Interview mit Prof. Dr. Claudia Linnhoff-Popien

"Das Einfache wird sich durchsetzen"

30.11.2011
Von 
Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 

HTML wird häufig überbewertet

CW: Sollten alle Hersteller HTML5 implementieren, oder in welche Richtung geht Ihre Vorstellung?

LINNHOFF-POPIEN: Ich bin mir noch nicht ganz sicher, in welche Richtung die Entwicklung geht. HTML5 könnte eine Lösung sein, wird aber auch häufig überbewertet. Zurzeit sollten wir noch nach allen Richtungen offen sein. Häufig haben sich ja auch Standards einfach etabliert, weil sich eine Technik aufgrund ihrer Verbreitung durchgesetzt hat. Deshalb möchte ich heute keine Prognose darüber abgeben, wohin sich das Ganze in den nächsten drei bis fünf Jahren entwickeln wird.

CW: Sie sprachen die Leistungsfähigkeit der Devices an. Zu welchen Geräten raten Sie einem IT-Entscheider, der vor der Frage steht, ob er Smartphones, Tablets, Netbooks oder Notebooks anschaffen soll?

LINNHOFF-POPIEN: Eine einfache Antwort gibt es nicht. Bei der Investitionsentscheidung sollten die genutzten Applikationen im Vordergrund stehen. So sollte etwa für einen Arzt, der Röntgenbilder anschauen will, ein Gerät mit großem Bildschirm - also ein Tablet oder Notebook - angeschafft werden. Benötigt ein Mitarbeiter aber nur ganz schnell Informationen oder ist über ein Event zu informieren, dann erfüllt auch ein kleines Device seinen Zweck.

CW: Und wozu raten Sie bezüglich der Sicherheit?

LINNHOFF-POPIEN: Hier ist zwischen verschiedenen Aspekten zu unterscheiden. Einen Bereich würde ich als Mobile Security bezeichnen, er betrifft die Devices selbst. Hierzu zähle ich alles, was die Entwicklung von Mobile Firewalls etc. betrifft. Also Verfahren, die einen größtmöglichen Vertrauensschutz gewährleisten, um einen Datenmissbrauch zu verhindern, wenn Informationen über das mobile Endgerät kommuniziert werden. Ein anderer wichtiger Bereich ist das Thema Privacy. Bislang hat die IT-Branche dem Datenschutzthema bei der Cloud noch keine ausreichende Bedeutung beigemessen, weil die Dienste primär stationäre Endgeräte betrafen, wo der Ort kaum eine Rolle spielt. Mein Laptop steht meist in einem Raum - meinem Büro -, aus dieser Information kann ein Angreifer keinen Mehrwert ziehen.

Sobald aber der Aufenthaltsort des Nutzers mit protokolliert wird, sei es nur für eine Wetter-App, um über den Ort kontextabhängige Dienste zu konfigurieren, ist dafür zu sorgen, dass diese Ortsinformationen nicht missbraucht werden. Es sind also Algorithmen zu entwickeln, die den Ort anonymisieren oder diese Information lediglich auf dem Endgerät verarbeiten. Solche Informationen sollten nicht an Server gemeldet werden, um einen Missbrauch zu verhindern.

CW: Gibt es Applikationen, die sich eher mobilisieren lassen als andere?

LINNHOFF-POPIEN: Grundsätzlich lässt sich fast jede Anwendung mobilisieren. Lediglich der Aufwand ist unterschiedlich hoch. Hier spielen etwa die Sicherheitsanforderungen, die Frage der Echtzeitfähigkeit oder der Datenschutz eine Rolle. Ebenso sollte die benötigte Bandbreite nicht vergessen werden. Bei der Realisierung mobiler Anwendungen kann dies zu unterschiedlichen Problemen führen.

Einfache Bedienung und Erreichbarkeit entscheidend

CW: Wo werden die Apps liegen, in der Cloud oder auf dem Endgerät?

LINNHOFF-POPIEN: Meine Überzeugung ist, dass wir eine Verschmelzung erleben werden. Dabei setzt sich durch, was der Nutzer will. Dazu zählen eine einfache Bedienung und der Wunsch, jederzeit und überall über verschiedene Endgeräte erreichbar zu sein und zugleich an Daten und Informationen heranzukommen. Deshalb wird sich ein hybrider Ansatz durchsetzen, der unabhängig vom konkreten Endgerät Zugriff auf meine Daten erlaubt. Es ist dabei egal, ob sich diese in einer Cloud befinden, lokal auf dem Smartphone abgespeichert wurden oder der Anwender zu Hause, am Arbeitsplatz oder unterwegs darauf zugreifen will. Zudem hat dies möglichst einfach zu geschehen, ohne dass Geräte lange hochfahren oder langwierige Sicherheitsabfragen erfolgen. Das Einfache wird sich durchsetzen.

CW: Das führt gleich zu zwei Spannungsfeldern: Sicherheit versus Einfachheit und Privatkunden- versus Business-Umfeld. Ist die Virtualisierung ein Ansatz, um aus diesen Konflikten herauszufinden?

LINNHOFF-POPIEN: Das ist eine schwierige Frage. Ich sehe noch keinen eindeutigen Trend. Im Augenblick herrscht eine gewisse Großzügigkeit, was den Wunsch betrifft, dienstliche und private Daten auf ein und demselben Endgerät zu haben. Aber das ist eher eine politische und strategische Frage denn eine technische.

CW: Was sollte ein IT-Entscheider heute bei seinen Entscheidungen beachten, um für die mobile Zukunft gerüstet zu sein?

LINNHOFF-POPIEN: Er sollte Schritt für Schritt vorgehen - also dann konkrete Anwendungen umsetzen, wenn er sie benötigt. Dann sollte er den Weg der Mobilisierung mitgehen und vielleicht auch mitgestalten. Eine auf die fernere Zukunft ausgerichtete IT-Planung erscheint aus heutiger Sicht nicht realistisch, denn wir diskutieren über einen extrem dynamischen Markt. (hi)