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IBM forscht verstärkt für Consulting und Services

20.11.2002
Über die neue IBM-Abteilung On Demand Innovation Services sollen Grundlagenforscher des Konzerns künftig direkt für Consulting- und Servicekunden tätig werden, erklärte Research-Chef Paul Horn.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - IBM will in den kommenden drei Jahren eine Milliarde Dollar aus seinem Budget für Forschung und Entwicklung nicht mehr für traditionelle Informationstechnik, sondern für Forschung im Bereich Consulting und Dienstleistungen ausgeben. Die Umlagerung spiegelt die wachsende Bedeutung des Servicegeschäfts für die gesamte Branche und insbesonder für Big Blue wider. Im kommenden Jahr dürften Beratung und Dienstleistungen fast die Hälfte des Konzernumsatzes ausmachen.

Im vergangenen Jahr hatte IBM 5,29 Milliarden Dollar oder 6,2 Prozent seiner Einnahmen für R&D ausgegeben; davon den größten Teil für "harte" Wissenschaften wie Materialkunde, Elektroningenieurswesen, Softwareentwicklung oder reine Mathematik. Services galten demgegenüber eher als "weltlich". Paul Horn, beim Armonker Konzern Senior Vice President Research, hält aber den Zeitpunkt für einen Paradigmenwechsel für geboten. Die Entwicklung disziplinierter Forschung an Beratungs- und Service-bezogenen Problemen sei "ein fundamentaler Wechsel in der Forschungsagenda der IT-Industrie, vergleichbar mit dem Aufkommen von Software als kritischer Disziplin Ende der 70er Jahre".

IBM hat dazu eine neue Sparte namens "On Demand Innovation Services" gegründet. Dort sind zunächst rund 200 Wissenschaftler beschäftigt, die bei Bedarf auch auf andere Bereiche der Konzernforschung zugreifen können. Mit ihrem wissenschaftlichen Know-how aus Bereichen wie Mathematik und KI (Künstliche Intelligenz) soll das Team Probleme von und für Consulting-Kunden lösen.

Beispiele: Mathematiker könnten Wertschöpfungsketten beschleunigen, indem sie neue Formeln zur Routen-Optimierung ersinnen; Experten für Content-Analyse könnten mit KI-Methoden auch nichttraditionelle Informationsquellen wie E-Mail-Verkehr erschließen und Kunden damit die Analyse ihrer internen Kommunikation erleichtern. Zunächst soll sich On Demand Innovation Services auf die vier Kernthemen Daten-Management, Geschäftsprozesse, Analytik und experimentelle Ökonomie beschränken.

Motiviert wurde IBMs teilweise Neuausrichtung von Forschung und Entwicklung nach Angaben von Ginny Rometty, Chefin der neuen Sparte Business Consulting Services, unter anderem durch die abgeschlossene Übernahme der Consulting-Sparte von PricewaterhouseCoopers für 3,5 Milliarden Dollar. Das Unternehmen wolle seinen Kunden helfen, indem es zunächst die Methoden des Consulting nutze, die wichtig zur Analyse von Problemen und für das Aufzeigen von Änderungsmöglichkeiten seien. Danach sollen sich die Berater aber mit Forschern zusammentun, "die Wissenschaft hernehmen und auf das Problem anwenden".

In der Vergangenheit habe es solche Kooperationen bereits gegeben, so Rometty, beispielsweise bei der Optimierung von Flugzeug- und Crew-Plänen für den Outsourcing-Kunden Air Canada durch IBM-Mathematiker. Mithilfe der neuen Organisation soll ein solches Vorgehen künftig zur Routine werden. Unter dem scheidenden Chairman Louis Gerstner hatte IBM schon seit geraumer Zeit seine Grundlagenforscher angehalten, ihre Ergebnisse mit den Produktgruppen zu teilen und ihre Innovationen marktreif zu machen.

Auch wenn so mancher Forscher am liebsten im Elfenbeinturm geblieben wäre. Horn zufolge fingen aber "die meisten an, das zu mögen, weil sie das positive Feedback bekamen, ihre Sachen auf dem Markt zu sehen". Der Druck in Richtung Kommerzialisierung hat der Forschung offensichtlich nicht geschadet - seit neun Jahren meldet IBM jeweils die weltweit meisten Patente an. Unklar ist Horn zufolge derzeit noch, wie die Forschungsabteilung ihre Arbeit direkt für Kunden in Rechnung stellen wird. (tc)