Panik im Cockpit

Was Manager von Piloten lernen können



Simon Lohmann ist Volontär bei der IDG Business Media GmbH. Im September 2017 beendete er sein Studium „Medienkommunikation & Journalismus“ an der FHM in Hannover, seit 2015 ist er freier Journalist bei der Macwelt.
Im Notfall treffen Piloten im Bruchteil von Sekunden Entscheidungen über Leben und Tod. Fehler können sie sich nicht erlauben. Pilot Philip Keil erzählte beim Business Breakfast von COMPUTERWOCHE und CAREERS LOUNGE, wie er einen Beinahe-Absturz verhindern konnte und was Führungskräfte aus Piloten-Strategien lernen können.

Das Flugzeug wackelt. Lampen blinken. Warnsignale ertönen. Aus dem Cockpit sind die dumpfen Angstschreie der Fluggäste zu hören und das Flugzeug nähert sich mit erschreckender Geschwindigkeit dem Erdboden. In einer solchen Ausnahmesituation heißt es dann im Cockpit, das Gelernte aus der Theorie in die Praxis umzusetzen. Entscheidungen sind in Bruchteilen von Sekunden zu fällen, um Maschine und Besatzung sicher zu landen.

"Schnellen Sie sich fest an", riet Pilot Philip Keil den Teilnehmern des Business Breakfast von COMPUTERWOCHE und CAREERS LOUNGE und verriet Weisheiten aus dem Cockpit.
"Schnellen Sie sich fest an", riet Pilot Philip Keil den Teilnehmern des Business Breakfast von COMPUTERWOCHE und CAREERS LOUNGE und verriet Weisheiten aus dem Cockpit.

Die Vorbereitung auf Notfallsituationen ist ein wichtiger Bestandteil einer Pilotenausbildung. Angehende Verkehrspiloten lernen, mit Stress umzugehen, um im Ernstfall einen kühlen Kopf zu bewahren. Der Flugsimulator soll nicht nur auszubildende Piloten auf solche Situationen vorbereiten, auch Piloten mit langjährigen Erfahrungen müssen zu den halbjährig angesetzten Simulationstrainings antreten. Denn falls tatsächlich eine Gefahrensituation eintritt, ist die Stunde der Wahrheit gekommen.

Wie man in einem solchen Fall reagiert und welcher Druck auf einem lastet, davon berichtete Pilot Philip Keil den 160 Zuhörern beim Business Breakfast der COMPUTERWOCHE und der CAREERS LOUNGE im Oktober 2017.

Vor acht Jahren war es in Hurghada beim Start zu einem Langstreckenflug zum Beinahe-Absturz gekommen, den Keil und sein Co-Pilot in letzter Sekunde verhindern konnten: Die Piloten wurden beim Start von einer schweren Windscherung, einer starken Änderung der Windgeschwindigkeit, überrascht. Statt von vorne, kam der Wind plötzlich von hinten. In einer Höhe von 250 Metern geriet das Flugzeug dadurch augenblicklich in den freien Fall.

Vier Sekunden entschieden über Leben und Tod

"Das Flugzeug hatte die Flugeigenschaft eines Klaviers", erinnerte sich Philip Keil. Nur vier Sekunden blieben ihm, um wieder die Kontrolle über 77 Tonnen zu erlangen und nicht am Boden der Startbahn zu zerschellen.

Statt nach oben, drückte Keil die Flugzeugschnauze kurz Richtung Boden und Wüstenlandschaft, gewann dadurch etwas wertvollen Schub und konnte dann die Maschine wieder in die Höhe ziehen. Nur durch Ruhe und Besonnenheit konnten er und sein Co-Pilot das Flugzeug aus dieser gefährlichen Situation befreien und den Flug sicher fortsetzen.

Dieses einschneidende Erlebnis veranlasste Keil dazu, die Unfallursachen von Flugzeugen genauer zu untersuchen: Flugzeugabstürze seien fast nie die Schuld eines einzelnen. In neun von zehn Flugzeugabstürzen habe das Team versagt. Diesbezüglich konnte Keil drei Faktoren beobachten: Wegen Entscheidungsschwäche, schlechter Kommunikation und mangelnder Prioritäten endete die Notfallsituation in einer Katastrophe und kostete letztendlich Menschenleben.

Überlebensvorteil Erfahrung?

Langjährige Erfahrungen als Pilot implizieren keineswegs einen besseren Umgang mit Krisensituationen, davon ist Philip Keil überzeugt: Denn in 80 Prozent der Unfälle saßen erfahrene Flug-Kapitäne am Steuer. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die jüngeren Co-Piloten die Situationen wohlmöglich besser unter Kontrolle gebracht hätten.

Hinsichtlich der Krisenbewältigung wird in der Luftfahrt seit einigen Jahren nach einem neuen, hierarchieloserem System verfahren, Co-Pilot und Pilot werden Rollen zugewiesen: Der Pilot Flying fliegt das Flugzeug und trifft Entscheidungen, der Pilot Monitoring überwacht die Situation. In brenzlichen Situationen sollte besser der Co-Pilot fliegen, so Keil weiter, da der erfahrene Pilot besser im Monitoring sei.

Diese Herangehensweise empfiehlt Philip Keil auch Unternehmen. "Man muss als Führungskraft oder Manager auch mal einen Schritt zurücktreten, um die Gesamtsituation besser überblicken zu können", erklärte Keil den Teilnehmern des Business Breakfast.

Auf Unternehmen übertragen wäre es von Vorteil, wenn der Chef auch mal die Rolle des Pilot Flying abgebe und stattdessen die Rolle des Pilot Monitoring übernehme. Nur so könnten die Mitarbeiter aus Fehlern lernen und zum selbstständigen Handeln motiviert werden. Am besten von Anfang an, so wie bei Keils eigener Ausbildung. Nie werde er vergessen, was der Chef-Kapitän ihm als frisch gebackenen, 22-Jährigen Co-Piloten und seinen Kollegen mit auf den Weg gegeben habe. Er sagte: "Wir sehen in Ihnen keine Co-Piloten, sondern zukünftige Kapitäne."

"An diesen Satz werde ich mich für den Rest meines Lebens erinnern", so Keil.

Führen im digitalen Zeitalter

Abgerundet wurde die Veranstaltung durch einen kurzen Vortrag vom Partner des Business Breakfasts Jürgen Bockholdt, CEO der CAREERS LOUNGE, der auf die Herausforderungen für Führungskräfte im digitalen Zeitalter einging. "Unternehmen müssen sich heute bei den zukünftigen Mitarbeitern bewerben", so Bockholdt. Und diese haben sehr genaue Vorstellungen von ihrem Wunscharbeitgeber. Um beide Interessen zusammenzubringen, dazu gründete er 2014 die CAREERS LOUNGE, auf deren Plattform sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer ihr Profil veröffentlichen können.

Jonas Triebel, Chief Operating Officer von IDG Germany, ermuntierte die anwesenden Manager in seinem Vortrag dazu, nicht nur für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu sorgen, sondern auch an ihrer eigenen Weiterqualifzierung zu arbeiten - gerade in Bezug auf Führungsskills für die Digitalisierung und nannte Beispiele aus dem Hause IDG (IDG Executive Education).

Gut gelandet bei den Teilnehmern: Über die gelungene Veranstaltung freut sich Jürgen Blockholdt (links), CEO der CAREERS LOUNGE und Partner des Business Breakfast bei der COMPUTERWOCHE.
Gut gelandet bei den Teilnehmern: Über die gelungene Veranstaltung freut sich Jürgen Blockholdt (links), CEO der CAREERS LOUNGE und Partner des Business Breakfast bei der COMPUTERWOCHE.