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Forrester: Das Netz ist mehr als nur ein weiterer Kanal

18.04.2000
Thesen zur Digitalen Ökonomie

Von CW-Redakteur Christoph Witte

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Glaubt man den Apologeten des Digital Business, unterscheidet sich die Internet-getriebene Ökonomie fundamental von der traditionellen Form des Wirtschaftens. Laut Bruce Temkin, Research Director bei Forrester Research, verändert das Netz die Beziehungen zwischen Geschäftspartnern (B2B) grundlegend.

Dieser Paradigmenwechsel führt zu einem Wandel, den noch niemand genau abschätzen kann. Dabei spielen sich aus Sicht von Forrester die stärksten Umstrukturierungen im B2B-Sektor ab, der sich in den nächsten vier Jahren dramatisch ausweiten soll. Weltweit werde sich das Online-Handelsvolumen im Jahr 2004 auf rund 4000 Milliarden Euro belaufen, prognostizieren die Auguren; das Business-to-Consumer-Volumen soll mit "nur" 417 Milliarden Euro deutlich geringer ausfallen.

Dabei ist das Netz nicht einfach ein zusätzlicher Handelskanal: Es ist spontan [instantaneous], jeder kann mit jedem kommunizieren [any-to-any], stets verfügbar [always on] und last but not least standardisiert. "Im B2B-Segment geht es um Geschwindigkeit und die Vereinfachung von Prozessen", erklärt Temkin den aufmerksam lauschenden Business-Managern auf der Forrester-Konferenz "Winning in Europe´s Internet Economy" den Unterschied zum Endkundengeschäft. Je weniger Zeit ein Unternehmen brauche, um online die wichtigsten Informationen zu bekommen, Waren zu bestellen oder eine Beschwerde loszuwerden, desto besser.

Um das zu erreichen, müssten Organisationen allerdings ihre internen Prozesse, auf deren Management sie sich bisher konzentriert haben, über die eigene Firma hinaus vernetzen. Dabei entstehen E-Business-Networks, unabhängige Unternehmen, die in Echtzeit über das Netz miteinander verbunden sind.

Für diese Netze gelten drei fundamentale Regeln:

Links sind frei.

Informationen liegen für jeden offen [information diffuses instantly].

Die Aktiva leben im Netz [assets live on the network].

Regel Nummer eins bedeutet laut Forrester vor allem, dass Partnerschaften häufig wechseln und ihre Bedingungen online ausgehandelt werden. Selbst die zu Grunde liegenden Geschäftsprozesse liegen im Netz.

Regel Nummer zwei: Nichts bleibt geheim, alles ist kopierbar. Unternehmen müssen laut Temkin "wie offene Bücher" sein - abgesehen vielleicht von einigen geschwärzten Seiten, auf denen echte Interna stehen. Außerdem, so postuliert der Forrester-Mann, seien künftig Marktdaten frei verfügbar und damit nur sehr kurzfristig wertvoll. "Ihren eigentlichen Wert gewinnen Daten oder Informationen erst dann, wenn daraus gewonnenes Wissen angewendet wird."

Das letzte Postulat besagt, dass vernetzte Firmen leichter attraktive Partner gewinnen und so schneller Neuerungen einführen können als ihre nicht vernetzten Pendants.

Die Auswirkungen des Internet verglich Temkin mit denen des Automobils, das zuerst direkte und später indirekte Konsequenzen mit sich brachte. Dass Autos andere Straßen brauchen würden als Pferdedroschken, ließ sich noch ohne große Probleme vorhersagen. Dass sie aber auch die weiträumige Trennung von Arbeit und Wohnen ermöglichen würden und im Zuge der Massenmotorisierung die Vorstädte erblühen ließen, hätte seinerzeit nicht einmal Henry Ford für denkbar gehalten. Analog dazu sieht der Forrester-Analyst in der Digital Economy Geschäftsmodelle entstehen, die sich heute noch niemand vorstellen kann. "E-Commerce reicht nicht mehr aus, der nächste Schritt heißt E-Business. Dabei steht der Online-Gedanke im Mittelpunkt der Unternehmensstrategie, und daraus entstehen unter Umständen ganz neue Modelle", so Temkin.

"Beim E-Business dreht sich alles um Spezialisierung und Zusammenarbeit." In der digitalen Ökonomie könnten nur Firmen überleben, die in bestimmten Bereichen "Klassenbester" [best of breed] seien und die Aktivitäten außerhalb dieses Kerngeschäfts von Fall zu Fall wechselnden Partnern überlassen. Die derzeit allerorten wie Pilze aus dem Boden schießenden elektronischen Marktplätze weisen laut Temkin den Weg zu der neuen Art des Wirtschaftens, indem sie die Schwachstellen bisheriger Beschaffungsprozesse attackieren und gleichzeitig selbst ein gutes Beispiel für die Effizienz einer volldigitalisierten Ökonomie abgeben.