WWDC 2017

Das iPad ist wieder da

Kommentar  07.06.2017
Von Patrick Woods
Letzte Chance oder neue Hoffnung? Apple setzt den Fokus bei iOS 11 erstaunlich stark auf das zuletzt so schwächelnde iPad.

Das iPad ist das Produkt in Apples Sortiment, das in den letzten Jahren deutlich an Glanz oder Bedeutung verloren hatte. Wirtschaftlich, aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Das iPad schien langsam den Weg des Dodos zu gehen – oder des iPods. Bald ein Posten unter "Sonstiges" in den Geschäftszahlen.

Das iPad hat noch nicht ausgedient
Das iPad hat noch nicht ausgedient
Foto: Apple

Die Verkaufsentwicklung "stark stagnierend" zu nennen, wäre ein Kompliment. Tatsächlich fallen die Zahlen seit 2014 konstant. Einiges spricht dafür, dass Apple das iPad herunter priorisiert hat. Das neue „iPad“ ist eine leicht abgespeckte Sparvariante. Das iPad Mini ist von 2015 und hat seitdem nur noch Speicher-Upgrades erhalten. Dies ist der logische Schritt und wirtschaftlich sinnvoll, wenn ein Geschäftszweig einen stetigen Trend nach unten zeigt. Doch Apple belässt es nicht dabei. Es gibt schließlich eine große Ausnahme: das oder die iPad Pro(s). Hier hat Apple noch nicht aufgegeben, das ewige eigene Versprechen mit Leben zu füllen, dass das iPad die Zukunft mobiler Computer sei.

Ihre Meinung ist gefragt!

Mit iOS 11 will aber nicht nur dem Apple Pro helfen. Ein Dock wie am Mac, Drag and Drop, schwebende Programmfenster; dies dürfte sich deutlich mehr wie ein Computer anfühlen als nach großem iPod Touch. Schauen wir jetzt auf die Übersichtsseite für iOS 11, dann ist es das iPad, nicht der Kassenschlager iPhone, das hier den meisten Raum erhält. "Ein großer Schritt für das iPhone. Ein gigantischer für das iPad" heißt es hier, um diesen Eindruck für jeden sichtbar zu machen. Apple hat dem iPad beinahe eine halbe Stunde seiner wertvollen Keynote-Zeit gewidmet.

Das iPad erhält endlich Drag and Drop sowie flexiblere App-Fenster.
Das iPad erhält endlich Drag and Drop sowie flexiblere App-Fenster.
Foto: Apple

Too little, too late?

Man könnte argumentieren, dass Apple das "Pro"-Konzept und die Integration des Apple Pencil erst jetzt ernsthaft umsetzt und kritisieren, dass die bisherigen Pro-Iterationen vor allem bei der Software viel zu halbherzig waren. Mehr Rechenpower, bessere Displays und ein Stift machen aus einer Youtube-Maschine noch kein Arbeitsgerät. Schon 2015 hatte IDC gefordert, dass Apple eine eigene iOS-Version für das iPad entwickeln solle. Apple hat jetzt verstanden, dass mit reinen Medienkonsum-Geräten nicht mehr das große Geld zu holen ist. Auf den Küchentischen der Republik arbeiten heute noch zahlreiche iPad 2 als Kochrezepte-Suchmaschinen und Internetradios. Die Haltedauer bei Tablets ist deutlich länger als bei Smartphones, die Nutzer sehen keinen Grund, hier regelmäßig neu zu kaufen. Viele finden gleich gar keinen Einsatzzweck für ein Haushaltstablet.

Das Geschäfts-iPad

Apple setzt jetzt stattdessen auf eine andere Zielgruppe. Profis – oder zumindest "Prosumer". Das Bild vom Arzt mit iPad statt Patientenakte oder vom Außendienstler mit iPad-Katalog haben Medien schon seit Jahren gezeichnet. Jetzt fokussiert Apple sich mit dem iPad Pro tatsächlich auf die Zielgruppe, die das iPad von der Steuer absetzt und für die ein Versprechen auf mehr Produktivität Kaufentscheidungen sehr erleichtert. Das iPad als Werkzeug.

Nicht nur Apple beackert das Feld der Kreativ-Profis. Auch Microsoft hat diese Zielgruppe in den letzten Jahren für sich entdeckt und positioniert seine Surface-Reihe überwiegend im gleichen Sektor. Zwei große Mitspieler auf einem relativ kleinen Feld. Ob sich diese Taktik auszahlt, ist bisher nicht abzusehen. Ebenso wenig wissen wir, wie viel Durchhaltevermögen Apple hat. Sprich: wie viel Zeit haben die iPad Pros, um den Abwärtstrend umzukehren und die Zukunftsfähigkeit als Produktlinie zu beweisen?

Mehr als nur ein großes iPhone

Für die Besitzer bisheriger ist Apples Mühe jedoch vorteilhaft. Endlich emanzipiert sich iOS auf dem iPad deutlicher von der Großansicht eines Smartphonesystems und dürfte zu weit mehr in der Lage sein als nur Internetvideos und Wikipedia. Es bleibt die Frage: wohin will Apple mit dem iPad (Pro)? Wenn Apple die aktuelle Produktivitätsstrategie aggressiv und konsequent weiter verfolgt, gibt es nur ein Endziel: die eigenen Einstiegs-Laptops zu ersetzen. Tim Cook selbst hat gesagt, dass das iPad für ihn das klarste Bild des Personal Computings der Zukunft sei. Wie dies auch ausgehen möge: Das iPad lebt weiter. Zumindest vorerst. (Macwelt)