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CeBIT: Nie mehr "weltgrößte Microchips" - Hightech-Nation Russland

07.03.2007
"Ein Hoch auf die sowjetischen Microchips, die größten Microchips der Welt!" - es ist keine zwei Jahrzehnte her, als sich die Russen noch über ihre veraltete IT-Welt hinterm Eisernen Vorhang lustig machten.

Seitdem hat das Land einen Sprung nach vorn gemacht. Branchenriesen wie Intel, IBM oder HP beschäftigen tausende russische Entwickler. "Sie arbeiten viel eigenständiger als die Inder", lobt ein deutscher Softwarehersteller. Als "die innovative Nation" präsentiert sich das Partnerland Russland auf der diesjährigen CeBIT vom 15. bis 21. März in Hannover. Die Begeisterung wird allerdings von Raubkopierern, Cyberkriminalität und Geheimdienstkontrolle über das Internet getrübt.

Der russische Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre beruhte fast ausschließlich auf den Rekordpreisen für Energieträger und andere Rohstoffe. Präsident Wladimir Putin dringt deshalb seit langem auf eine Diversifizierung der heimischen Wirtschaft. "Die Informations- und Kommunikationstechnologien sind Russlands nächster Bodenschatz", verkündet Kommunikationsminister Leonid Reiman selbstbewusst. Der Kreml fördert spezielle Wirtschaftszonen.

Russland gewinnt sowohl als Produzent als auch als Absatzmarkt an Bedeutung. Nach Angaben des deutschen Branchenverbandes BITKOM hängen mittlerweile mehr als 10.000 Arbeitsplätze in Deutschland vom Exportgeschäft mit Russland ab. Die deutsche Software AG zum Beispiel zählt in Russland etwa 100 Kunden, darunter die Kreml-Administration, den Gasmonopolisten Gazprom, die Fluggesellschaft Aeroflot, den Rüstungsexporteur Rosoboronexport sowie die russische Eisenbahn. Der russische ITK-Markt wächst seit 2000 jährlich um knapp 20 Prozent.

Auf der Gegenseite stehen für 2007 russische Softwareexporte im Wert von 1,5 Milliarden Euro. Der Prozessorhersteller Intel beschäftigt die meisten Ingenieure außerhalb der USA in Russland. Die dramatische Abwanderung von bestens ausgebildeten Entwicklern der 1990er Jahre ist gestoppt. Viele russische Programmierer kehren in ihre Heimat zurück. Vor allem bei Sicherheitstechnologien sind die Russen längst weltweit akzeptiert - man denke nur an Kaspersky-Programme.

Das Thema Sicherheit hat in Russland aber auch seine Schattenseite. International steht Russland im Ruf, zu wenig gegen betrügerische Computer-Hacker sowie Software-Piraterie im eigenen Land zu unternehmen. Nach Einschätzung von Experten stammen viele der so genannten Phishing-Mails aus Russland. Allein im vergangenen Jahr sollen Kriminelle aus Russland etwa 50 Millionen Euro von westlichen Bankkonten gestohlen haben, wie Interpol in Moskau mitteilte.

Ein noch größerer Schaden entstand westlichen Musikkonzernen bislang durch in Russland basierte Internetplattformen wie Allofmp3.com, die Musik für Schleuderpreise zum Herunterladen anboten - und sich unter Hinweis auf russisches Urheberrecht für legal erklärten. Der Streit um die Online-Anbieter wuchs sich gar zu einem Hindernis für den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation WTO aus. "Auch bei uns wächst das Interesse am Schutz der Urheberrechte", versichert der IT-Chefstratege des Kommunikations -Ministeriums, Oleg Bjachow. "Wir haben den Anteil der Raubkopien von über 90 Prozent bereits auf 60 Prozent gedrückt", verkündet er stolz.

Auch die Flut der unerwünschten Spam-Mails soll zum beachtlichen Teil aus Russland stammen. Die britische Zeitung "Sunday Times" stellte ihren Lesern im Februar den Programmierer Lew Kuwajew als "Mastermind eines globalen Spam-Imperiums" vor. Der 34-jährige Russe sei verantwortlich für Milliarden von Mails, in denen für riskante Aktien oder das Potenzmittel Viagra geworben wird. Auch Kuwajew sei ein Beispiel für die Globalisierung Russlands. Der gebürtige Moskauer eignete sich sein Computerwissen als Jugendlicher in den USA an, um dann zurück in Russland mit seinen Web-Machenschaften die Welt heimzusuchen. (dpa/tc)