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Merrill Lynch gibt Topanalyst Henry Blodget den Laufpass

15.11.2001
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MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der einstige New-Economy-Liebling Henry Blodget wird seinen Posten als Analyst bei der renommierten Investment-Bank Merrill Lynch verlieren. Das US-Finanzunternehmen hat den 35-jährigen Spezialisten für Internet-Geschäftsmodelle und -firmen im Rahmen einer weitreichenden Restrukturierung entlassen. Insgesamt sollen 10.000 Mitarbeiter oder 15 Prozent der Belegschaft auf die Straße gesetzt werden. Blodget erhielt eine nicht näher bezifferte Abfindung.

Der Analyst erlangte bei Merrill Lynch zunächst großen Ruhm, nachdem er im November 1998 prognostiziert hatte, die Aktie von Amazon.com werde sich vom damaligen Kurs von 240 Dollar auf bis zu 400 Dollar hochschwingen. Nachdem sich seine Weissagung innerhalb von vier Wochen erfüllte, avancierte der Analyst zu einem Branchenguru. Heute ist die Amazon-Aktie allerdings nur noch zehn Dollar wert.

Im Jahr 2000 sagte Blodget dann voraus, dass 75 Prozent aller Internet-Firmen scheitern würden. In gleichem Maße, wie sich diese Prognose bewahrheitete, litt jedoch auch das Image des früheren Branchenlieblings. Er wurde zum Inbegriff jenes Typs von Marktexperten, die viele Anleger als Urheber für das Entstehen der Dotcom-Blase sahen. Im März 2001 verklagte ein Anleger Blodget und Merrill Lynch mit der Begründung, er habe aufgrund der Empfehlungen des Rating-Spezialisten Aktienverluste von 500.000 Dollar erlitten. Die Investment-Bank verteidigte Blodget zwar bis zuletzt, fand den Kläger jedoch um des lieben Friedens willen mit 400.000 Dollar ab. (ka)