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HP-Chefin Carly Fiorina ist zurückgetreten

09.02.2005
Nach sechs Jahren an der HP-Spitze legt Carly Fiorina ihre Ämter als CEO und Chairman nieder. Grund sind Differenzen mit dem Board über die Umsetzung der Firmenstrategie.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Carleton "Carly" Fiorina ist mit sofortiger Wirkung als CEO (Chief Executive Officer) und Chairman von Hewlett-Packard zurückgetreten. Als Gründe nannte das Unternehmen strategische Uneinigkeiten mit dem Verwaltungsrat (Board). Finanzchef Robert Wayman hat kommissarisch die Konzernleitung übernommen, Director Patricia Dunn wurde zur Non-executive Chairman ernannt.

"Auch wenn ich es bedauere, dass das Board und ich Differenzen darüber haben, wie man HPs Strategie umsetzen sollte, respektiere ich die Entscheidung", sagte Fiorina (50) in einer vorbereiteten Erklärung. "HP ist eine großartige Firma und ich wünsche allen Mitarbeitern für die Zukunft viel Erfolg." Dunn dankte Fiorina "für ihre signifikante Führung in den vergangenen sechs Jahren"; Fiorina habe eine strategische Vision gehabt und einen Plan umgesetzt, dank dessen HP wieder habe wettstreiten und gewinnen können.

Der Aktienkurs von HP stieg im morgendlichen NYSE-Handel bereits auf 22,47 Dollar, 2,23 Dollar über den Schlusskurs vom Dienstag. Schon vor Öffnung der Börse wurden die Papiere eifrig gehandelt, das Volumen lag bei deutlich über einer Million Anteilscheine.

Der Verwaltungsrat wird umgehend mit der Suche nach einem neuen CEO beginnen. Weitere strukturelle Veränderungen oder Personalien im Management seien für den Moment nicht geplant, hieß es. Wayman und Dunn wollen später im Laufe des Tages eine Pressekonferenz geben.

Der Rauswurf kommt überraschend, selbst wenn Fiorinas Leistungen zuletzt wieder einer genaueren Prüfung unterzogen wurden. Das "Wall Street Journal" hatte im vergangenen Monat berichtet, Mitglieder des Boards zögen einen Umbau des Managements in Betracht, der Kompetenzen von Fiorina teilweise auf andere Schultern verteilen würde (auf dem World Economic Forum in Davos widersprach Fiorina später dieser Meldung und bezeichnete ihr Verhältnis zum Verwaltungsrat als "exzellent"). Ein Artikel in "Fortune" stellte gleichzeitig den Erfolg der Übernahme von Compaq in Frage, die unter Fiorinas Ägide im Jahr 2002 vollzogen wurde.

Fiorina gehörte zu den prominentesten Firmenlenkern der Vereinigten Staaten und wohl auch weltweit. Die frühere Lucent-Managerin war 1999 als erste externe CEO zu Hewlett-Packard gekommen, das seinerzeit hinter den Wettbewerb zurückgefallen war und als schwerfällig und ineffzient galt.

Während ihrer Amtszeit zentralisierte Fiorina die Macht im Unternehmen, indem sie die Zahl der Geschäftsbereiche von einstmals 83 auf eine Handvoll eindampfte und Entscheidungsbefugnisse in ihrem Office konsolidierte. Es gelang ihr, Verluste im PC-Geschäft durch massive Entlassungen und andere Kostensenkungsmaßnahmen einzudämmen, außerdem setzte sie die 19 Milliarden Dollar schwere Übernahme von Compaq durch.

HPs Gewinn und Umsatz stiegen unter Fiorinas Ägide, teils durch den Zukauf von Compaq. Im vergangenen November wies der Konzern für das Fiskaljahr 2004 einen Nettogewinn von 3,5 Milliarden Dollar aus, 38 Prozent mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum, bei um neun Prozent auf 80 Milliarden Dollar gestiegenen Einnahmen. Seit 1999 hat sich HPs Umsatz in etwa verdoppelt, der Nettogewinn ist 2004 (nach den zuvor schwachen Jahren nach dem Platzen der Hightech-Blase) wieder auf dem Niveau von 1999 angelangt. Als Fiorina bei HP einstieg, hatte das Unternehmen zuvor neun Quartale in Folge die Erwartungen der Wall Street verfehlt.

Trotzdem kämpft HP heute noch oder wieder mit vielen der Probleme, die auch bei Fiorinas Amtsantritt bestanden. Die PC-Sparte hat Marktanteile an Dell verloren, und der für Server, Storage und Software zuständige Bereich Corporate Computing steht unter Druck durch unter anderem IBM und EMC. Ungebochen stark ist allerdings die HP-Sparte Imaging and Printing, die mehr als drei Viertel des Konzerngewinns erwirtschaftet. (tc)