Open Source

Der neue goldene Käfig: Microsoft GitHub



Peter H. Ganten ist Gründer und CEO der Univention GmbH und Vorsitzender der Open Source Business Alliance. Er beschäftigt sich seit 1994 mit Open Source im professionellen Einsatz, ist Autor eines erfolgreichen Handbuches zu Debian GNU/ Linux und tritt als Experte auf Fachkonferenzen und Veranstaltungen auf.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint: Der Kauf von LinkedIn und GitHub durch Microsoft ist für die Geschäftswelt mindestens so bedeutsam wie der Kauf von WhatsApp durch Facebook für Privatanwender.

Mit Office365 und LinkedIn verfügt Microsoft bereits über zwei große Plattformen, mit denen sich dienstliche Aktivitäten von Anwendern gezielt aufzeichnen und auswerten lassen. Mit der Übernahme von GitHub kommen nun Softwareentwickler und -projekte hinzu. Und genau da sehe ich eine große Gefahr.

Was verbirgt sich hinter den aktuellen Zukäufen von Microsoft?
Was verbirgt sich hinter den aktuellen Zukäufen von Microsoft?
Foto: AlexLMX - shutterstock.com

Durch die gezielte Zusammenführung von Informationen verschafft sich Microsoft Wettbewerbsvorteile gegenüber Mitbewerbern - und muss Stand heute kaum Reglementierung von Kartell- und Datenschutzbehörden fürchten.

Microsoft verschafft sich Einblick in die Arbeit von Mitbewerbern

Microsoft weiß durch das Zusammenführen von Informationen aus GitHub, Office 365, LinkedIn und weiteren Angeboten mehr über Mitarbeiter, als das betroffene Unternehmen selbst. Es entsteht eine gewaltige Datenbasis, über die Microsoft eigene Cloud-Angebote vermarkten oder die Informationen an Dritte verkaufen kann - sogar an die Konkurrenz.

Durch den Besitz von GitHub kann Microsoft zudem sehr genau beobachten, welche Softwareprojekte erfolgreich sind, wer sie nutzt und wie sie konkret eingesetzt werden. Dadurch wird das Unternehmen in die Lage versetzt, seine Angebote um stark nachgefragte Funktionen zu ergänzen oder innerhalb kürzester Zeit neue Produkte zu erschaffen.

Microsoft kann beispielsweise sehr genau erkennen, wie welche Organisationen eine bestimmte Groupware nutzen und exakt diese Funktionen später als Teil von Office365 anbieten. Unternehmen und Organisationen wird die Nutzung von Microsoft-Produkten hingegen so bequem gemacht, dass sie sich kaum gegen einen Vendor-Lock-in wehren können.

Bequemlichkeit im Tausch gegen tiefe interne Einblicke

Auch für Entwickler ist die Übernahme alles andere als unkritisch: Microsoft wird GitHub mit hoher Wahrscheinlichkeit eng mit seiner Azure-Plattform verbinden. Die Bereitstellung von Software aus GitHub würde damit in Azure deutlich einfacher werden als bei Google oder bei Amazon Web Services. Die Nutzung wird zwar auch unabhängig von Azure möglich sein. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass es früher oder später auf den ersten Blick nette Zusatzangebote gibt, die nur mit Azure funktionieren werden – beispielsweise das kostenlose Testen von Quellcode.

Für die Entwickler und Softwareunternehmen mag dies zunächst bequem erscheinen, doch besteht hier die Gefahr eines Vendor-Lock-in – so wie viele Cloud-Entwickler es bei Amazon auch schon erlebt haben. Zudem werden sie durch die weitere Nutzung von GitHub eher unfreiwillig zu Informationsgebern für einen ihrer gefährlichsten Konkurrenten.

Insbesondere Hersteller von Business-Software sollten sich darüber im Klaren sein, dass GitHub für ihre eigenen Kunden zukünftig eher Informationsquelle und Eingangstür für finanzkräftige Mitbewerber, als eine wirklich offene Entwicklungsplattform bleiben wird. Unternehmen, die ihre Software vermarkten wollen, sollten deshalb sehr genau überlegen, ob GitHub längerfristig die richtige Wahl für sie ist – oder sie besser zu Alternativen wie Bitbucket, GitBucket oder Gitlab wechseln sollten. Solche Alternativen haben den Vorteil, dass sie sich jederzeit auch unabhängig von einem Cloud-Anbieter wie Microsoft oder GitHub im eigenen Rechenzentrum oder beim Anbieter des eigenen Vertrauens betreiben lassen.