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JavaOne: Plattner predigt Koexistenz

28.03.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - SAPs Mitgründer und Vorstandssprecher Hasso Plattner hielt gestern eine Keynote auf der Sun-Entwicklerkonferenz JavaOne in San Francisco. Sein Credo war eindeutig: Für die Zukunft ist Interoperabilität gefragt. Die Branche müsse künstliche Mauern einreißen, die Schwergewichte wie Microsoft, Oracle und auch Sun errichtet hätten, und Anwendungen entwickeln, die unabhängig von Hardware und Programmiersprache miteinander arbeiteten.

"Die Industrie wird die nächsten 20 Jahre nicht mit Anwendungen überleben, die ein paar Große gebaut haben", erklärte Plattner. "Diese Branche überlebt nur dann, wenn es eine Gemeinschaft von Entwicklern gibt, die Anwendungen erstellt, die über viele Systeme hinweg zusammenarbeiten." Eine bemerkenswerte Feststellung angesichts der Tatsache, dass die Software von SAP 30 Jahre nach Gründung des Unternehmens auf über 100 Millionen Code-Zeilen in der proprietären Sprache ABAP angewachsen ist.

Java soll hier Abhilfe schaffen - eine schiere Notwendigkeit schon aufgrund der Tatsache, dass es mittlerweile weit mehr Java- als ABAP-Programmier gibt. "Mit Software haben wir ein Problem", so Plattner weiter. "Wir, die Hersteller wollen immer besser sein als die Konkurrenz. SAP unterscheidet sich in diesem Zusammenhang keinen Deut, aber wir müssen dies überwinden. Wir müssen Standards entwickeln, damit wir das, was wir für System X geschrieben haben, ohne großen Aufwand auf System Y portieren können."

SAP hat in den letzten Jahren bereits begonnen, in bestimmten Bereichen - Portale, Projekt-Management - ABAP und Java zu kombinieren. Trotzdem liege vor der Branche noch ein weiter Weg, glaubt Plattner. Die Industrie beschäftige sich zwar bereits mit den Grundlagen offener Standards wie der Extensible Markup Language (XML); es fehlten aber noch "semantische Standards" - Computer müssten in die Lage versetzt werden, Daten über Geschäftspartner, Kunden oder Bestellungen erkennen können und wissen, was damit zu tun sei. Plattner dazu: "Die Software-Industrie bastelt sich ein Alphabet, hat aber noch keine gemeinsame Sprache erfunden."

"Die Alternative wäre ein Beschluss der Vereinten Nationen, dass die Welt nur noch Microsoft-Produkte nutzt", warnte der SAP-Chef. "Diese Bedrohung ist real. Ich konnte Bill Gates und Steve Ballmer nicht überzeugen, dass sie diesem Club beitreten."

Eher schlechte Nachrichten hatte SAP übrigens zum hauseigenen Application Server zu vermelden. Dieser werde wohl nicht vor Juni die Zertifizierung für J2EE (Java 2 Enterprise Edition) 1.3 erhalten. Damit fallen die Walldorfer noch weiter hinter die Konkurrenz im Appserver-Markt zurück. Ohnehin war SAP mit dem Produkt seiner Tochter In-Q-My (übernommen wiederum von Prosyst) erst im Oktober und damit aus Sicht vieler Experten zu spät in den bereits gesättigten US-Markt gestartet. Das Zertifikat für J2EE 1.3 ist vor allem deswegen besonders wichtig, weil es erstmals grundlegende Unterstützung für Web-Services-Standards bietet. IBM, Bea, Borland, Macromedia und Silverstream haben das begehrte Gütesiegel bereits erhalten; Oracle und Iona befinden sich in der Testphase. Bea, gemeinsam mit IBM überlegener Marktführer, hat sogar schon mit der Integration von Bestandteilen aus J2EE 1.4 begonnen, bevor dessen Spezifikation überhaupt finalisiert ist.

(tc)