Generative KI soll Unfälle vermeiden

Die GenAI-Strategie von Bosch

01.03.2024
Von 
Jürgen Hill ist Chefreporter Future Technologies bei der COMPUTERWOCHE. Thematisch befasst sich der studierte Diplom-Journalist und Informatiker derzeit mit aktuellen IT-Trendthemen wie KI, Quantencomputing, Digital Twins, IoT, Digitalisierung etc. Zudem verfügt er über einen langjährigen Background im Bereich Communications mit all seinen Facetten (TK, Mobile, LAN, WAN). 
Wie Generative KI den Verkehr auf deutschen Straßen sicherer machen kann, erklärte Bosch auf seiner hauseigenen AIoT-Konferenz BCW.
Bosch-Chef Stefan Hartung erklärte auf der hauseigenen Bosch Connected World die GenAI-Strategie des Unternehmens.
Bosch-Chef Stefan Hartung erklärte auf der hauseigenen Bosch Connected World die GenAI-Strategie des Unternehmens.
Foto: Bosch

Vision Zero ist das erklärte Ziel von Stefan Hartung, Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung, sprich null Unfälle im Straßenverkehr. Verwirklichen will der Bosch-Chef diese Vision durch die Verbindung von GenAI mit den Assistenzsystemen im Fahrzeug.

So kann GenAI im Kontext agieren

Mit Hilfe von Generativer KI sollen Fahrzeuge künftig in der Lage sein, Gefahrensituationen zu erkennen, einzuschätzen und entsprechend zu reagieren - etwa, dass womöglich Kinder auf die Straße laufen, wenn ein Ball auf die Straße rollt. Genau hier stößt laut Hartung die klassische KI an ihre Grenzen, wenn es darum geht, Systeme für das automatisierte Fahren zu trainieren. Schließlich könne sie nicht im Kontext agieren.

Vision Zero: Mit Hilfe Generativer KI sollen Fahrzeuge in Zukunft potenzielle Gefahrensituationen vorausschauend erkennen können und so Unfälle vermeiden.
Vision Zero: Mit Hilfe Generativer KI sollen Fahrzeuge in Zukunft potenzielle Gefahrensituationen vorausschauend erkennen können und so Unfälle vermeiden.
Foto: Bosch

So könnten aktuelle Fahrerassistenzsysteme zwar Personen, Tiere, Objekte und Fahrzeuge erkennen. Doch mithilfe Generativer KI seien die Assistenten künftig zudem in der Lage zu bestimmen, ob in der jeweiligen Situation ein Unfall droht, so Hartung: "Wir arbeiten daran, eine neue Dimension von KI-Anwendungen im Fahrzeug zu erschließen". Hilfe erhält Bosch dabei von Microsoft. Mit dem Konzern hatte man bereits bei der Entwicklung einer Softwareplattform für die nahtlose Vernetzung von Autos und Cloud zusammengearbeitet.

Neue Maschinengeneration mit GenAI

Anwendungen wie im obigen Beispiel zeigen für Hartung das wahre Potenzial Generativer KI, "das mehr ist als nur Texte zu schreiben oder Bilder zu kreieren". Dieses Potenzial wird seiner Ansicht nach bislang kaum genutzt. So prophezeite der Manager auf der hauseigenen Bosch Connected World (BCW), die 2014 als Europas größte IoT-Konferenz startete und sich nun als AIoT-Konferenz versteht, eine neue Generation an Maschinen, die künftig GenAI-gestützt im Kontext ihrer Umgebung agieren.

Laut dem aktuellen Bosch Tech Compass 2024 halten 64 Prozent der Befragten KI für die bedeutendste Technologie der Zukunft.
Laut dem aktuellen Bosch Tech Compass 2024 halten 64 Prozent der Befragten KI für die bedeutendste Technologie der Zukunft.
Foto: Bosch

Letztlich lasse sich mit Generativer KI deutlich mehr realisieren als bislang mit Deep Learning. So kann sich der Bosch-Chef vorstellen, dass künftig eine KI die KI anderer Maschinen trainiert, wobei wohl jede Maschine ein spezifische KI besitzen werde.

Erfolgreiche GenAI erfordert Partnerschaft

Angesichts der Masse an Daten, die dabei entstehen, und der Komplexität der zugrunde liegenden Foundation-Modelle genügt es Hartung zufolge nicht mehr, "intelligente Algorithmen mit breitem Domänenwissen zu kombinieren. Vielmehr ist die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen gefragt, weil das Potenzial Generativer KI so groß ist, dass es ein einzelner Player nicht stemmen kann".

So arbeitet Bosch neben Microsoft mit mehreren Partnern, darunter AWS, Google und Aleph Alpha, zusammen. Im vergangenen Jahr investierte die Corporate-Venture-Capital-Einheit der Bosch-Gruppe beispielsweise in das deutsche KI-Unternehmen Aleph Alpha, das sich auf KI-Lösungen für das Business spezialisiert hat.

Für Bosch-CDO Tanja Rückert ist Generative KI ein Innovationsbooster, der die Industrie ähnlich wie die Erfindung des Computers verändern kann.
Für Bosch-CDO Tanja Rückert ist Generative KI ein Innovationsbooster, der die Industrie ähnlich wie die Erfindung des Computers verändern kann.
Foto: Bosch

Eine andere Waffe im Kampf gegen die steigende Komplexität sieht man bei Bosch in smarten Sensoren sowie kleinen Edge-Computern auf denen Small Language Modells (SLMs) laufen. Diese seien nicht nur aufgrund ihres geringeren Ressourcen-Aufwands bei etlichen Business-KI-Anwendungen zielführender, hieß es.Ihre Daten ließen sich zudem leichter kontrollieren und validieren. Den Nachteil des begrenzten Wissens der SLMs und den damit verbundenen Einschränkungen bei den Antworten könnte wiederum damit begegnet werden, diese SLMs mit einem LLM zu kombinieren.

Egal wie der Markt sich entwickeln wird, eines liegt für Hartung auf der Hand: "Viele der Business-Modelle, die wir heute fahren, kann auch eine GenAI übernehmen und GenAI wird neue Geschäftsmodelle erschaffen." Unternehmen seien deshalb gut beraten, den dynamischen KI-Markt genau zu beobachten, um rechtzeitig reagieren zu können.

GenAI als Innovationsbooster

Ähnlich sieht das auch Bosch-Geschäftsführerin und Chief Digital Officer Tanja Rückert: "Generative KI ist ein Innovationsbooster und kann die Industrie verändern, ähnlich wie die Erfindung des Computers." Eine Einschätzung mit der man bei Bosch nicht allein ist. Laut dem aktuellen Bosch Tech Compass 2024 sind 64 Prozent der Befragten der Meinung, dass KI die bedeutendste Technologie der Zukunft ist. Ein Jahr zuvor waren es lediglich 41 Prozent.

Bosch testet die Anwendung von GenAI in der Fertigung bereits in zwei Werken.
Bosch testet die Anwendung von GenAI in der Fertigung bereits in zwei Werken.
Foto: Bosch

Bei Bosch selbst kommt generative KI bereits in vielen Bereichen zur Anwendung - sowohl intern als auch in Produkten. So führt Bosch beispielsweise in Nordamerika in Zusammenarbeit mit Aleph Alpha eine KI-basierte Spracherkennung im Auftrag eines Premium-Automobilherstellers ein. Ein Sprach-Bot versteht und beantwortet dabei Pannenservice-Anrufe mithilfe einer natürlichen Sprachverarbeitung, die auch Dialekte, Akzente und Stimmungen erfasst. "Bosch und Aleph Alpha wollen voneinander lernen, vom Know-how des jeweils anderen profitieren und gemeinsam an domänen-übergreifenden Anwendungsfällen arbeiten", erklärt Rückert die Zusammenarbeit.

Intern setzt Bosch ebenfalls auf Generative KI. So wurden - wie berichtet - in den zwei deutschen Werken in Stuttgart-Feuerbach und Hildesheim erste Projekte gestartet. Hier erzeugt GenAI synthetische Bilder, um KI-Lösungen für die optische Inspektion zu entwickeln und zu skalieren oder bereits vorhandene KI-Modelle zu optimieren. Bosch geht davon aus, dass sich so die Zeit von Projektierung über Inbetriebnahme bis hin zum Hochlauf von KI-Anwendungen von derzeit sechs bis zwölf Monaten auf nur noch wenige Wochen reduziert.

AskBosch als interner ChatGPT-Bot

Nach erfolgreichem Abschluss der Pilotprojekte soll diese KI-Anwendung zur Generierung synthetischer Daten allen Bosch-Standorten angeboten werden. Für Digitalchefin Rückert geht Bosch mit GenAI "den nächsten Schritt in der Evolution von künstlicher Intelligenz und hievt moderne Fertigungen auf ein neues Level".

Mit AskBosch startete Bosch Ende 2023 intern einen eigenen KI-Chatbot.
Mit AskBosch startete Bosch Ende 2023 intern einen eigenen KI-Chatbot.
Foto: Bosch

Neben den Piloten in den beiden Werken, beschäftigen sich KI-Experten bei Bosch mit inzwischen deutlich mehr als 120 konkreten Anwendungsmöglichkeiten. Dazu zählen beispielsweise die Generierung von Programmcode beziehungsweise Chat- und Voicebots zur Unterstützung von Technikern oder zur Interaktion mit Endkunden. So ging beispielsweise Ende 2023 die unternehmensinterne KI-Suchmaschine "AskBosch" live. Über natürliche Sprache bietet AskBosch zusätzlich zu extern verfügbaren Daten einen Zugriff auf verschiedene, etwa im Intranet verteilte Datenquellen. So können die Mitarbeiter auch unternehmensspezifische Informationen recherchieren.