbereiten müssen.
Die weltweite Inflation setzt auch CIOs unter Druck. Sie müssen ihren Beitrag leisten, um die Kosten im Griff zu behalten.
Die weltweite Inflation setzt auch CIOs unter Druck. Sie müssen ihren Beitrag leisten, um die Kosten im Griff zu behalten.
Foto: Cinemato - shutterstock.com

IT-Verantwortliche müssen auf die steigenden Preise für IT-Produkte, Services und Personal reagieren, indem sie ihre IT-Portfolios überarbeiten und ihre Prioritäten bei den IT-Ausgaben verschieben. Gartner-Analyst Robert Naegle empfiehlt den IT-Managern genau hinzuschauen, inwieweit die Inflation das eigene Unternehmen trifft und wo die IT-Budgets in Gefahr sind. Abhängig von einer solchen Analyse sei zu entscheiden, wie die Ausgaben angepasst werden müssten. Die ITK-Anbieter würden ihre Preise inflationsbedingt mit Sicherheit erhöhen, deshalb komme so oder so viel Arbeit auf die IT-Verantwortlichen zu.

Ohnehin gibt es neben der Inflation genügend andere Gründe, warum die IT-Investitionen in den Unternehmen wachsen. Die Kosten für die Gestaltung von Hybrid-Work-Szenarien einschließlich Ausstattung der Heimbüros, Internet-Verbindungen und Sicherheitsinvestitionen gehören dazu. Generell steigen die Ausgaben für IT-Security derzeit rasant, weil die Angriffs- und Bedrohungsszenarien zunehmen und zu allem Überfluss Ransomware den Cybergangstern ein veritables Geschäftsmodell eröffnet hat.

Hinzu kommen Kostensteigerungen aufgrund der anhaltenden Störungen in den globalen Lieferketten und - dank der anhaltend hohen Nachfrage - auch anziehende Cloud-Preise. Last, but not least sind während der Pandemie viele Aufgaben liegen geblieben, so dass sich die technischen Schulden angehäuft haben. Sie fordern nun beispielsweise in Form überfälliger Software-Updates und Bugfixes oder dem Austausch von Hardware ihren Tribut.

Wie Gartner-Analyst Naegle ausführt, haben etliche Unternehmen Subskriptionsverträge unterzeichnet, in denen sich Preiserhöhungen an Indizes wie etwa die Verbraucherpreis-Entwicklung koppeln. Solche variablen Verträge könnten dramatische Kostensteigerungen zur Folge haben. CIOs sollten die Risiken identifizieren und dokumentieren. Je nach Ergebnis müssten sie ihre Budgetprognosen anpassen.

Nachverhandeln mit geschäftskritischen Anbietern

Zudem sollten CIOs laut Naegle eine Liste der für ihre Organisation kritischen Anbieter erstellen. Mit diesen gelte es, wo immer möglich, neue Partnerschaften zu vereinbaren, die beide Seiten gleichermaßen ins Risiko nähmen. Hier sei Eile geboten, da die IT-Anbieter gerne die turnusmäßigen Vertragsverlängerungen dazu nutzten, ihre Preise zu erhöhen. Unter den strategisch weniger wichtigen Anbietern sollten die IT-Verantwortlichen aufräumen und gegebenenfalls Migrationen auf Lösungen von Wettbewerbern prüfen.

Generell sieht der Gartner-Mann auch in Zeiten wirtschaftlichen Abschwungs gute Chancen für CIOs, sich zu profilieren - vorausgesetzt, sie lassen sich nicht in die Defensive drängen. Als IT-Verantwortliche könnten sie helfen, Ressourcen zielgerichteter einzusetzen und den Return on Investment im Kerngeschäft zu optimieren. Gelinge es beispielsweise, eine schnelle und akkurate Datenanalyse im Finanzbereich auf die Beine zu stellen, versetze die IT das Unternehmen in die Lage, bessere Entscheidungen in unsicheren Zeiten zu fällen.

Dabei komme es allerdings besonders darauf an, dass sich der CIO mit dem CEO und anderen Vorstandsmitgliedern abstimme. Er müsse den Plan verstehen, mit dem das Unternehmen auf die Auswirkungen der Inflation zu reagieren gedenke. Wo Kosten gesenkt oder optimiert werden müssten, dürfe sich der CIO nicht in die Defensive zurückziehen. Er müsse strategisch aktiv werden und bei der Neupriorisierung der Ausgaben mitentscheiden, zumal digitale Innovationen keinesfalls abgewürgt werden dürften.

Der Cloud- und Softwareeinsatz lässt sich optimieren

Der Gartner-Analyst empfiehlt den IT-Verantwortlichen, mit verschiedenen Best- und Worst-Case-Szenarien auf den Chief Financial Officer (CFO) zuzugehen und ihm zu erklären, wie flexibel die IT-Ausgaben gehandhabt werden können. Beispielsweise könne aufgezeigt werden, wie sich durch den Einsatz besserer Prozesse und Tools der Cloud-, Software- und Infrastrukturverbrauch optimieren lasse.

IT-Chefs sollten ihre Antworten auf die Herausforderungen durch die allgemeine Preissteigerungen offen und für alle sichtbar kommunizieren. Alle Stakeholder müssten mit im Boot sitzen und sowohl etwaige Kostensenkungs-Initiativen als auch die wichtigen Digitalprojekte mittragen.

Eine besondere Herausforderung stellt der Umgang mit den auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten knappen IT-Talenten dar. Zuerst sollten CIOs darauf achten, dass ihnen möglichst wenig IT-Professionals abspringen. Dazu habe es sich bewährt, die Leistungsträger zu identifizieren, die Kosten einer möglichen Kündigung durchzurechnen und sie mit dem Aufwand für Incentives zu vergleichen, um solche Talente zu halten. Naegle empfiehlt, ein "Talent Retention and Incentive Package" zu schnüren, mit dem geschäftskritische Skills in unsicheren Zeiten gehalten werden können. Die Maßnahmen sollten mit der Finanzabteilung und dem Personalbereich abgesprochen sein.

Des weiteren rät der Analyst den CIOs, sich ihre Mannschaften genau daraufhin anzuschauen, ob bestimmte Personen gezielt für neue Rollen qualifiziert werden können. Sich weiterzubilden müsse eine Selbstverständlichkeit für jeden IT-Job sein, genauso wichtig sei es, den Lernprozess in den Fluss der tagtäglichen geschäftlichen Aufgaben zu integrieren.

Sinn gebe es zudem, die Möglichkeiten von Automatisierung und digitaler Produktoptimierung so zu nutzen, dass die Produktivität gesteigert werden und der Bedarf an Fachkräften gesenkt werden kann. Nicht nur IT-Mitarbeiter, auch andere Beschäftigte könnten im Prozess der Digitalisierung das Unternehmen verstärken. Wenn sie sich etwa mit Low-Code-und No-Code-Technologien, Analytics- und Data-Science-Lösungen oder auch mit Machine-Learning-Plattformen und -Tools beschäftigten, seien sie auf einem guten Weg.

Dass Unternehmen um eine breite Qualifikation der Mitarbeitenden nicht herumkommen werden, sagt auch Naegles Analystenkollege John-David Lovelock, Research Vice President bei Gartner, im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE-Schwesterpublikation CIO.com. "CIOs werden den War for Talents wahrscheinlich verlieren", warnt Lovelock, IT- und Managed-Services-Anbieter seien eher in der Lage, hohe Gehälter und Prämien zu zahlen als IT-Abteilungen.

Wer Mitarbeiter verliert, muss teure Dienstleistungen zahlen

Der Analyst verweist darauf, dass CIOs im schlimmsten Fall ihr Personal verlieren und trotzdem hohe IT-Ausgaben zu schultern hätten - für teure IT-Dienstleistungen nämlich, mit denen die Lücken gestopft werden müssten. Die Managed Service Provider und Technologieanbieter hätten schon damit begonnen, Preiserhöhungen bei den CIOs durchzusetzen.

Das beobachtet auch Rick Villars, Group Vice President für den weltweiten Research beim Gartner-Konkurrenten IDC. Problematisch sei, dass viele der einst gut eingeführten Praktiken rund um Beschaffung und Ausgabenkontrolle nicht mehr funktionierten, da im Zeitalter von SaaS, Abonnementdiensten und nutzungsbasierten Modellen andere Gesetze gelten würden. Dennoch gebe es immer noch Raum für Effizienzsteigerungen, auch wenn die bekannten Mechanismen teilweise nicht mehr zur Verfügung stünden.

Zu den inflationsbedingten Preissteigerungen und den explodierenden IT-Gehältern kommen die Sorgen, die von Reibungen in den weltweiten Lieferketten verursacht werden. CIOs in aller Welt sind derzeit mit deutlich längeren Lieferzeiten für Standardprodukte wie Workstations oder Server konfrontiert. Um zügig an das benötigte Equipment zu kommen, müssen sie oft mehr bezahlen. Mit Blick auf die kommenden Jahre fürchten viele, dass Inflation und Lieferrückstände die Preise weiter in die Höhe treiben werden.