Distributed Ledger im Einsatz

Blockchain-Praxis in der Finanzbranche

01.11.2019
Von   IDG ExpertenNetzwerk

Benjamin Matten ist Head of Future Banking Solutions bei NTT DATA Deutschland. Mit seiner langjährigen technologischen und bankfachlichen Expertise, auch in SAP for Banking, gestaltet er als Strategic Architect erfolgreich große IT-Transformationsprojekte in der Bankenbranche und darüber hinaus. Zudem ist er Vorstandsvorsitzender des BITKOM Arbeitskreis Blockchain.

Erfahren Sie, wie die italienische Bankenvereinigung ABI mit einer Blockchain-Lösung die Geschäftsprozesse von 17 Banken automatisiert.

Laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom sehen Banken und Versicherungen großen Nutzen in der Blockchain-Technologie. Das Potenzial als dezentrales Transaktionssystem und Handelsplattform etwa stufen 77 Prozent der Befragten aus Banking und Insurance als groß oder sehr groß ein. Zum Vergleich: Im Durchschnitt aller Branchen tun das 70 Prozent der Teilnehmer.

Die Finanzbranche kann bei Prozessen zwischen Banken von der Blockchain profitieren. Alledings sind Kooperation und minutiöse Planung gefragt.
Die Finanzbranche kann bei Prozessen zwischen Banken von der Blockchain profitieren. Alledings sind Kooperation und minutiöse Planung gefragt.
Foto: Pushish Images - shutterstock.com

Dennoch sind die Beispiele für erfolgreiche Umsetzungen in der Praxis unter deutschen Finanzinstituten bislang eher selten. Rechtliche Unsicherheiten, die 85 Prozent der Befragten aus der Branche als Herausforderung sehen, dürften der Hauptgrund dafür sein. International ist der Finanzsektor hier bereits deutlich weiter, wie das Beispiel "Spunta" in Italien belegt.

Clearing-Prozesse vereinheitlicht

Die italienische Bankenvereinigung ABI meldete bereits im Herbst 2018 die erfolgreiche Entwicklung einer Plattform für das Interbanken-Clearing für dokumentäres, nicht digitalisiertes Geschäft, unter anderem mit Schecks, Unternehmensanleihen etc.

Das Projekt mit dem Namen Spunta steht kurz davor, bei rund 200 italienischen Banken in den Produktivbetrieb zu gehen. Aktuell läuft die Pre-Production-Phase, an der neben der ABI selbst 17 Banken beteiligt sind. Damit vermeiden die Kooperationspartner einen taktischen Fehler, den viele Unternehmen in der Vergangenheit gemacht haben. Sie experimentieren nicht unter Laborbedingungen innerhalb einer einzigen Organisation, sondern beziehen von Anfang an mehrere Banken -mit ein.

Blockchain, respektive Distributed Ledger Technology (DLT), entfaltet ihren Nutzen vor allem in Netzwerken unterschiedlicher Organisationen. Die verschiedenen Player zusammenzubringen und einen Interessenausgleich herzustellen, der alle profitieren lässt, ist deshalb die wichtigste Grundlage einer Blockchain-Entwicklung.

Mit Spunta demonstriert die Kooperation unter Führung der ABI, was es bedeutet, mit DLT produktiv zu arbeiten und wie Unternehmen davon in der Praxis profitieren können. Mehr als 1,2 Millionen reale Transaktionen, das Aufkommen von 60 Arbeitstagen bei 14 Banken, konnten innerhalb von wenig mehr als drei Sekunden (3,28 s) auf einem Knoten der DLT-Plattform abgebildet werden. Zum Vergleich: Mit dem herkömmlichen Verfahren benötigt allein der Abgleich der Kontobewegungen eines Monats zwischen zwei Banken mehrere Tage. Damit verschafft das neue Verfahren nicht nur der Bankenvereinigung, sondern auch jeder einzelnen Bank mehr Transparenz über ihre nicht digitalen Bestände. Gleichzeitig sinkt der Aufwand für den Kontenabgleich bei allen Beteiligten.

Bankenvereinigung startet Initiative

Die Initiative zu dem Projekt kam von der italienischen Bankenvereinigung ABI, die die Vorschriften zur Reconciliation definiert. Ziel war es, die Abläufe in einem Business Network aller italienischen Banken zu vereinheitlichen und zu beschleunigen - und zwar, ohne dafür eine zentrale Infrastruktur aufzubauen und zu betreiben.

Bislang unterhielten jeweils zwei Finanzinstitute ein gemeinsames Clearing-Konto, auf dem eins der beiden Unternehmen die bilateralen Bewegungen monatlich abglich. Da es keine einheitliche Kennung der Transaktionen gab, passierten häufig Fehler beim automatischen Abgleich und die manuelle Nachbearbeitung konnte sehr lange dauern. alle zwei bis drei Jahre entstand zusätzliche Aufwand, wenn die Verantwortung für das Clearing zwischen den Beteiligten wechselte.

Klare Rollenverteilung

Für die Umsetzung des Projekts ist das ABI Lab, das Forschungs- und Innovationszentrum des ABI, als Business Network Governor verantwortlich. Technischer Partner des ABI Lab und Business Network Designer im Spunta Projekt ist ein IT-Dienstleister mit einem Team von 25 Blockchain- und IT-Experten, die verschiedene Verfahren ausprobiert hatten, um eine DLT-Lösung für den Clearing-Prozess zu entwickeln.

Der Business Network Operator SIA stellt die Infrastruktur für das Distributed Ledger inklusive der Knoten und der physikalischen Vernetzung der Banken bereit. Dabei integriert SIA neben 14 Cloud-basierten auch Knoten, die über drei private Netzwerke angebunden sind. Die DLT-Plattform selbst wurde mit der Blockchain-Plattform r3 Corda Enterprise realisiert.

Skalierbare Lösung mit 1,2 Millionen Transaktionen getestet

Ob sich der Prozess für eine DLT-Implementierung eignet, wurde zu Beginn durchaus kontrovers diskutiert. Dagegen sprach unter anderem, dass es sich um einen eher kleinen Prozess handelt. Allerdings bot er die Möglichkeit, eine Lösung im kleinen Rahmen zu entwickeln und dann zu skalieren. Schnell zeigte sich, dass die Arbeit an diesem Prozess die Grundlage für weitere Anwendungen schaffen könnte.

Nach einer viermonatigen Analyse und Gesprächen mit allen beteiligten Banken entstand im ersten Halbjahr 2018 ein Proof of Concept (POC) mit einem funktionalen Test bei den 14 bis dahin beteiligten Banken. Nach dem erfolgreichen Funktionstest kamen drei weitere Banken hinzu. Gleichzeitig wurde die Plattform auf eine neue Version von Corda Enterprise (3.1) umgestellt. Trotz der veränderten Rahmenbedingungen konnte das Projekt-Team den Performance-Test mit den Daten von 1,2 Millionen Transaktionen wie geplant erfolgreich abschließen.

Neben der Corda-App für den eigentlichen Clearing-Prozess mussten dazu eine Reihe weiterer technischer Komponenten bereitgestellt werden. Dazu gehörten unter anderem ein Web-Front-End für den Zugriff aller Beteiligten auf die Anwendung, eine RESTful API für die Interaktion der Plattform mit den diversen Banking-Systemen und ein Identity Provider zur eindeutigen Kennzeichnung der Transaktionen.

Derzeit läuft die Abstimmung des neuen Interbank-Abkommens. Der Migrationsplan und die Project-Governance sind bereits festgelegt. Nach dem Produktivstart docken sukzessive alle in der ABI vereinten italienischen Banken an die DLT-Plattform des Spunta-Prozesses an. Planung für die Einbeziehung weiterer Produkte in den Clearing-Prozess existieren ebenso wie Ideen, die Plattform auch außerhalb Italiens zu erweitern.

Teamwork und Abstimmung sind Pflicht

Automatisierung und Transparenz in unternehmensübergreifenden Prozessen lassen sich nur gemeinsam erreichen - in vielen Gesprächen und mit einer klaren Aufgabenverteilung. Außerdem erfordert DLT aufgrund ihrer Komplexität und ihrer rasanten Entwicklung neben akribischer Vorbereitung und detailliertem Know-how enge Kontakte zu Herstellern und Communities. Dafür eröffnet eine einmal aufgebaute DLT-Plattform im Zuge der zunehmenden Vernetzung von Unternehmen ein hohes Nutzenpotenzial durch zusätzliche Anwendungen und die Integration weiterer Partner. (jd)