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CW extraKT: Leben und Leben lassen

08.02.2002
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In der kommenden Ausgabe vom 15. Februar finden Sie die neue "CW extra". Als zweites Appetithäppchen veröffentlichen wir heute vorab einen Beitrag mit Best Practices zur Einrichtung eines Kooperationsportals.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die Zusammenarbeit in einer Supply Chain ist nur dann erfolgreich, wenn alle Beteiligten davon profitieren. Dreh- und Angelpunkt hierfür ist die reibungslose Integration von Prozessen und Anwendungen.

Von Andreas Bienert und Caspar Herzberg*

Große Unternehmen sind in der Regel an vielen Standorten tätig, kooperieren mit einer steigenden Zahl von Partnern und lagern Aufgaben, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören, an Dritte aus. Führungskräfte müssen in diesem Dschungel von oft konfliktgeladenen Beziehungen und technischen Schnittstellen die Konkurrenzfähigkeit sichern und gleichzeitig die Zusammenarbeit mit den Partnern innnerhalb der Supply Chain erfolgreich gestalten. Damit alle Beteiligten profitieren, ist es notwendig, Informationen zwischen Muttergesellschaften, Outsourcing-Partnern, Zulieferern und Kunden reibungslos und schnell auszutauschen. Die wesentliche Frage lautet daher: Wie können Unternehmen durch intensive Zusammenarbeit besser als ihre Konkurrenz abschneiden?

Die Kooperation zwischen Unternehmen und ihren Partnern dient dem umfassenden Informationsaustausch und der Koordination der Geschäftsplanung. Technisch gesehen lässt sich diese Zusammenarbeit über das Internet oder mittels altbewährter Systeme wie Electronic Data Interchange (EDI) und ähnliche direkte Systemlinks bewerkstelligen. Dabei wird vordringlich mit ausgesuchten Partnern zusammengearbeitet, die als Hauptkunden identifiziert wurden. Diese können entweder den größten Prozentsatz des Umsatzes des Unternehmens ausmachen oder gezielt als strategisches Zukunftspotenzial definiert werden.

Solche Initiativen zur Kooperation - unter anderem auf privaten Marktplätzen - bieten den Vorteil leichterer Technologie- und Verfahrensintegration, da die Partner in der Regel bereit sind, sich die Last zu teilen, die Investitionen in Technologie, Implementierung und Verfahrensprüfungen mit sich bringen. Durch elektronische Kommunikation auf Basis gemeinsamer Protokolle und offener Standards formalisieren und vertiefen Betriebe bestehende Geschäftsbeziehungen: Ein anschauliches Beispiel ist Ciscos privater Marktplatz "eHub", der Tausende von Teilnehmern aufweist. Einer Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zufolge führen eine gute Zusammenarbeit zwischen Kunden und Zulieferern sowie die daraus folgende Informationstransparenz zu Einsparungen bis zu 70 Prozent innerhalb der gesamten Supply Chain.

Die Schlüsselfaktoren für den Erfolg einer lückenlosen Kooperation innerhalb einer Supply Chain liegen in den Verfahren und Technologien. Hier unterscheidet man grundsätzlich fünf verschiedene Arten der Kooperation:

Zusammenarbeit bei der Zulieferung: Damit synchronisiert ein Unternehmen den Materialbedarf mit der Kapazität der Zulieferer.

Zusammenarbeit hinsichtlich der Nachfrage: Sie ermöglicht die Synchronisation der Herstellungsplanung mit dem Kundenbedarf.

Zusammenarbeit bei der Herstellung: Dadurch lassen sich die Produktion und der Materialfluss von fertigen und halbfertigen Waren abstimmen.

Zusammenarbeit bei der Konstruktion: Darunter sind die gemeinsame Forschung und Entwicklung, das Design sowie die Fertigung von Prototypen zu verstehen. Ferner lassen sich Rückkopplungsmechanismen von Herstellern, Zulieferern und Kunden integrieren. Dies beschleunigt die Markteinführung.

Zusammenarbeit in der Logistik: Sie ermöglicht die Synchronisation von Auftragsabwicklung, Logistik und Lieferung.

Die Zusammenarbeit bei der Zulieferung und der Nachfrage ist gegenwärtig die geläufigste Art der Kooperation.

Aus technischer Sicht ist die zentrale Schnittstelle für übergreifende Transaktionen derzeit ein Kooperationsportal. Dieses stellt den Informationsfluss zwischen den beteiligten Parteien sicher und ermöglicht gemeinsame Planungsmaßnahmen in Bezug auf Prognosedaten, Bestellinformationen, Fakturierung und Bestandsniveaus für Bestände, die von Lieferanten geführt gewerden (Vendor Managed Inventory). Hier liefert die amerikanische Compaq Corp. ein gutes Beispiel: Das Unternehmen verbesserte mit Hilfe eines Kooperationsportals die Genauigkeit der Prognosen und Nachfrageplanung um 20 Prozent. Auch Unternehmen aus der Elektronikindustrie haben die Zusammenarbeit mit Kunden als einen der Schlüsselbereiche für die Verbesserung ihrer Supply Chain identifiziert. Durch die Zusammenarbeit bei der Zulieferung erhalten die Beteiligten Daten zu Materialbedarf, Bestellinformationen, Rechnungen, Bestandsniveaus, Zahlungen,

MRP-Daten, Teile- und Nummerncodes.

Der Prozess sieht folgendermaßen aus: Der Kunde sendet eine Bestellung durch ein Kooperationsportal an den Hersteller. Dieser analysiert die Order anhand eines Supply-Chain-Planungsprogramms, bevor die dazugehörenden Materialbedarfsangaben über das Portal an die Zulieferer geschickt werden. Der Hauptzulieferer wiederum berechnet mit seiner Software die Mengen oder Waren, die als verfügbar zugesagt werden können, und schickt eine verbindliche Mengenzusage durch das Kooperationsportal zurück an den Hersteller. Der prüft die Zusage abschließend gegen die Materialanforderungen; wenn diese nicht erfüllt werden, beschafft er weiteres Material über einen Sekundärzulieferer.

Zu den Vorteilen dieser Art von Zusammenarbeit gehören ein rasches Reagieren auf unvorhergesehene Lieferengpässe, verbesserte Lagertransparenz und Beziehungen zu mehreren Zulieferern, minimierter Bestellvorlauf und kürzere Beschaffungszyklen. Der Hardwarehersteller Dell Computer Corp. beispielsweise ist mit seinen Hauptzulieferern, die 90 Prozent des Einkaufsvolumens ausmachen, online über eine B-to-B-Plattform verbunden. Die Zulieferer erhalten in Echtzeit Einblick in die Kundennachfrage, was sich wiederum in geringeren Lagerbeständen, höherer Qualität und geringeren Kosten niederschlägt.

Um eine solche intensive Zusammenarbeit zu gewährleisten, müssen allerdings sehr große Datenmengen über ein Kooperationsportal versendet werden. Daneben gilt es, Anwendungen und Geschäftsabläufe zu integrieren und gleichzeitig Datentransparenz zu schaffen. Die Weiterentwicklung zu einem lückenlosen Kooperationsprozess muss daher durch einen offenen, modularen und flexiblen Aufbau der einzusetzenden Produkte sichergestellt sein. Die Interoperabilität lässt sich dazu mit dem XML-Standard realisieren.

Eine Software, die all diese Anforderungen erfüllt, ist derzeit nicht am Markt. Daher ist es notwendig, verschiedene Anwendungen zu integrieren, um eine vollständige Lösung für das gesamte Unternehmen und seine Partner zu erzielen. Dazu bietet sich EAI-Software (Enterprise Application Integration) an, etwa von Tibco, Crossworlds oder Webmethods, oder Portalsoftware von Demantra oder i2 Technologies sowie Demand-Planning/Supply-Chain-Planning-Tools von i2 oder Manugistics. Bildlich gesprochen sind die unterschiedlichen Instrumente, mit denen Nachfrage, Zulieferung und Materialbeschaffung bei den jeweiligen Kooperationspartnern unterstützt werden, intern mit

EAI-Software wie mit einem "Schnittstellen-Klebstoff“ verknüpft.

Das Kooperationsportal ist der Schlüssel für die Zusammenarbeit, da es die nötige Transparenz sowie Steuerungsmöglichkeiten beim B-to-B-Datenaustausch bietet. Und dies sowohl innerhalb des Unternehmens mittels innerbetrieblichem Intranet als auch außerhalb für die Partner, die über das Internet am Prozess teilnehmen. Die verschiedenen Anwendungen innerhalb einer Firma, wie beispielsweise ERP-Software ( Enterprise Resource Planning wie SAP R/3), Supply-Chain-Planner und Demand Planner sowie das Portal sind ebenfalls mit EAI-Tools verknüpft.

EAI-Lösungen schaffen ein verbindendes Rahmenwerk, das es Unternehmen gestattet, vollständige Geschäftsprozesse abzubilden sowie Arbeitsabläufe und Datenaustausch zwischen verschiedenen Anwendungen sicherzustellen. Damit steigt die Fähigkeit, auf Änderungen im Markt schnell reagieren zu können. Bei der Integration der Frontend- und Backend-Systeme (beispielsweise von Siebel über SAP R/3 bis zu den Legacy-Systemen) werden in der Regel Internet-Anwendungen genutzt. Über aufgabenspezifische Portale können Daten ausgetauscht sowie projektbezogene Aufgaben bearbeitet werden. Zwischen den Geschäftspartnern müssen Anwendungen und Prozesse über Unternehmensgrenzen hinweg integriert werden, um die Geschäftsprozesse der Handelspartner, Zulieferer und Logistikdienstleister auf eine gemeinsame Plattform zu stellen.

Mit Hilfe eines EAI-Assessment lassen sich die notwendigen Fähigkeiten analysieren, die ein Unternehmen für die Umsetzung einer leistungsfähigen Integrationslösung benötigen. Dabei ist es unerheblich, ob diese als Paket eingekauft oder in Eigenregie gebaut wird. Vier Ebenen sind für den Erfolg entscheidend:

Geschäftsprozess-Management: Diese Ebene ist für die Definition und das Management von unternehmensübergreifenden Anwendungen und Abläufe innerhalb und zwischen den Unternehmen zuständig. Dies ist von erheblicher Bedeutung, da die reibungslose Datenkommunikation innerhalb eines genau definierten Geschäftskontexts erfolgen muss.

Application-Connectivity-Ebene: Sie stellt die dauerhafte und geschützte Verbindung zu Unternehmensanwendungen wie ERP und den spezifischen Legacy-Systemen durch verlässliche, ereignisbasierende Kommunikation sicher.

Transformations- und Formatierungsebene: Sie ist für die Umwandlung von Daten sowie Kommunikationsinhalten und -syntax zuständig. Damit werden unterschiedliche Formate aus heterogenen Systemen und Datenquellen vereinheitlicht. Diese Ebene sorgt für den Erhalt des Informationsgehalts und der -struktur bei den Botschaften, die zwischen den Systemen der kooperierenden Partner zirkulieren.

Communications Middleware: Sie ist die Architektur für verschiedene Messaging-Modelle und das Routing von Botschaften gemäß Inhalten und Kontext. Diese Dienste schaffen die Verbindungen zwischen unterschiedlichen Datenquellen, sorgen für sichere Übermittlung und gewährleisten die Interoperabilität zwischen Protokollen.

Immer mehr Unternehmen stellen sich der Aufgabe unternehmensübergreifender Zusammenarbeit und setzen dabei auf die Möglichkeiten von EAI. Einer aktuellen Studie von Accenture zufolge glaubt die überwältigende Mehrheit der CIOs und CTOs in Europa, dass EAI eine fundamentale Voraussetzung für technologische Leistungsfähigkeit ist, und 70 Prozent der Befragten wählen derzeit einen Anbieter für EAI-Software aus. Hier konzentriert man sich auf die fünf großen Anbieter: IBM, STC, Tibco, Vitria und Webmethods. Einige Großunternehmen implementieren zurzeit bereits EAI in Zusammenhang mit unternehmensübergreifenden Kooperationslösungen.

Die Vorteile bei der Umsetzung von EAI kommen allerdings nur dann zum Tragen, wenn die Weiterverwendbarkeit, schnelle Einführung und geringe Wartungs- und Supportleistungen gesichert sind. Der Anbieter von EAI-Software muss durchgängige Standards anwenden und gewährleisten. Hier entwickelt sich die Java 2 Enterprise Edition (J2EE) zum etablierten Modell, auf dem die meisten EAI-Lösungen und -Plattformen aufsetzen. Hinzu kommen Protokolle wie CIDX, PIDX, RNIF2.0, Biztalk oder ebXML, die derzeit in den unterschiedlichen Branchen eingeführt werden.

Pilotprojekte für Kooperationslösungen sind innerhalb von sechs Monaten machbar. Der erste Schritt ist eine interne Evaluation der prozesstechnischen, systembezogenen und organisatorischen Voraussetzungen. Bei der Suche nach einem Partner für die Pilotimplementierung sollte vor allem die Frage gestellt werden, mit welchen Herstellern und Dienstleistern sich eine langfristig vorteilhafte Beziehung aufbauen lässt und wer die notwendige Erfahrung mitbringt. Der nächste Schritt besteht in der Auswahl der Hardware und Software, die selbstverständlich auf die bestehenden Systeme und Abläufe des Unternehmens abgestimmt werden muss. Danach sollte die Zusammenarbeitslösung mit einem im E-Business erfahrenen Hauptkunden in Form eines Pilotprojekts implementiert werden.

Im Anschluss an diese Vorlaufphase sollte die Lösung auf weitere Hauptkunden ausgeweitet werden. Wichtig ist bei diesem Schritt, dass es sich um Partner handelt, bei denen entwickelte, akzeptierte Geschäftsprozesse bereits vorhanden sind. Die Auswahl sollte auf Vertrauen und auf Beziehungen beruhen, von denen beide Seiten profitieren. Dies ist der wahrscheinlich wichtigste Aspekt: Die Partner müssen alle profitieren. Wenn die Kooperationsbemühungen nur einseitig sind, scheitert das Vorhaben. Die Partner müssen ferner über technische Voraussetzungen zur Web-gestützten Kooperation verfügen und sich der Notwendigkeit zur intensiveren Zusammenarbeit bewusst sein.

Fünf Faktoren sind für den erfolgreichen Aufbau eines überbetrieblichen Kooperationsmodells entscheidend:

Einbeziehung flexibler Technologie, um eine Konfiguration für jede Art von B-to-B-Beziehung zu ermöglichen.

Koordination der Geschäftsabläufe zwischen den Partnern, damit Ressourcen und Fertigkeiten umfassend genutzt werden können.

Vertrauensbildende Maßnahmen wie der Austausch von Goodwill mit den Partnern, da eine starke und vielseitig genutzte Beziehung einen dauerhaften gegenseitigen Vorteil gewährleistet.

Aktualisierung der Datenbanken und Harmonisierung der Anwendungen bei den beteiligten Partnern; eine gute Zusammenarbeit ist mit redundanten, duplizierten oder unstrukturierten Daten nicht möglich.

Eindeutige Kommunikation der Vorteile gegenüber den Partnern: Für den Erfolg engagiert sich nur, wer den Wert des Modells von Anfang an versteht.

*Andreas Bienert ist Senior Manager in der Strategieberatung bei Accenture in Sulzbach/Taunus, Caspar Herzberg ist dort Senior Consultant.