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Unlauterer Wettbewerb Teil eins: Mensch schlägt Maschine

27.01.2003

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Was nach den Erfahrungen der Vergangenheit einem Waterloo für die Menschheit gleichzukommen drohte, geriet zum größten Comeback seit Lazarus: Garry Kasparow, ehemals Schachweltmeister mit Tendenzen zum Genialischen, hat das Schachprogramm "Deep Junior" im ersten Spiel vernichtend geschlagen. Solche Erfolgserlebnisse von Mensch im Kampf gegen die Maschine sind nicht selbstverständlich: Kasparow war im entscheidenden Match 1997 gegen IBMs massivparallelen Rechenknecht "Deep Blue" in 19 Zügen vorgeführt, erniedrigt, vernichtet worden. Der Schock saß tief bei dem zum Exzentrischen, immer jedenfalls zum Medienwirksamen neigenden Kasparow. Den IBM-Mannen unterstellte er nach dem Mensch-Maschine-Showdown undurchsichtige Tricks. Die quittierten solchen Anwurf mit dezenter Verachtung und packten ihre Gerätschaft ein. Der Stachel blieb.

Jetzt hat Kasparow seinem nächsten digitalen Schachgegner das Fürchten gelehrt: In dem seit Sonntag laufenden und bis 7. Februar 2003 terminierten Schaukampf legt sich das Schachprogramm Deep Junior mit dem schillernden Kasparow an. Deep Junior wurde von zwei Computerspezialisten aus Israel programmiert. Amir Ban und Shay Bushinsky strickten unter Anleitung des israelischen Großmeisters Boris Alterman eine Software, die - so ist aus Expertenkreisen zu hören - etwas hemdsärmlig zu Werke geht und eine Strategie verfolgt, die man vielleicht als Kamikaze-Schach einstufen kann. Im ersten Waffengang gegen Kasparow am Sonntagabend in New York wurde diese ungestüme Taktik Deep Junior prompt zum Verhängnis. Der russische Großmeister filetierte das auf zwei Prozessoren laufende Spiel von Deep Junior in beeindruckender Weise.

Kasparow streicht als Startgeld 500.000 Dollar und im Falle des Sieges weitere 300.000 Dollar ein. Vor wenigen Monaten hatte sich der amtierende Weltmeister Wladimir Kramnik an der Turnierversion des deutschen Schachprogramms "Deep Fritz" versucht. Das im Handel erhältliche Programm, das stümperhafte Züge des menschlichen Gegners mit lakonischen Bemerkungen kommentiert ("Meinen Sie das ernst? Wollen Sie diesen Zug wirklich machen?"), hatte anfänglich gegen Kramnik ziemlich alt ausgesehen, dann aber ein furioses Finish hingelegt. Am Ende trennten sich Kramnik und Deep Fritz 4:4. Wegen der aggressiven Spielweise von Kasparow-Gegner Deep Junior hatten Experten allerdings einen leichten Gang für den Russen prophezeit. Damit scheinen die Fachleute Recht behalten zu können, zunächst jedenfalls. Momentan sieht es so aus, als ob das israelische Programm die Watsch'n einstecken muss, die Kasparow vor sieben Jahren gern Deep Blue gegeben hätte. (jm)