Web

 

Weltkonzern geplant - IBM schon seit 2000 in Gesprächen mit Lenovo

13.12.2004

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die IBM hat kurz nach der Inthronisation von Samuel Palmisano als President und Chief Operating Officer (COO), also dem Mann für das Tagesgeschäft, im Jahr 2000 mit Lenovo Verhandlungen über eine Kooperation begonnen. Ursprünglich plante Big Blue, mit chinesischer Hilfe einen neuen Weltkonzern zu gründen. Diesem, so die Idee, wollte IBM die Technologie zuliefern. Zudem hätte der größte Computerkonzern der Welt auch das Management, das Marketing und den Vertrieb organisiert.

Kaum war Palmisano als COO installiert, ordnete er eine gründliche Überprüfung des gesamten IBM-PC-Geschäfts an. Kurz darauf entschied er, dass sich Big Blue aus dem PC-Consumer-Geschäft zurückziehen werde.

Ungefähr zum selben Zeitpunkt streckte IBM erstmals seine Fühler nach China aus und fragte bei Lenovo an, ob Interesse bestünde, das PC-Geschäft des amerikanischen Konzerns zu übernehmen. Im Gespräch war eine Kaufsumme von drei bis vier Milliarden Dollar. IBM-Offizielle sagen allerdings, dass diese erste Kontaktaufnahme eher ein Testballon war, der von einem Berater außerhalb der IBM gestartet wurde.

Im Mai 2002 sandte Palmisano dann aber John Joyce auf offizielle Mission nach China, um bei Lenovo zu ergründen, ob und wie groß das Interesse an einer Geschäftsbeziehung mit IBM sein würde. Die chinesischen Gesprächspartner zeigten Interesse.

Im Juli 2003 dann traf sich Palmisano selbst in privatem Ambiente mit einem hochrangigen chinesischen Regierungsvertreter, der für Wirtschafts- und Technologiebelange zuständig war. Der IBM-Vorstandsvorsitzende entfaltete seine Idee, wonach ein moderner und international ausgerichteter Konzern aufgebaut werden sollte, der von Chinesen geführt werden würde und der sich auch im chinesischen Besitz befinden sollte. Palmisano erinnert sich, dass sein Gesprächspartner seinerzeit sagte, das sei genau "das künftige Modell, das China anstrebe."

Der Regierungsvertreter sagte zudem, die Zeiten hätten sich in China verändert. Es sei deshalb nicht mehr nötig, dass alle Gespräche über die Regierung zu laufen hätten. Vielmehr sollten Lenovo und IBM direkt mit einander verhandeln.

Im Oktober 2003 traf sich Palmisano dann in Peking mit dem Lenovo-Gründer Liu Chuanzhi und dem President Yang Yanqing sowie der Finanzverantwortlichen Mary Ma. Bei diesen Gesprächen entwickelte der IBM-Chef seine komplette Strategie.

Lenovo zeigte sich wieder sehr interessiert, allerdings sagten die Chinesen auch, dass solch ein großer Wurf kompliziert werden würde. Im Juni 2004 entwickelten die Verhandlungsführer beider Unternehmen dann innerhalb von acht Tagen in einem Hotel in der Nähe des PC-Entwicklungs- und Forschungszentrums von IBM in Raleigh, North Carolina, den Deal, der jetzt wasserdicht gemacht wurde.

Palmisano sagte, es habe auch andere Interessenten neben Lenovo gegeben. Hierzu gehörte auch eine amerikanische Buyout-Firma, deren Angebot bis zum Schluss der Verhandlungen mit Lenovo auf dem Tisch lag. Palmisano aber entschied, dass man das eigene PC-Geschäft nicht einfach im Zuge einer Abtrennung aus dem US-Konzern herauslösen wollte. Vielmehr ging es IBM um eine strategisch wichtige Beziehung mit Lenovo und mit China. (jm)