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CeBIT: Konjunktureinbruch in USA überschattet die CeBIT

22.03.2001
Die Konjunkturabkühlung in den Vereinigten Staaten hat unmittelbare Auswirkungen auf den deutschen Markt. In diesem und im nächsten Jahr ist Investitionszurückhaltung zu erwarten - so zeigt eine von der COMPUTERWOCHE in Auftrag gegebene repräsentative Studie.

HANNOVER (COMPUTERWOCHE) - Noch geben sich die IT-Verbände und Marktforscher bezüglich der Wachstumsperspektiven für den deutschen IT-Markt unbesorgt. "Allen Unkenrufen zum Trotz scheint das Wirtschaftswachstum in Europa und in Deutschland hinreichend robust, um sich gegenüber dem Abschwung in den Vereinigten Staaten zu behaupten", sagte Siemens-Manager Volker Jung, Sprecher des IT-Verbandes Bitkom, auf der CeBIT. Westeuropa sei derzeit der Motor der weltweiten Marktentwicklung.

Diese Aussagen standen in deutlichem Kontrast zu den Prognosen von Carleton "Carly" Fiorina, Chief Executive Officer (CEO) von Hewlett-Packard, die sich auf einer Pressekonferenz im Vorfeld der CeBIT zu Wort meldete. "Der konjunkturelle Rückgang breitet sich eindeutig auf andere Weltteile aus", so die HP-Chefin. Sie erwarte nicht, dass sich die Lage schon in der zweiten Jahreshälfte entspanne. Ähnlich düster sieht Michael Dell, Chef des gleichnamigen Direktvermarkters, die Perspektiven. Die Annahme, in der zweiten Jahreshälfte belebe sich der Markt wieder, sei durch nichts belegt.

Dass die Konjunktur in Europa bereits jetzt auf wackligen Beinen steht, musste der Veranstalter der CeBIT erfahren. Zwar meldet die Deutsche Messe AG mit rund 8100 Ausstellern einen neuen Rekord, doch gaben rund 400 potenzielle Aussteller den Hannoveranern kurz vor Messebeginn einen Korb. Hiobsbotschaften über einbrechende Börsenkurse, enttäuschende Bilanzen und Massenentlassungen nicht nur aus den USA, sondern auch vom Neuen Markt in Frankfurt, machen deutlich, warum die Hersteller kalte Füße bekamen.

Die Investitionszurückhaltung, die in den USA deutlich spürbar ist und sich nun auch hier breit macht, kommt unerwartet. Weil viele Unternehmen 1999 ihre IT-Ausgaben eingefroren hatten, um sich kurz vor dem Jahrtausendwechsel auf keine Risiken mehr einzulassen, hatten namhafte Analysten zwar noch nicht für das Jahr 2000, wohl aber für 2001 und 2002 mit einem Investitionssprung gerechnet. Diese Belebung bleibt aus, so das Ergebnis einer Erhebung der COMPUTERWOCHE, die von der Tech Consult GmbH, Kassel, realisiert wurde. Das Wachstum ist gegenwärtig allenfalls noch als "solide" zu bezeichnen. Hersteller, die sich auf mittelständische Kunden konzentrierten, haben laut Studie bessere Chancen, die anstehende Durststrecke weitgehend schadlos zu überstehen.

Die Auguren haben 5000 deutsche Anwenderunternehmen befragt, davon je 2500 Kleinbetriebe und 2500 mittlere und größere Unternehmen. Insgesamt wird die deutsche Wirtschaft demnach im Jahr 2001 zirka 57 Milliarden Euro für Informations- und Kommunikationstechnik ausgeben. Eingerechnet wurden dabei Ausgaben für Hardware, Software und Services, aber keine TK-Gebühren und keine internen Personalkosten. Im Jahr darauf sollen die Ausgaben 62 Milliarden Euro betragen - eine Steigerung um 8,5 Prozent (nähere Informationen zur Studie am Stand der COMPUTERWOCHE, Halle 5, B18).

Der Mittelstand gibt laut Marktanalyse etwa die Hälfte dieser Summe aus, beschäftigt aber mehr als zwei Drittel aller Arbeitnehmer. Größere Unternehmen sind also in Sachen IT wesentlich spendabler. Sie sind laut Erhebung innovativer, was die Nutzung neuer Technik angeht, während der Mittelstand an die "großen Themen" mit zwei bis drei Jahren Verzögerung herangehe.

In den kleinen und mittleren Unternehmen bestimmen häufig eher unspektakuläre Projekte das IT-Geschehen. So kostet diese Betriebe allein die Umstellung auf Windows 2000 im laufenden Jahr 270 Millionen Euro an Server-Software. Der Mittelstand investiert außerdem kräftig in ERP: Hier wachse der Markt mit 16,7 Prozent überdurchschnittlich, vor allem Erstinvestitionen würden getätigt. Anders in größeren Unternehmen: Der Markt legt hier nur noch um sieben Prozent zu, vorwiegend wegen Erweiterungsinvestitionen.

Auch im Security-Bereich haben die Großkonzerne bereits hohe Anfangsinvestitionen getätigt, der Mittelstand dagegen noch nicht. Dieser Markt wächst von 2001 auf 2002 insgesamt um 26,1 Prozent, im Mittelstand aber um 30,2 Prozent. Supply-Chain Management (SCM) und Customer Relationship Management (CRM) interessieren inzwischen ebenfalls die kleineren Unternehmen. Insbesondere Zulieferer, die sich in die Lieferketten großer Unternehmen zu integrieren haben, setzen auf SCM, so dass die Projektvolumina von 2001 auf 2002 um 33 Prozent steigen werden. Sogar um 43 Prozent legt der CRM-Markt im Mittelstand zu. E-Procurement dagegen ist den Großkonzernen vorbehalten; bei kleineren Unternehmen rechnen die potenziellen Einsparungen im Einkauf offenbar nicht die hohen Projektkosten.

Tech Consult kommt zu dem Schluss, dass die deutschen IT-Unternehmen mit einer stärkeren Konzentration auf den investitionsbereiteren Mittelstand die sich abzeichnende Konjunkturdelle besser überwinden könnten. Bisher seien diese Unternehmen gerne als "verschlafen" bezeichnet worden, die Industrie habe den Kontakt gescheut. Die meisten Unternehmen setzten ihre Vertriebsmannschaften primär auf die rund 5000 größeren Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern an, um möglichst lukrative Aufträge zu ergattern. Dagegen blieben die fast 200.000 Betriebe mit Mitarbeiterzahlen zwischen 20 und 500 Beschäftigten kleinen lokalen Softwareschmieden oder sich selbst überlassen.

"Natürlich ist es aufwändiger, einen schwäbischen Mittelständler aus der Industrie vom Nutzen einer CRM-Lösung zu überzeugen als eine Münchner Unternehmensberatung", so Tech Consult, "aber um weiter wachsen zu können müssen Anbieter diesen riesigen Markt endlich erkennen."