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Durchgeknallt: Privates Surfen am Arbeitsplatz soll besteuert werden

14.07.2000
Kommentar

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Es ist kaum zu glauben, was sich Finanzbürokraten bis hoch zum zuständigen Bundesminister Hans Eichel (SPD) so alles in ihren vermutlich stillen Kämmerlein ausdenken: Einem heute bekannt gewordenen Entwurf des Finanzministeriums zufolge sollen Firmen, deren Arbeitnehmer im Büro ans Internet angeschlossen sind, ab dem kommenden Jahr für die private Nutzung des Web Steuern zahlen. Diese stelle nämlich einen geldwerten Vorteil dar. Es gelte, "analog zur Besteuerung des privaten Telefonierens am Arbeitsplatz auch für das neue Medium Internet eine Steuerlösung zu finden".

Der mutmaßliche geldwerte Vorteil soll anhand der Abrechnung des jeweiligen Internet Service Providers (ISPs) ermittelt werden. Das hieße konkret, Mitarbeiter müssten Datum, Uhrzeit und Dauer ihrer Internet-Aktivitäten notieren, über jede angesurfte Seite Buch führen und jeweils vermerken, ob der Besuch beruflichen oder privaten Zwecken diente - eine solche Regelung können sich wohl nur Beamte ausdenken, deren Arbeitsalltag mit der Realität in deutschen Unternehmen nicht das Geringste gemein hat. Statt über derart unpraktikable Einzelnachweise denken die Bürokraten aber wohl schon selbst "über eine Pauschalierung nach".

Falls Firma oder Angestellter nicht nachweisen können, dass das Web rein beruflich genutzt wurde, dürfte der Betriebsprüfer des Finanzamts die gesamten Internet-Kosten am Arbeitsplatz als geldwerten Vorteil ansehen, den das Unternehmen dann versteuern müsste. Ausnahmen soll es nur dann geben, wenn ein Arbeitgeber seinen Angestellten das private Surfen generell untersagt (und dies auch stichprobenartig kontrolliert!) oder die Auswahl an Internet-Seiten technisch auf beruflich notwendige Angebote beschränkt.

Mit anderen Worten: Unternehmen, die sich möglichst wenig mit neuen Medien befassen, werden von dieser Regierung begünstigt. Prima Idee, Herr Eichel! (tc)