Industrie 4.0 braucht agile Organisation

Kaizen – Wandel zum Besseren?

Andreas Skuin hat mehr als 15 Jahre Erfahrungen als Management Consultant, Trainer, Projekt Manager und im Business Development. Während dieser Zeit hatte er ein Beratungshaus für Change Management und Prozess Optimierung aufgebaut und entwickelt. Weiterhin gewann er Wissen und Erfahrungen zu Lean Management, Kaizen und Komplexitätsmanagement. Tätig war er für Konzerne und Unternehmen in den Branchen Energie, Maschinenbau, Automobilzulieferer, ITK und IT. Heute ist er verantwortlich für das Business Development bei der Kaizen Institute GmbH in Bad Homburg und beschäftigt sich dabei auch mit Zukunftstrends für Kaizen und Lean Management.
Industrie 4.0 verspricht, die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Doch die industrielle Revolution verlangt neue Organisationsstrukturen. Kann die japanische Arbeits- und Lebensphilosophie Kaizen ein Ansatz sein?

Der Markt verlangt zunehmend Produkte, die individuelle Kundenwünsche erfüllen, trotzdem aber preiswert sein sollen und schnell produziert werden müssen. Für die Industrie heißt das, die Produktvarianten noch mehr zu steigern und die Produktlebenszyklen zu verkürzen. Damit wird die Notwendigkeit nach einer flexibleren Produktion immer deutlicher. Im Zuge dieser zunehmenden Komplexität kommt es für Unternehmen entscheidend darauf an, richtig und schnell auf kurzfristige Änderungen zu reagieren und die unbedingte Kundenorientierung unter Berücksichtigung der Interessen der Mitarbeiter nicht aus den Augen zu verlieren.

Industrie 4.0 braucht agile Organisation

Industrie 4.0 bietet die Möglichkeit, Menschen, Objekte und Systeme zu einem dynamischen, echtzeitoptimierten und sich selbst organisierenden, unternehmensübergreifenden Wertschöpfungsnetz zu verbinden. Dieses Netz zielt darauf ab, alle Phasen des Produktlebenszyklus zu integrieren. Es lässt sich dabei nach unterschiedlichen Kriterien wie zum Beispiel Kosten, Verfügbarkeit und Ressourcenverbrauch ganzheitlich optimieren. Somit können auch Kundenwünsche von der Produktidee bis zum Recycling einschließlich verbundener Dienstleistungen mitgedacht, verfolgt und in jeder Phase des Prozesses angepasst werden.

Die japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie Kaizen soll helfen, eine nachhaltige agile Organisation zu schaffen und Mitarbeiter für Industrie 4.0 zu motivieren.
Die japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie Kaizen soll helfen, eine nachhaltige agile Organisation zu schaffen und Mitarbeiter für Industrie 4.0 zu motivieren.
Foto: marekuliasz - shutterstock.com

Mit Industrie 4.0 werden aber auch neue Bedingungen geschaffen, die den Abschied von traditionellen Unternehmensstrukturen bedeuten. Im Klartext: Zentrale Entscheidungsmechanismen, Hierarchien und starre Grenzen einzelner Wertschöpfungsschritte gehören bald der Vergangenheit an. Sie werden durch eine agile Organisation ersetzt.

Kaizen - japanische Prinzipien für Innovation

Eine agile Organisation zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie einerseits kurzfristig und adäquat Veränderungen und Ereignisse in der Unternehmensumwelt wahrnimmt und andererseits schnell und flexibel im Markt, in der Organisation sowie im Umfeld des Unternehmens zu agieren beziehungsweise zu reagieren versteht. Eine agile Organisation besitzt damit die Fähigkeit, nicht nur Risiken abzuwenden, sondern auch Chancen, Erfolgspotenziale oder Wettbewerbsvorteile in komplexen und dynamischen Umwelten zu erkennen und wahrzunehmen.

Die besten Digitalisierungsprojekte - Foto: IDG

Die besten Digitalisierungsprojekte

Um diese Fähigkeiten für eine Organisation zu schaffen, zu entwickeln und zu erhalten, bedarf es einer gelebten Kultur, die sich im Kern in den Prinzipien des "Kaizen" widerspiegelt. Der Begriff stammt aus dem Japanischen, wobei "Kai" für Veränderung und Wandel steht, während "Zen" zum Besseren bedeutet. Kaizen bezeichnet somit eine japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie. In der westlichen Industrie wurde der Ansatz oft unter dem Begriff Kontinuierlicher Verbesserungsprozess (KVP) beziehungsweise auch Continuous Improvement Process (CIP) eingeführt. Der japanische Begriff bezeichnet die innere Haltung eines jeden Mitglieds der Organisation, die Veränderung begrüßt, nie mit dem aktuellen Zustand zufrieden ist und ständig nach Perfektion sucht - wohl wissend, dass diese nie erreicht wird.

An den Unternehmenszielen orientiert, geht es im Geist von Kaizen darum, ständig wachsam zu sein, sich entsprechend der Gegebenheiten in kleinen oder auch großen Schritten zu verändern, diese zu reflektieren, und dann weitere Schritte zu gehen, um das nächste Ziel zu erreichen. Dabei werden alle Mitglieder der Organisation jeden Tag und überall einbezogen, geprägt durch ein Miteinander von Vertrauen und gegenseitigem Respekt. Die wesentliche Motivation liegt darin, die externen und internen Kundenwünsche bestmöglich zu erfüllen und den zu schaffenden Wert möglichst verschwendungsfrei im Prozess zu erzielen.

Der flexible Umgang mit Veränderungen wird durch das Implementieren eigenständiger Teams unterstützt. Diese Teams interagieren, über die Prozesskette vernetzt, crossfunktional und integrieren die Neuerungen ganzheitlich. Der Vorteil: Autonom und crossfunktional agierende Teams sind in der Lage, sich schnell an neue Gegebenheiten anzupassen und eigenständig Entscheidungen zu treffen. Dank regelmäßiger Teammeetings auf allen Ebenen werden Verschwendungen aufgedeckt und beseitigt, effizienzsteigernde Lösungen erarbeitet, neue und bessere Standards gebildet sowie Wissen vermittelt und Innovationen geschaffen. Mit anderen Worten: Agilität befähigt die Organisation, Innovation und Effizienz auch im ständigen Wandel zu leben.

Klima für kreatives Experimentieren schaffen

Mit dem gleichzeitigen Leben von Effizienz und Innovation innerhalb einer Organisation (auch organisationale Ambidextrie genannt) kommt Führungskräften in allen Bereichen sowie auf allen Ebenen und in den Teams eine wesentliche Rolle zu. Als Coach und Mentor unterstützen sie die Mitarbeiter dabei, eigenverantwortlich und kontinuierlich Verbesserungen zu realisieren und zielorientiert umzusetzen. In einem gesetzten Rahmen wird von den Beschäftigten gefordert, kreativ zu experimentieren, um Problemlösungen bis hin zu disruptiven Innovationen zu entwickeln und iterativ neue Standards zu definieren. Es sind die Führungskräfte, die für die Umsetzung und das Leben der Kaizen-Prinzipien verantwortlich zeichnen. Sie müssen für das perfekte Wechselspiel von Innovation und Effizienz sowie für Nachhaltigkeit sorgen.

Fazit

Mit Industrie 4.0 werden Möglichkeiten geschaffen, um auf die individuellen Markterfordernisse und die zunehmende Komplexität sehr flexibel eingehen zu können. Um die damit verbundenen Chancen nutzen zu können, ist es bedeutsam, organisatorische Veränderungen hin zu agilen Strukturen aktiv anzugehen.

Die Kaizen-Prinzipien liefern die Grundlage, eine agile Organisation nachhaltig zu realisieren und dabei Effizienz und Innovation gleichzeitig zu leben, also die beiden Faktoren, die für das Ausschöpfen der Potenziale von Industrie 4.0 erforderlich sind. Im Zusammenwirken bieten Industrie 4.0 und Kaizen somit eine Chance, die Wettbewerbsfähigkeit auch für die Zukunft zu sichern. (pg)

Quellen:

Agiplan GmbH, Hrsg. (2015): Erschließen der Potenziale der Anwendung von Industrie 4.0 im Mittelstand, Kurzfassung der Studie, Erscheinungsdatum: Juni 2015

Kienbaum Management Consultants GmbH, Hrsg. (2015). Agility - überlebensnotwendig für Unternehmen in unsicheren und dynamischen Zeiten.

Maasaki, Imai (2012): Gemba Kaizen: A Commonsense Approach to a Continuous Improvement Strategy, Mcgraw-Hill Education Ltd, New York, Chicago