Web

 

Microsoft macht PR gegen Open Source und GPL

04.05.2001
Microsofts Stratege Craig Mundie hat gestern einmal mehr die Position des Konzerns zum Thema Open Source klargemacht: Quelloffene Software gefährdet sowohl die (kommerzielle) Softwareindustrie als auch ihre Nutzer.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Microsoft hat gestern in Person von Craig Mundie, seines Zeichens Senior Vice President of Advanced Strategy, einmal mehr die Position des Konzerns zum Thema Open Source klargemacht: Quelloffene Software gefährdet sowohl die (kommerzielle) Softwareindustrie als auch ihre Nutzer.

Mundie erklärte sich vor rund 150 Zuhörern an der New Yorker Stern School of Business. Der direkt Chief Software Architect Bill Gates unterstellte Topmanager kritisierte vor allem die von der Open-Source-Bewegung häufig genutzte GNU General Public License (GPL) massiv. Diese fordere Entwickler geradezu dazu auf, wertvolles Material und geistiges Eigentum aus der Hand zu geben. "Tatsächlich gefährdet die GPL die Zukunft der unabhängigen Software-Branche", so Mundie. Denn wie Softwerker dann noch Geld verdienen sollten, stehe wohl in den Sternen.

Die GPL als Quell allen Übels?

IBMs Vordenker Irving Wladawsky-Berger hatte zuvor in der Donnerstagsausgabe der "New York Times" erklärt, Big Blue habe keinerlei Probleme mit der GPL und "eine Menge Anwälte", die die mehr als eine Milliarde Dollar schweren Open-Source-Aktivitäten des Unternehmens abgesegnet hätten. Mundie konterte in seinem Vortrag: "Wer unter GPL entwickeln will, der sollte auch besser so viele Anwälte haben wie IBM. Die haben wir natürlich auch. Und wir haben entschieden, dass die Risiken bei der Entwicklung unter dieser Lizenz größer sind als die Vorteile." IBM wollte dazu keinen weiteren Kommentar abgeben.

Das Modell quelloffener Entwicklung sei ausgesprochen gefährlich, weil es die "hohe Wahrscheinlichkeit" von Zersplitterung in sich berge, wobei sich aus einer Codebasis unterschiedliche Stränge entwickelten. Ergebnis seien untereinander inkompatible Varianten eines Programms, unzureichende Interoperabilität und instabile Produkte. "Und noch dazu gibt es systemimmanente Sicherheitsrisiken", klagte Mundie.

Open Source - ein Sicherheitsrisiko?

Beistand erhielt der Microsoft-Stratege von Steve Lipner, Manager des konzerneigenen Security Response Center. Dieser erklärte im Interview mit "Computergram", Microsofts Ansatz stelle wenigstens sicher, dass entdeckte Probleme von ausgebildeten Fachleuten behoben würden. Open-Source-Produkte litten dagegen teilweise noch unter Fehlern, die mehr als zehn Jahre alt seien, weil niemand dediziert für deren Beseitigung zuständig sei. "Jeder hat mit Sicherheitslöchern zu kämpfen - das liegt in der Natur von Software. Aber man braucht Zeit, Geld und Ressourcen, um sie zu stopfen", so Lipner. "Nur weil jeder quelloffene Software inspizieren kann, heißt das noch lange nicht, dass das auch wirklich jemand tut."

Craig Mundie proklamierte anstelle von Open Source Microsofts "Shared-Source"-Modell. Dabei erhielten große Unternehmenskunden und unabhängige Softwareanbieter Zugriff auf den Quellcode des Windows-Betriebssystems, dürften diesen aber nicht abändern und auf diese Weise "Windows-Untermengen" kreieren. "Die Entwickler können den Code ansehen und verstehen, wie er funktioniert. Sie können ihre eigenen Produkte besser entwanzen, weil der Debugger nicht beim Windows-Layer endet, sondern bis auf die Kernel-Ebene heruntergeht", erläutert Business Development Manager David Coburn.

Microsoft erweitert seine Quellteilung

Für ISVs wird der Zugang zum Quellcode-"Allerheiligsten" künftig durch das "ISV Source Licensing" institutionalisiert. Einzelheiten des Programms (Verträge, Austausch von APIs über das Microsoft Developer Network) werden laut Mundie zurzeit noch ausgearbeitet. Das gerade zwei Monate alte "Enterprise Source Licensing Program" (ESLP) wurde auf zwölf weitere Länder - vornehmlich in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum, Details sind noch nicht bekannt - ausgeweitet. Bislang hatten nur rund 1000 US-Unternehmen Zugang dazu. Ferner soll es noch in diesem Jahr akademische Lizenzen für den Quellcode von Windows CE geben.

"Unsere Kunden fragen häufig nach unserer Position zu Open Source", erklärte Coburn. "Sie wollen wissen, wie wir mit dem Wettbewerb umgehen. Früher wollten sie wissen, wie wir uns gegen Novell und OS/2 aufstellen. Wir verstehen Linux als Wettbewerber und wollen darauf reagieren."

Die OSS-Szene widerspricht

Die Embedded-Linux-Company Lineo ärgert sich, dass die Gates-Company ungerechtfertigt "Angst, Unsicherheit und Zweifel" gegen Open Source und die GPL säe. Lineo habe seit Jahren aggressiv quelloffene Software genutzt und erstellt, gleichzeitig aber sein geistiges Eigentum gewahrt. "Microsoft hat abgesehen von diesem durchsichtigen PR-Manöver offenbar keine Antwort auf die lästige Bedrohung, die Open Source für sie darstellt", schrieb die Company aus Orem, Utah, in einer Stellungnahme.

Brad Kuhn, Vice President des GPL-Urhebers Free Software Foundation (FSF), bezog ebenfalls Stellung gegen Microsoft. "Wir haben die GPL geschaffen, um Anwendern und Programmierern die Freiheit zu geben, nach Belieben Code zu kopieren, zu modifizieren und weiterzugeben", so der Open-Source-Apostel. "Microsoft will diese Freiheiten abschaffen."

Gartner: Vor allem eine PR-Kampagne

Das Schlusswort überlassen wir Chris LeTocq von Gartner. Der renommierte Analyst konnte in Microsofts Rhetorik nichts neues entdecken. "Niemand könnte irgendetwas davon als unerhört bezeichnen", meint LeTocq. Microsoft schicke seine PR-Armada diesmal in Sachen Open Source an die Front. "Wir haben hier eine PR-Kampagne, die Entwickler und Kunden überzeugen soll, nicht in Richtung Open Source einzuschwenken", glaubt der Gartner-Mann. "Microsoft fühlt sich von der Open-Source-Bewegung bedroht und sieht sich mit Kunden und Unternehmen konfrontiert, die von den Vorteilen des Code-Sharings profitieren wollen."

Noch dazu missbrauche die Gates-Company das Vokabular der Open-Source-Bewegung für ihre eigenen Zwecke. Beispielsweise habe Microsoft XML aufgegriffen und bezeichne die Extensible Markup Language als "offene Sprache", erwähne aber nicht direkt, dass seine eigenen XML-Entwicklungen proprietär seien. "Sie verbinden clever das Wort "offen" mit XML. Wer aber die XML-Dateidefinitionen für Microsoft Word ansehen möchte, der muss vorher einen Vertrag unterschreiben, dass er diesen Code nie verwenden wird", ärgert sich LeTocq.