Anwesenheit und keine Teilzeit

IT-Freiberufler können nicht so flexibel arbeiten

12.12.2018
Von 
Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.
Friede, Freude, Tagessätze: Im Leben der IT-Freiberufler herrscht vermeintlich eitel Sonnenschein. Doch auch die gefragten Freelancer stehen vor einigen Herausforderungen, wie eine Studie von IDG zur Lage der Branche zeigt.
Freiberufler würden gern öfters von zuhause aus arbeiten, aber viele Kunden bestehen auf eine Anwesenheit vor Ort.
Freiberufler würden gern öfters von zuhause aus arbeiten, aber viele Kunden bestehen auf eine Anwesenheit vor Ort.
Foto: GaudiLab - shutterstock.com

IT-Freiberufler haben derzeit Hochkonjunktur, vor allem diejenigen mit begehrten Skills. Inzwischen sind 50 Prozent der IT-Fachleute in den Einsatzunternehmen Externe, aufgeteilt in die Bereiche Arbeitnehmerüberlassung, selbständige IT-Fachkräfte und Outsourcing-Dienstleister. Kein Wunder, dass sich gegenwärtig nur 0,8 Prozent der Freelancer "eindeutig" für eine Festanstellung entscheiden würden, wenn sie erneut vor der Wahl stünden.

Dies hängt sicher auch mit der Entwicklung des durchschnittlichen Stundensatzes zusammen, der 2018 mit dem Höchstwert von durchschnittlich 93,80 Euro pro Stunde erwartet wird - über fünf Euro mehr als noch im Vorjahr. Diese und weitere Fakten sind Ergebnisse der jährlichen IT-Freiberuflerstudie der COMPUTERWOCHE.

zur Studie IT-Freiberufler 2018

"Der Externe ist der Erste, der geht"

Die Kompensation und deren regelmäßiger Zuwachs sind aber nur die eine Seite der Medaille. Auf der Schattenseite finden sich eine Handvoll Herausforderungen, die das berufliche und private Umfeld der Freelancer belasten. Neben Klassikern wie den gesetzlichen Vorgaben (Platz 1) und der schwierigen Planbarkeit von Anschlussprojekten gab es auch eine Vielzahl freier Antworten in der Studie.

So sei es beispielsweise schwierig, Kunden beizubringen, "dass man nicht immer 100 Prozent onsite sein muss", sowie das Problem, vernünftige Software im kleinen Maßstab für digitale Prozesse zu finden. Hier geht es etwa um Anwendungen in den Segmenten CRM oder Seminarplanung. Hinzu kommt die Unsicherheit durch "kurze Kündigungsfristen und erratisches Kundenverhalten: Der Externe ist der Erste, der geht".

Immer update zu sein ist stressig

Darüber hinaus wird die Arbeitsbelastung des Freien als Mädchen für Alles kritisiert, angefangen von der Weiterbildung über Vertrieb, Produktion und Technik sowie Familie. Schließlich müssten sich Freiberufler neben der eigentlichen Aufgabe in allen Bereichen stets auf einem aktuellen Stand halten. Dadurch sei die Arbeit "sehr stressig, und es geht nur langsam voran". Hinzu kommt, dass es schwierig sei, Teilzeit-Jobs als Freelancer zu bekommen (und sich persönlich auch an diese Work-Life-Balance zu halten). Und hat man etwas gut gemacht, "wird man darauf festgelegt und soll es immer wieder machen". Nicht nur hier zeigt sich eine Parallele zur Festanstellung.

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Trotz der hervorragenden Marktsituation befürchten 45 Prozent der befragten IT-Freelancer zumindest in gewissem Maße mittelfristig eine Konkurrenz aus Niedriglohnländern - angesichts der Tagessatzentwicklung in den vergangenen Jahren kein Wunder. In ihren freien Antworten warnen sie vor "unfairen, aggressiven Methoden zur Verdrängung, zum Teil über Gegengeschäfte" sowie vor "schlechterer Dienstleistungsqualität".

Im Fokus steht klar der Stundensatz, gefolgt von der Auftragslage: "Schlechte Arbeitsqualität wird zu einem Standard, an den sich die Stundensätze anpassen - ich kann dann meine Qualität nicht mehr halten." Als Treiber der Entwicklung gilt neben dem Fachkräftemangel und dem Kostendruck die Annahme, dass Scheinselbständigkeit und zunehmende Bürokratie "den Einkauf von Dienstleistungen aus dem Ausland für Unternehmen attraktiv" machen. Eine Folge: "Es gibt immer mehr Kollegen aus den östlichen europäischen Ländern im Projekt."

IT-Freiberufler-Studie 2018

Die Studie der COMPUTERWOCHE basiert auf einer Online-Befragung mit insgesamt 567 qualifizierten Interviews, davon 331 mit Vertretern von Einsatzunternehmen und 236 mit IT-Freelancern.

Grundgesamtheit sind zum einen die IT-Freiberufler selbst, zum anderen IT-Projektverantwortliche und IT/TK-Entscheider aus Einsatzunternehmen der DACH-Region, beispielsweise CIOs und IT-Vorstände, IT-Leiter, IT-Projektleiter, Fachbereichsleiter, Einkäufer sowie vergleichbare Funktionen.

Zeitarbeit ist für die Wenigsten eine Alternative

Grundsätzlich können sich relativ viele Freiberufler vorstellen, aus Gründen der Existenzsicherung oder vor dem Hintergrund rechtlicher Unwägbarkeiten eine Festanstellung anzustreben - jedoch sind nur wenige Freelancer bereit, in die Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit/Leiharbeit) zu wechseln. Ihre Zahl summiert sich gerade mal auf 13,3 Prozent.

Am häufigsten gefordert wird ein flexibles Umfeld, "wenn die HR-Abteilung mit neuen Arbeitsbedingungen kommt und nicht 20 bis 30 Jahre alte Vorstellungen hat", so das Statement eines Freelancers. Ein weiterer Freiberufler wünschte sich "sehr, sehr gute Bezahlung, umfangreicher Entscheidungsspielraum und variable Arbeitszeit sowie Homeoffice". Gern gesehen sind auch interessante Projekte und ein spannendes Umfeld sowie die Möglichkeit, Hunde mitzubringen ("ein Büro in Ruhe alleine").

Trotz der vielen Herausforderungen haben sich Freiberufler überwiegend mit ihrer Situation arrangiert, so die Ergebnisse der COMPUTERWOCHE-Studie. Gerade einmal jeder Achte tendiert zu einer Festanstellung, wenn es heute nochmal von vorne losgehen würde, während 62,7 Prozent angeben, dass sie eindeutig wieder als Selbständiger arbeiten würden. Allerdings gibt es auch Lerneffekte aus den bisherigen Jahren: Viele Freelancer würden bei einem Neustart ein "umfangreicheres Netzwerk aufbauen", sich "mehr und besser vernetzen", "Kontakte knüpfen" sowie "auf Kooperationen setzen". Andere wollen ihr Know-how-Angebot erweitern, um so Abhängigkeiten zu vermeiden.

Vorsätze der Freiberufler: Bessere Planung und private Vorsorge

Ein weiter wichtiger Punkt war die Vorbereitung des Sprungs in die Freiheit: "Ich habe viel Zeit verloren, um mich mit der Situation und den Gegebenheiten einer Selbständigkeit auseinanderzusetzen", so einer der Befragten. Bessere Planung und private Vorsorge - speziell im Bereich der Altersvorsorge - sowie mehr Trainings zu unterstützenden Aufgaben wie Buchhaltung wurden ebenfalls genannt.

Einige Freelancer würden aber auch "schneller Mitarbeiter aufnehmen" und "Personal einstellen", um zu wachsen. Hier schwingt immer auch der Versuch mit, die Problematik der Scheinselbständigkeit mit einer eigenen Firma ad acta zu legen. Und natürlich äußerten viele Befragte den Wunsch, "früher selbständig" zu werden, manchmal schon "während des Studiums".

Ein guter, aber schwierig umzusetzender Vorsatz war: "sich weniger aufregen." Andere würden "von Anfang an höhere Tagessätze nehmen" oder "den eigenen Wert besser einschätzen und selbstbewusster auftreten". Zusammengefasst: "Keine Angst vor Veränderung, viel früher die Entscheidung treffen und nicht auf das Geschwätz von öffentlichen Stellen hören, welche Arbeitskräfte zur Zeit gesucht werden." Die häufigste Antwort auf die Frage, was sie heute beim Schritt in die Freiberuflichkeit anders machen würden, zeigt, dass derzeit viele Freelancer derzeit oben auf der Erfolgswelle surfen: "nichts".

zur Studie IT-Freiberufler 2018