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Bitkom warnt: IT-Fachkräfte werden rar

19.05.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Zu scheinbar unpassender Zeit warnt der Branchenverband Bitkom vor Fachkräftemangel in der deutschen IT-Industrie: Während die IT-Arbeitgeber, die zum Teil auch Mitglieder des Interessenverbands sind, potenzielle Studienanfänger abschrecken, weil sie über Verlagerung von IT-Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer diskutieren sowie die Überkapazitäten und Preisverfall im IT-Servicemarkt beklagen, mahnt der Bitkom die Folgen rückläufiger Studentenzahlen in den Informatik-Studiengängen an. "Ab 2008 wird die Nachfrage in den Unternehmen die Zahl der Absolventen wieder übertreffen", sagte Jörg Menno Harms, Vizepräsident des Bitkom und langjährige Chaf von HP Deutschland.

Mittelfristig benötigen Firmen der ITK-Branche (ITK = Informationstechnologie und Telekommunikation) und IT-Abteilungen in Unternehmen anderer Branchen pro Jahr zwischen 15.000 und 17.000 Absolventen. Doch die Zahl der Erstsemester in den Informatik-Studiengängen ist von 38.000 im Jahr 2000 auf 28.600 im Jahr 2004 gesunken - und rund 50 Prozent der Anfänger werden erfahrungsgemäß ihr Studium abbrechen. "Dieser Rückgang gefährdet die Innovationskraft unseres Landes", warnte Harms. Die Zahl hoch qualifizierter Mitarbeiter, insbesondere aus den technischen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen, sei für das Innovationspotenzial einer Volkswirtschaft entscheidend.

Schon jetzt nehmen weniger deutsche Schulabgänger ein Studium auf als im OECD-Durchschnitt (OECD = Organization for Economic Cooperation and Development; Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit). Auch die Zahl der Absolventen von ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen im Verhältnis zu den Erwerbspersonen ist in Deutschland zu niedrig. Die hohe Zahl der Informatik-Studenten in den vergangenen Jahren ging vor allem zu Lasten der Ingenieurwissenschaften wie zum Beispiel der Elektrotechnik. Damit geht der in anderen Fächern zu beobachtende Zustrom an die Hochschulen gerade an den Zukunftstechnologien ITK vorbei. Mit anderen Worten: Gelingt es nicht, mehr junge Menschen für techniknahe Studiengänge zu begeistern, werden die Unternehmen in Zukunft verstärkt ausländische Fachkräfte einstellen oder Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ins Ausland verlagern müssen - weil die Experten im deutschen Arbeitsmarkt fehlen.

Denn nach 2008 wird die Zahl der Schulabgänger - und damit ab 2010 auch die Zahl der Erstsemester - sinken. Bis zum Jahr 2020 wird nach der Prognose der Kultusministerkonferenz die Zahl der Studierenden im ersten Fachsemester von maximal 547.000 (2008) auf 484.700 zurückgehen. Darüber darf auch die derzeitige Debatte um eine "Überfüllung" der Hochschulen und die bis 2012 steigenden Studentenzahlen insgesamt nicht hinwegtäuschen. Denn nach diesem Zeitpunkt sinkt die Zahl der Studierenden in Folge der rückläufigen Erstsemesterzahlen unwiderruflich. Um diesen demografischen Trend aufzufangen, müssten sich die Schulabgänger vermehrt für technisch-naturwissenschaftliche Studiengänge entscheiden. Dies ist derzeit jedoch nicht erkennbar. Zudem stagniert der Anteil weiblicher Informatik-Studierenden seit Jahren bei 17 Prozent, in der Elektrotechnik und dem Maschinenbau liegt er unter zehn Prozent.

Zudem forderte der Bitkom die Ausbildungsstätten auf, die Abbrecherquote von rund 50 Prozent zu reduzieren. "Die Hochschulen müssen sich ihre Studenten gezielt aussuchen dürfen, ihre personelle Betreuung verbessern, ihre Studiengänge klarer strukturieren und den Praxisbezug erhöhen", sagte Harms. Es sei nicht akzeptabel, wenn die Hochschulen auf die sich abzeichnende Überlast in einzelnen Fachbereichen mit Abschottungen reagierten. Stattdessen müssten die effektiven Studienzeiten verkürzt und die Effizienz der Ausbildung erhöht werden. Dies sei mancherorts nur mit zusätzlichen Kapazitäten für die Betreuung gerade der jüngeren Semester möglich. "Wenn die Landesregierungen auch in Zeiten knapper Kassen hier klug investieren, wird der Innovationsstandort Deutschland insgesamt davon erheblich profitieren", so der Bitkom-Vizepräsident. Auch müssten die Einnahmen aus Studiengebühren konsequent für die Verbesserung der Lehre verwendet werden, forderte Harms. Die Akzeptanz der Gebühren sei umso höher, je unmittelbarer der Mehrwert für die Studenten ist.

Als gelungenes Beispiel für eine hochwertige wie straffe Ausbildung nennt Bitkom die Berufsakademien in Baden-Württemberg und anderen Bundesländern. "Solche praxisnahen und kooperativen Studiengänge muss die öffentliche Hand fördern und ausbauen - und das bundesweit", lobt Harms. Ähnliches gelte für den Bachelor-Abschluss: Diese Absolventen hätten eine stringente Hochschulbildung durchlaufen und echte Berufsfertigkeiten erworben. Nicht vergleichbar seien jedoch Konstrukte wie der "Bachelor Professional", den Kammern und andere Bildungsträger verleihen wollen: "Bundes- und Landesregierungen dürfen nicht durch eine formale Anerkennung solcher Abschlüsse die Einführung und Akzeptanz akkreditierter Bachelor- und Masterstudiengänge bei Unternehmen und Studierenden gefährden", sagt Harms. (jha)